Drei Fälle...


           Das war vor zwei Wochen. Auf der Holzbrücke am Fluss lag Reif, an einzelnen Stellen gab es etwas Glatteis. Trotz vorsichtiger Bewegung rutschte ich auf dem stärker geneigten Abgang auf der anderen Flussseite aus – denn von unvernünftigen Kraftprotzen war das hölzerne Geländer abgerissen worden.
      Mein invalides linkes Knie schmerzte höllisch, auch das linke Fußgelenk. Zum Glück kamen zwei Personen, die mir auf die Beine halfen. Mehr kriechend als gehend kam ich nach Hause.
    An beiden genannten Gelenken bildeten sich deutliche Hämatome heraus. Drei Tage lang musste meine Frau früher aufstehen, um den an seine Zeit gewöhnten Hund an meiner Stelle auszuführen. Sie hatte so allen Grund, für mich eine wirkungsvolle Salbe zu beschaffen, welche dafür sorgte, dass die Blutergüsse sich relativ rasch zurückbildeten.
      Dann hinkte ich wieder durch die Gegend. Denn die Überdehnungsschmerzen blieben noch eine Weile. Auf dem Basar wurde ich bemitleidet – meine leichte Behinderung wurde erkannt und hinterfragt. Allerdings bewegte ich mich weiter – liegen und ruhen bildet die Beschwerden nicht zurück.
          Drei Tage vor meinem Geburtstag hatte es nachts geregnet und der nasse Boden war tagsüber nicht recht abgetrocknet. Beim Mittagsspaziergang mit Hund blieb ich mit dem eingeschränkt einzuknickenden Bein an einem aus dem an einer Stelle höheren Bürgersteig herausragenden Stück Bewehrung hängen und knallte drei Schuljungen vor deren Füße. Sie sprangen entsetzt zurück. Da raffte ich mich auf und sagte: „Kinder, ich bin nicht betrunken. Nur hingefallen – seht ihr die Armatur dort, an der ich hängen blieb?“ Sie nickten erleichtert.
         Ich jedoch war auf der gesamten linken Körperseite von der schwarzen Muttererde richtig verschlammt. Habe aber den Hund erst ausgeführt – auch, wenn einzelne Leute eigenartig guckten. Vor allem, als ich mich in die Reihe vor dem Geldautomaten stellte. Der ab diesem Tag begann, nur noch 500 Hrywna auszugeben – etwa 35 Euro. Teilmobilmachung im Lande…
        Am Geburtstag dann Fall Nummer drei. Ungesehen hatte sich an den Hauslatschen die linke Sohle gelöst. Als ich den Müll in den Müllschlucker geworfen hatte und hochstieg zur Wohnung, blieb diese an der vorletzten Treppenstufe hängen und ich segelte mit dem Kopf auf die Flurtür zu. Der Urknall war in der Wohnung zu hören, aus welcher meine besorgte Frau gestürzt kam. Am Abend beschloss der Familienrat, mir einen Sturzhelm zu besorgen. Für alle Fälle. Allerdings sorgte ich auch noch dafür, dass die so bequemen, aber abgetragenen Hausschuhe im Müll landeten. Der blaue Fleck unter meinem Bürstenschnitt wurde an der Geburtstagstafel von den Gästen gebührend zur Kenntnis genommen.

      Meine Zahnärztin und ihre Gehilfin haben heute mein Kompliment, dass ich bei ihnen den „Genuss der Heilung“ erlebe, mit sichtlicher Freude entgegen genommen. Aber dazu gibt es einen Post in meinem Blog http://reich-weil-gesund.blogspot.com/ 

Bleiben Sie recht gesund!

Ihr

Siegfried Newiger






Er hinterließ eine gute Spur


        Wir waren zum Sonntag nach dem hier noch begangenen Internationalen Frauentag, dem 09. März 2014, zu Gast gebeten worden. Zu den hier so genannten „pominki“ – einer Gedenkfeier genau nach einem Jahr zum Todestag unseres Freundes Pavel.
            Als wir in die Gaststätte kamen, waren die meisten Plätze an der Tafel bereits besetzt. Etwas ungewöhnlich für ein Land, in welchem der relativ ungezwungene Umgang mit der Zeit eher die Regel ist. Allerdings konnte ich aus den kurzen Gedenkreden entnehmen, dass diese außergewöhnliche Pünktlichkeit in der noch wirkenden Hochachtung für den Verstorbenen begründet war.  
           Pavel Demidenko war ein fröhlicher, aber dennoch leiser Mensch gewesen. So nenne ich alle jene in meinem Leben, welche ohne die Stimme zu verstärken, ihre Bitten ebenso wie ihre Forderungen durchsetzen können. In erster Linie deshalb, weil sie dieses sich-selbst-gehorchen vorleben.
          Einer der Väter moderner Pädagogik, der Schweizer Pestalozzi, hat schon vor rund 200 Jahren gesagt: „Erziehung ist Liebe und Vorbild.“
            Pavels Kollegen sagten – jeder mit anderen Worten – immer das Eine: „Er war gewissenhaft, hielt Wort, half in jeder Situation, hatte goldene Hände und umfangreiches, anwendungsbereites Wissen. War konsequent – konnte auch Nein! sagen, wenn er etwas doch nicht wusste oder konnte.“
          So wirkt ein vernünftiger Mensch weiter, auch nach seinem Ableben. Allerdings ist es im Alter zu jeder Gedenkfeier immer schwerer, einige Gedenkworte etwa nicht zu formulieren, sondern diese vorzutragen. Vielleicht versteht der eine und die andere, dass es immer ein wenig die Vorahnung des eigenen endgültigen Abschieds ist, welche die Kehle zuschnürt.
          Deshalb, um die ersten Augenblicke zu überwinden, wendete ich mich zum Bild des zu Ehrenden und verneigte mich. Danach konnte ich nur sagen: „Solange ich als einer der Ältesten hier am Tisch lebe, werden ich mich an Pavel erinnern.“  Wir tranken ohne anzustoßen auf das Andenken eines allen teuren Menschen.
        Den in einer kleinen runden Schüssel servierten Borstsch aß ich mit Appetit. Danach wendete ich an meine Nachbarin und fragte, ob ich richtig beobachtet hätte, dass zu Hochzeitsmahlen grundsätzlich keine Suppen gereicht werden. Und wenn ja – warum? Weil das in Deutschland anders sei. Dort wird in vielen guten Gaststätten eben täglich die besonders schmackhafte „Hochzeitssuppe“ aus dieser Gegend angeboten. Mir wurde meine Beobachtung bestätigt. Der Grund dafür wäre, dass eine Hochzeit eben etwas Besonderes, Einmaliges sei. Wir diskutierten das Thema nicht weiter – jede Nation, ja jede Gegend eines Landes hat ihre Traditionen.

Bleiben Sie recht gesund!

Ihr

Siegfried Newiger








Was ist Ewigkeit?


           Heute Morgen waren wir mit unserem Hund an einer Stelle vorbeigekommen, wo der frische Kadaver  so eines herrenlosen Tiers herumlag – von einem Fahrzeug an den Straßenrand geschleudert.
            Etwas später gab mir eine Bekannte auf dem Basar ein kleines Päckchen – darin waren einige Kekse und Schokoladenkonfekt. „Heute ist der neunte Tag.“ sagte sie dazu. Weil sie arbeiten muss, wollte sie so sichern, dass Freunde und Bekannte bei einer Tasse Tee ihres verstorbenen Sohnes gedachten. Am neunten Tag, wie es die Sitte will.
         Diese so deutliche Konfrontation mit der Ewigkeit treibt mich an die Tastatur meines Notebooks.

     Vor einem Jahr war ich von einer Reise zurückgekommen, als wir zur Beerdigung gebeten wurden. Die Mutter unserer Freundin war gestorben. Mit Vornamen Maria. Zur feierlichen Erinnerung an sie wurde wie hier allgemein üblich an ihrem Todestag ein Mittagessen gegeben. Zu dem waren ohne besondere Einladung alle gebeten worden, welche sie auf den Friedhof begleitet hatten.
     Als wir kurz vor 13 Uhr in der kleinen Gaststätte eintrafen, waren fast alle Teilnehmer der Feier bereit anwesend. Nach Ablegen von Mänteln und Jacken bekam jeder eine recht lange, jedoch sehr dünne Wachskerze in die Hand. Sie war in eine dünne weiße Serviette gehüllt, damit der sie Haltende nicht mit Wachs bekleckert wurde. Ich wollte sie in die Rechte nehmen – meine Frau machte mich darauf aufmerksam, dass die in der linken Hand zu halten sei.
     Der in eine golden scheinende Soutane gekleidete Priester begann die Messe. Etwa 15 Minuten dauerte sein relativ eintöniger Sprechgesang. Weil das Ukrainische für mich nur langsam gesprochen einigermaßen verständlich ist, habe ich außer dem recht häufigen „Herr sei uns gnädig!“ und hin und wieder den Namen der Verstorbenen nichts verstanden. Allerdings kann da manchmal auch die Jungfrau Maria gemeint gewesen sein. Mit der Zeit fiel mir auf, weshalb die Kerze links zu halten gebräuchlich ist. Die rechte Hand wird zum regelgerechten Bekreuzigen gebraucht.
      Irgendwie machte sich in der sehr gefassten Situation das moderne Leben bemerkbar. Ein nicht ausgeschaltetes Handy verlangte gebieterisch danach, ausgeschaltet zu werden. Die Besitzerin hatte Probleme, es rasch zu finden und zum Schweigen zu bringen…
     Ehrwürden sprach zum Abschluss mit allen gemeinsam das Vaterunser. Danach wendete er sich den nächsten Verwandten zu. Diese baten erst einmal zu Tisch.
      In dem Ablauf war zu Beginn etwas anders als vorgesehen passiert. Tochter Natascha bemerkte, dass vor das Bild der Verstorbenen weder das Gläschen Hochprozentiger noch der Teller mit einer Scheibe trockenes Brot platziert worden waren, was sie schleunigst nachholte. Der Priester bat seine Schwestern und Brüder anschließend, vor dem Mahl gemeinsam zu beten. Ich stand natürlich gemeinsam mit allen auf.
     Die Tafel war reichhaltig gedeckt – das Reis-Rosinen-Gericht „kolowo“, von dem drei Teelöffel voll zu Beginn des Schmauses gegessen wird, stand sichtbar bereit. Alle Trinksprüche galten der Verstorbenen. Ausgetrunken wurde, ohne vorher anzustoßen.

     Natürlich weiß ich, was sich gehört. Aber sowohl das „Ewiges Gedenken“ des Priesters – die Worte gehören zum kirchlichen Ritual – als ähnliches auch von Einzelnen der Gedenkgemeinde rufen bei mir eine gewisse Abneigung hervor. Natürlich ist es verlockend zu glauben, dass man dich „ewig“ im Gedächtnis behält. Nur frage ich mich, wie lange dann die Personen leben wollen, welche dieses Andenken bewahren könnten?
      Ja, Goethe und Einstein haben sich durch ihr Lebenswerk gesellschaftliche Anerkennung und Erinnerung geschaffen. In dieser modernen Welt bröckelt ihr Bild jedoch mit der Zeit auch in den gesellschaftlichen Schichten, welche von ihren Leistungen nicht berührt werden.
     So lächle ich in mich hinein. Über die so geäußerte  menschlichen Eitelkeit selbst im Angesicht der einmal alle erwartenden Vergangenheit. 

Bleiben Sie recht gesund!

Ihr

Siegfried Newiger






Nutzensfreude


           Hier in der Überschrift haben Sie ein neues Wort. Von mir erfunden.  Das Gegenteil der Schadensfreude. Von der man sagt, sie sei die reinste Freude. Das kann ich nicht bestätigen. Denn noch klarer als diese Freude scheint mir die, welche aus Guttun herrührt. Freude von einer Tat ausgelöst, welche jemanden einen, selbst sehr kleinen Nutzen bringt.
          In unserem Hause wohnt ein Nachbar – direkt über uns. Wenn Kostja geht, läuft er fast so wie ein Sportler der Disziplin „Gehen“. Außerdem scheint er ständig in Eile. Aber er hat Zeit für angenehme Kleinigkeiten. Wir streben von verschiedenen Seiten auf die Haustür zu. Ich mit angeleintem Hund. Er ist viel eher an der Tür als ich, öffnet sie. Jedoch wartet er auf uns. Wir begrüßen einander mit Handschlag und fahren im Lift hinauf. Ich bedanke mich für die Freundlichkeit.
          Ein anderes Mal, auch nicht selten: wir kommen aus der Vorsaaltür, hören über uns das Schließen dieser und wie jemand uns vor der Nase weg den Aufzug heraufruft. Die Person besteigt den Lift, lässt den anfahren und auf unserer Etage halten. Es ist Kostja. Außer ihm gibt es niemandem im Hause, der so gutmütig-gutwillig gegenüber jedem Nachbarn ist. Auch ihm ein Dankeschön, als er die Haustür aufhält – obwohl er es scheinbar eilig hat.
           Ich freue mich immer, wenn sich mir gegenüber eine Person hilfreich verhält – ohne vorläufig darauf direkt angewiesen zu sein.
           Im Erdgeschoß wohnt eine über 80 Jahre alte Frau, die mit Mühe laufen kann. Einkäufe erledigt ihre Tochter für sie, die einige Minuten entfernt wohnt. Nur hat die alte Dame den eisernen Willen, bei trockenem Wetter (auch bei Frost) täglich mindestens eine Viertelstunde auf der Bank vor dem Hause an der frischen Luft zu sitzen.
           Sie freut sich, wenn Kai zu ihr kommt, damit sie ihn ausgiebig streicheln und zausen kann. Besonders dankbar ist sie, wenn wir sie auf ihrem Weg zur oder von der Bank treffen und ich ihr die recht schwere Tür aufhalte. Welch eine Kleinigkeit – und wieviel gute Laune bei beiden danach! 
         Ja, kurzzeitig – ich weiß das, liebe Kritiker. Aber wie heißt es bei so treffend bei Robert Browning: „Jede Freude ist ein Gewinn und bleibt es, auch wenn er noch so klein ist.“
       Oder diese Worte eines unbekannten Autors, die für mich noch einprägsamer sind: „Hilf heute einem anderen Menschen. Dadurch werden deine Freude und Begeisterung gestärkt.“
       Meine Natascha bewies vor einigen Tagen, dass sie ebenso positiv denkt und machte damit gleich mehreren Menschen eine Freude – auch mir. Unsere Freundin Nina hatte dreimal eine Stirnhöhlenoperation hinter sich bringen müssen. Natascha hatte sie im Krankenhaus besucht. Dabei hatte sie erfahren, dass die arme Frau zu einer Nachuntersuchung nach Kiew musste. Deshalb bot sie ihr an, die Fahrt dorthin zu übernehmen.
       Aufstehen in aller Herrgottsfrühe, um bei recht intensivem Verkehr die rund 80 km so zeitgerecht zu überwinden, dass die eben erst gesundete Frau rechtzeitig alle Stationen besuchen konnte, welche zur Einschätzung ihrer Invalidität zu begehen waren. Es ist hier nicht der Ort, die gesamte Geschichte auszuwalzen. Nina hat sich mit Tränen in der Stimme bedankt. Innere Bewegung und Freude am Ergebnis waren meiner Lieben auch anzumerken. Und ich freute mich darüber, dass eine Freundschaft weiter gefestigt wurde. 
            Tun Sie Anderen und damit sich Gutes. Selbst wenn es Kleinigkeiten sind - es kommt zu Ihnen zurück. Sicher!

Bleiben Sie recht gesund!

Ihr

Siegfried Newiger  
















Für mich ein Kürbis...


           Der Morgen des 13. Januar 2014 begann damit, dass ich seit langem einmal verschlafen habe. Plötzlich meldete sich gegen 06.30 Uhr Nataschas Handy. Gute Bekannte ständen vor der Haustür. Sie wollten uns zum Neuen Jahr nach Julianischem Kalender und ukrainischer Sitte beglückwünschen.
            Üblich ist das eigentlich eher auf dem Dorfe. Belaja Zerkov mit rund 220.000 Einwohnern ist dann ja ein recht großes…
             Als wir – ich im Schlafanzug – die Wohnungstür aufmachten, kam erst der Enkel, dann der Opa und noch ein Bekannter in die Wohnung. Sie hatten Weizen in den Jackentaschen. Erst „bezauberte“ (kolejdowal) uns der Enkel mit seinen Sprüchen und streute uns Weizen vor die Füße – danach die beiden Männer. Von denen waren die Wünsche etwas deftiger, dafür flogen die Weizenkörner auch fast bis an die Zimmerdecke und in die Haare.
             Das war einst der typische Frühjahrszauber, um gute Ernten zu erbitten. Den Brauch gab es auch ähnlich im Spreewald (Zapust mit dem Zampern). Also hat mich das hier nicht besonders überrascht, nur eben in der Frühe.
         
          Dafür gab es einen besonderen Abend. Wir waren in das Cafe eingeladen worden, in dem Sohn/Stiefsohn Pavel vor vielen Jahren seinen zweiten Arbeitsplatz bekam, nachdem er genau zwei Jahre beim damaligen Bischof der hiesigen Diözese als Koch gearbeitet hatte.
          Allerdings ging es nicht um Erinnerungen, sondern um seine Verlobung. Bei Hochzeiten war ich schon zu Gast – eine ukrainische Verlobung erlebte ich allerdings erstmals. Weil ich wusste, dass es nach Brauchtum zugehen sollte, habe ich mich zurück gehalten.
          Pavels Taufpate war der „Hochzeitsbitter“ – ich finde leider keinen anderen passenden deutschen Ausdruck dafür. Als wir ankamen, waren er mit Frau und die künftige Schwiegermama mit ihren Töchtern schon anwesend, dazu der Onkel der Mädchen mit seiner Frau. Der Tisch für den bescheidenen Empfang war eingedeckt.
          Auf einem kleinen Tischchen am Rande lag ein winziger Kürbis und etwas in ein helles Handtuch Eingewickeltes. Pavel hatte ein ebenso samtweich verpacktes besonderes, süßes und mit vielen Ornamenten verziertes Weißbrot dabei. Nach der gegenseitigen Begrüßung stellten sich die beiden „Gruppen“ einander gegenüber und es begann der „Brauthandel“.
           Der Hochzeitsbitter begann mit der Frage, wer unter den jungen Mädchen denn heute zu Gebot stünde. Das überraschte die drei Damen – aber Tolja hat Humor und war vorbereitet.
           Also begann er seinen „Bräutigam“ nach aller Kunst eines Marktschreiers (wenn auch leiser) anzupreisen. Mit den Qualitäten (davon die meisten echt) blieb der Ausgang des Handels eigentlich vorhersehbar. Aber die Mädchen sind pfiffig. So nahm Maria (Mascha) den Kürbis. Er ist, wenn ernsthaft übergeben, die Ablehnung der Werbung. Da aber Mascha weiß, dass ich Kürbissuppe mag, kam sie lächelnd auf mich zu und übergab mir den kleinen Kürbis.
          Dann holte sie das runde, mit allerlei Verzierungen versehene Weißbrot im Handtuch und übergab es Pascha – also Zustimmung.
          Anschließend legte sie dem Hochzeitsbitter ein buntes langes Handtuch um die rechte Schulter, band es über seiner linken Hüfte zusammen. Seiner Frau schenkte sie ein feines Schultertuch und zum Schluss „band sie ihn an sich“ – ein weißes Tuch um Paschas rechten  Oberarm. Dem zarten Mädchen habe ich die Kraft nicht zugetraut, mit welcher sie ihm fast den Arm abschnürte wie bei einer stark blutenden Wunde.
        Beide Seiten küssten nach der Überreichung die glänzende Oberfläche des ausgepackten und übergebenen Brotes – erst danach die Verlobten einander, nachdem Mascha ihren Verlobungsring angesteckt bekam. 
          Der Abend war lustig, die Trinksprüche dem Anlass angepasst. Ich habe wohl recht tief ins Glas geschaut – denn dem Taxifahrer nannte ich als Fahrziel „Berlin!“ Er fragte schlagfertig, ob ich denn genug Geld eingesteckt hätte.  Wir blieben in Belaja Zerkov.

Bleiben Sie recht gesund!

Ihr

Siegfried Newiger






Menschenleben und Faulheit

           Vorgestern in der Frühe war ich etwas später „in die Gänge gekommen“. Der Weg zum Erholungsheim Dubrawa  über den Fluss – ich ging ihn erneut erst zum dritten Mal nach dem durch Hund Kai provozierten Sturz. 
            Mein Freund Viktor Wassiljewitsch hatte mir ja geraten, besonders vorsichtig zu sein.  Also alle Ballspiele zu lassen, auch Ski- und Schlittschuhlaufen. Weil das vor 43 Jahren bei einem Wegeunfall beschädigte und von ihm mit kunstvoller Operation vor dem Steifwerden bewahrte Knie nach einem weiteren Unfall endgültig unbeweglich würde. 
         Die von unserem Hund bei Glatteis provozierten Ansätze zu dieser Situation gleiche ich erst gegenwärtig aus. Mit den Schmerzen geht das – dafür aber auch wieder mit dem Gehen. Es ist für mich immer wieder erstaunlich, wie viele Leute sogar schon weit vor  meinem Alter immer fauler werden. 
        Viktor, mit 88 Jahren sogar 12 Jahre älter als ich,  hat das einmal mit einer Frage charakterisiert: „Was meinst du – wer ist mein größter Feind?“ Weil ich ihn als einen aufrechten und auch humorvollen Menschen kenne, war mir die Vorstellung eigenartig. Aber auch gutwillige und gutmütige Personen haben Neider und Feinde… Er wartete einige Augenblicke, deutete hinüber und sagte: „Das Sofa!“ Den Hinweis habe ich sofort verstanden. Wer rastet, der rostet - sagt man in Deutschland. Gefiel ihm.

           Am Flussufer trafen wir ein Paar – mit ihrer Hündin, einer Cane-Corso-Dame. Wer die Rasse nicht kennt: etwas kräftiger als ein Rottweiler. Sie ist gewöhnlich sehr ruhig und zurückhaltend. Aber an dem Morgen kam sie freiwillig an mich heran und begann, sich intensiv an meinen Beinen zu scheuern. Das tat meinem noch schmerzenden Knie nicht gut. Aber ich machte darum kein Aufheben. Als sie zum Abschluss der Begrüßung mit ihren vom feuchten Erdreich doch recht schmutzigen Pfoten an mir hochkam, verbot ihr der Hausherr das doch. 
          Diese offensichtliche Art des Beweises ihrer Zuneigung nach relativ langer Zeit unserer Abwesenheit überraschte ihre Besitzer und erfreute mich besonders. Denn am nächsten Tag war ich bei ihr schon wieder „eingeordnet“, d. h. sie würdigte mich keiner besonderen Aufmerksamkeit. Vielleicht auch, weil sie das Verbot vom Vortag noch nicht vergessen hatte… Die intellektuellen Leistungen unserer Tierfreunde erstaunen mich immer wieder, wenn ich diese erlebe. 
            Nachdem ich den Hund daheim abgegeben hatte, durfte ich zum Basar. Auf dem Weg dahin ging ich am Kiosk unserer guten Bekannten Olga vorbei. Während unserer Unterhaltung kam eine Frau ganz aufgeregt und fragte nach einer Prepaid-Karte für ihr Handy. Olga suchte die passende und reichte sie heraus. Die Frau fragte, ob ihr der Sowieso bekannt sei. Sie bekam eine bejahende Antwort. Der Mann, 64 Jahre alt, sei in der Nacht verstorben. Nach Meinung der Ärzte wegen eines gelösten Thrombus in einer Beinvene. 
          Ich wusste von ihm, dass er nach einiger Zeit unterlassen hatte, die ihm von den Ärzten verordneten Elastikstrümpfe zu tragen. Weil ich diesen Ansatz zur Faulheit hinter mir habe. Denn auch da hat Viktor Wassiljewitsch seinen Anteil daran. Seine eindringliche Mahnung, wieder zu den ungeliebten, weil umständlich anzuziehenden Strumpfhosen zurück zu kehren, war von der geschickt platzierten Bitte getragen, mich ihm als nun dienstältesten Freund doch so lange wie möglich zu erhalten. Und von den wissenschaftlich belegten Todesfällen selbst in der Luft durch bei Vibration sich leichter lösenden Tromben. 
             Die Bewegung täglich – ob mit oder ohne Hund – das reine Lebenselixier. Wer sich das Gehen und Handeln nach sinnvollen ärztlichen Empfehlungen nicht abgewöhnen lässt, ist gut dran und drauf. 

Bleiben Sie recht gesund! 

Ihr 

Siegfried Newiger  





Ein Hundeleben


           Das war gestern, beim Morgenspaziergang. Im Halbdunkel, dem so genannten Morgengrauen. Die Gruppe der eine läufige Hündin verfolgenden Rüden auf dem gegenüber liegenden Fußweg hatte ich schon gesehen, als wir auf den Mittelstreifen der Allee eingebogen waren. Ich hatte sofort meinen Kai wieder an die Leine gelegt, damit er sich nicht auch in einem Anfall von Vermehrungswut mit der Meute davonmachte. Sie rannten wie üblich ungeordnet durcheinander, sich ab und zu untereinander beißend. Um derjenige zu sein, der die Art fortpflanzen darf – wenn er sich durchsetzt. So erneut herrenlose Welpen in die ukrainische Wirklichkeit zu entlassen.
               Kurz vor einem relativ langsam fahrenden Oberleitungsbus rannte die Gruppe über die Straße auf den Mittelstreifen. Sie konnte den diesen Bus  überholenden PKW nicht sehen. Der Fahrer wohl auch nicht die Hundemeute. Den letzten und wahrscheinlich auch kleinsten  erwischtes es. Ein typischer „weicher“ Knall, der helle Hundekörper segelte sich überschlagend durch die Luft. Das Tier kam überraschend schnell auf die Beine und raste – wahrscheinlich unter Schock – genau entgegengesetzt wieder über die Straße.
              Eine ähnliche Situation hatten wir vor etwa 10 Jahren kurz vor der polnisch-deutschen Grenze erlebt, als am hellen Tag ein Hase auf diese Weise durch einen heimischen PKW ums Leben kam. Wir sind auf Wunsch meiner Frau ein Stück zurück gefahren, haben das Wildbret in eine große Plastiktüte getan und nach Deutschland illegal eingeführt. Abgehäutet, ausgenommen, abhängen lassen. Der Braten in Sahnesoße war großartig.
              Wegen dieses Erlebnisses war ich sicher, dass der angefahrene Rüde keine Chance hatte. Am heutigen Abend fanden wir unbeabsichtigt seinen Kadaver. Der wird morgen früh durch die Straßenfeger mit in den Müll und so auf die Kippe am Rande der Stadt kommen. Das Schlimmste an den streunenden Hunden in der Stadt: sie sind mit Grund für Verkehrsunfälle.

               Als ich meinem Bekannten, dem alten Seemann, das Erlebnis berichtete, bekam ich in Kurzfassung eine besondere Geschichte zu hören.
             Ihr Schiff war vor der englischen Küste in Seenot geraten. Ihm hatte man in einem Hafen einen Welpen geschenkt, den der Kapitän und die Mannschaft an Bord zu lassen sich entschlossen. Als das Kommando zum Verlassen des Schiffes kam, hatte er als Chefmechaniker Dienst an der Maschine. Er befolgte das Kommando sofort, stolperte aber fast über den Hund, der an der Treppe auf dem Rücken liegend schlief. Er griff sich das Tier, wegen dem er sonst nie das Schiff abgesucht hätte und nahm es mit ins Rettungsboot.
             Die Verhandlung vor dem Seegericht in England war sehr gründlich. Jeder musste zu Protokoll geben, was er getan, unterlassen, gehört und gesehen hatte. Da sagte ein Matrose, der Chefmechaniker sei erst vor dem Kapitän von Bord gegangen, weil er noch den Schiffshund gerettet habe. Die anderen bezeugten das.
              Nach etwa einer Woche bekam er – mein Bekannter – einen Brief von der englischen Königin. Sie ist wohl die Schutzherrin der englischen Tierschutzvereine. In dem Schreiben wurde ihm ihr Dank für die Rettung des Hundes ausgesprochen. 
             Als ich Pjotr Nikolajewitsch bat, mir bei Gelegenheit diesen Brief zu zeigen, wurde er etwas stiller. Dann sagte er mir: „Wir sind einmal abgebrannt. Da haben wir an anderes als an aufbewahrte Post gedacht.“ Weil sich niemand so eine Geschichte ausdenkt und ich ihn als eine ehrenwerte Person kenne, glaube ich unbesehen.
              Was alles mit einem Hundeleben verbunden sein kann.  

Bleiben Sie recht gesund!

Ihr

Siegfried Newiger






Neujahrswünsche anders betrachtet...

           Der Morgenspaziergang heute – geliebte Gewohnheit. Als ich Kai von der Leine befreite, raste der ohne das Kommando abzuwarten über die Straße. Ich hatte die kleine cremefarbige, herrenlose Hündin nicht bemerkt, die hinter dem Kiosk hervorgekommen war. Sie mag unseren Rüden und setzt sich für ihn in Positur. Damit er sie ausgiebig beschnuppern und auch etwas belecken kann. Deren Art von Küsschen. Danach spielen sie beide ein wenig miteinander, bis Kai erneut auf das Kommando hört und weiterläuft. 
           Während ich auf diesen Moment wartete, kam ein Mann näher. Ich erkannte den Gehilfen des Tierarztes einer kleinen Praxis. Er mag unseren Hund, war aber heute wie abwesend. Wir begrüßten einander mit Handschlag. Ich wünschte ihm Gesundheit und alles Gute zum Neuen Jahr, wie es hier üblich ist, wenn man sich nach dem Jahreswechsel erstmalig trifft. Er antwortete dankend ebenso, setzte danach fort: „Für mich hat das Jahr traurig begonnen. Wir beerdigen heute unsere älteste Schwester. Von uns fünf Geschwistern sind nun nur noch zwei übrig.“ Dann setzte er plötzlich aufschluchzend fort: „Sie war unserer Mutter so ähnlich.“ 
            Was bleibt in einer solchen Situation? 
          Das tun, was ich auf der Plattform gutefrage.net seit langem rate. Ihn aufzumuntern, sein Selbstbewusstsein stärken. Also: „Sie wären froh, wenn die Schwester noch leben würde?“ „Aber gewiss doch!“ „Ihre Schwester hätte ihnen heute sicher auch alles Gute für das Neue Jahr gewünscht?“ „Natürlich!“ „Meinen sie, dass dieser Wunsch nicht mehr existiert, weil ihre Schwester in die Vergangenheit entschwunden ist?“ Er überlegte mit der Antwort. Da legte ich nach: „Wir leben doch alle auf dem Grat zwischen unbekannter Vergangenheit, als wir nicht geboren waren, und jener, in die wir mit unserem Namen eingehen. Aber für unsere Lieben sind wir doch noch da – in der Erinnerung. Vor allem mit guten Handlungen und Wünschen. Der unausgesprochene Wunsch ihrer Schwester hießt doch: Bruder, lebe wohl! Auch wenn ich nicht neben dir bin.“ 
            Er sah mich sehr aufmerksam an und sagte: „Danke! Sie haben mir sehr geholfen.“ Wir verabschiedeten uns. 

         Zurück zum Thema. 
        Meine Glückwünsche zu Geburtstagen und ähnlichen Festen enthalten immer, dass ich zur Gesundheit immer interessantes Erleben beifüge und den Wunsch für seelische Stärke, um die unvermeidlichen Schicksalsschläge zu ertragen. 
       Nach anfänglicher Verwunderung hat mir schon häufig  mancher gesagt: „Du hast ja recht. Es gibt im Leben nicht nur ständig Sonne.“ 

          Wir haben beim Spaziergang dann noch einen Mann mit einer wunderhübschen Laika-Hündin getroffen. Unsere beiden Tiere haben aneinander Gefallen gefunden und kurzzeitig lebhaft miteinander gespielt. 
          Kaum heimgekommen, vibrierte mein Handy. Der Gesprächspartner ließ mich erst ein wenig zappeln, bis er sich zu erkennen gab. Wir hatten uns vor 12 Jahren kennen gelernt – er einen Lastzug in Leasing von der Firma übernommen, deren Vertretung ich leitete. Nach dem Default 1998 in Russland war dieses sein Geschäft ausgefallen. Wir trafen uns aber hin und wieder familiär, bis die unterschiedlichen Aufgaben uns doch auseinander brachten. Vor 3  Jahren gab es unseren letzten Kontakt. Nun hatte er beim „großen Saubermachen“ zum Neuen Jahr meine Telefonnummer gefunden und spontan angerufen. Wir werden uns bald wieder einmal treffen. 
        Dieses nette Neujahrserlebnis beschloss optimistisch den Morgen. 

Bleiben Sie recht gesund! 

Ihr 

Siegfried Newiger





Hauptgewinn...

             Der letzte Tag des Jahres 2013 ist da. Schön, dass ich ihn in der Ukraine erlebe. Nur zum Ende November war ich einige Tage im „Weihnachtstaumel“ Deutschlands, welcher ja praktisch mit dem ersten Oktober beginnt. Weil ich etwas in der Heimat erledigen musste. Von diesem Rummel sagt der schweizerische Pfarrer und Schriftsteller Kurt Marti sehr passend: „Die Ware Weihnacht ist nicht die wahre Weihnacht.“ 

          Hier ist lediglich die Woche vor dem Neujahrsfest ein wenig festlastig – ein wenig mehr thematisierte Reklame. Das lockert die ewigen Blöcke im Fernsehen auf, in denen es gewöhnlich um Slipeinlagen oder Pampers, Haftcreme für Gebisse und Zahnpaste, Leberheil- und Geschirrspül- Mittel geht. Danach ist Anfang Januar noch ein wenig Vorbereitung für das orthodoxe Weihnachtsfest drin – und dann wird es wieder alltäglich langweilig. 

           Allerdings haben wir in diesem Jahr noch den „Maidan“ in Kiew (den Hauptplatz dieses Landes, auf dem Opposition und Sympathisanten ihre Zelte aufgeschlagen haben). Jedoch schlägt er nicht überall im täglichen Leben durch. Außerdem ist er gegenwärtig ein wenig "sportlich" geworden. Die dort Versammelten wollen ins Guinnes-Buch der Rekorde kommen - sie schlagen dazu den Einwohnern vor allem von Kiew vor, heute Nacht die größte Menschenmenge zusammen zu bekommen, welche gemeinsam die Nationalhymne singt. Gegenwärtig hält wohl ein asiatisches Land den Rekord. 

           Auf der Straße hier in Belaja Zerkov treffen sich Bekannte und wünschen einander das Beste für das Neue Jahr. Die Verkäuferinnen auf dem Basar freuen sich darüber, dass ich ihnen wünsche, über das Jahr sich wieder zu sehen bei bester Gesundheit. Meine Freundin Katja warnt, als ich bei ihr den obligatorischen Salzhering kaufe: „Heute sind die Leute unaufmerksam – da wiege ich falsch ab und gebe nichts heraus. Ich brauche das Geld.“ Sie lächelt schelmisch, wünscht mir danach auch vor allem stabile Gesundheit. 

            An einem „wilden Verkaufsstand“ (auf zwei Betonblöcken am Rande des Basars) bot eine Frau in hellem Papier verpackte Butter (aus der hiesigen Molkerei als dort Beschäftigte billiger in begrenzter Menge zu kaufen) und daneben Feuerwerkskörper aus China an. Eigenartige Zusammenstellung… 

          Auf dem Rückweg schaute ich bei Olga vorbei, um wie häufig bei ihr am Kiosk eine Flasche Bier zu kaufen. Sie war bei bester Laune, strahlte über das ganze runde Gesicht. „Ziehen sie doch bitte ein Los!“ sagte sie. Ich gewann mit dem leicht gefalteten Zettel ein Konfekt, Trüffel. Sie freute sich diebisch, fast kindlich. Der Kunde nach mir bekam einen Wunsch: „In 2014 eine zügellose Liebe!“ Schon die zweite Kundin hätte ihren Hauptpreis gewonnen, eine Flasche Sekt. Aber ein Kunde, der den Wunsch: „Ein Geschenk für die Verkäuferin!“ gezogen hatte, kaufte ihr wirklich einen Schokoladenriegel. Die 43-jährige sah aus wie ein Lausbub. 

          Wir halten es hier mit dem alten Griechen Pythagoras: „Das Gestern ins vergangen, das Morgen noch nicht da. Lebe heute.“ 


           Auch wenn es Sorgen gibt zum wirtschaftlichen und politischen Weg des Landes. 


          Vereinfacht für jeden so, wie das unser guter Schriftsteller Erich Kästner formulierte: „Wird's besser? Wird's schlimmer? fragt man alljährlich. Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich!“ 


           Deshalb wünsche ich Ihnen, den Gefahren zu entkommen, sich darüber herzlich zu freuen und ihre Nächsten deshalb auch zu lieben. 


Bleiben Sie recht gesund! 


Ihr 


Siegfried Newiger






  


  

Jubileum

           Wir waren am Sonnabend um 15 Uhr eingeladen – zum 60-sten Geburtstag einer guten Bekannten. Mein Drängen beantwortete Natascha mit der Frage, ob ich so hungrig sei oder der Wodka so magische Anziehung ausübe… Diese Bemerkung überging ich großzügig. Sie fuhr fort: es sollte in den Jahren doch bei mir angekommen sein, dass die genannte Zeit die frühest erlaubte Ankunft signalisiere. 15.30 Uhr wäre noch sehr höflich. Wir kamen zu eben dieser Zeit mit dem Taxi vorgefahren und ich wunderte mich wieder, dass der Saal gut vorbereitet, wir aber unter den ersten Gästen waren. 
               Valentina war gut gekleidet und frisiert, ihr Mann stach gegen sie aber nicht ab. Vor allem war ihrer beider Stimmung nicht aufgesetzt, sondern echt feiertäglich. 
          Wir waren erstmals im Cafe „Tandem“, folglich sah ich mich aufmerksam um. Wir haben im kommenden Jahr die ukrainische Nachfeier der Hochzeit von Sveta und Roman zu organisieren. Der Raum schnörkellos, hell, ohne das nicht selten sehr aufgesetzt wirkende „heimische Kolorit“. Die Tafel wie hier üblich fast überladen, nett, nicht übermäßig dekoriert. Ein Diskjockey von etwa 35 Jahren bereitete seine Technik vor. 
           Nachdem gegen 16 Uhr zum Platznehmen gebeten worden war, begann der rechte Geburtstagsschmaus mit dem Trinkspruch des Ehemanns. Er wurde damit beendet, dass alle Gäste „Gorko!“ riefen, auf Deutsch „Bitter!“ – gewöhnlich die Aufforderung an ein Hochzeitspaar, einander zu küssen. 
          Anschließend langten wir alle zu. Salate aller Art, von der Jubilarin eingelegte Waldpilze (glaube, dass so etwas in Deutschland unmöglich ist), vom Hausherren selbst geräucherte Hühnchen, extrem schmackhaft – dazu Kohlrouladen (fehlen bei keinem Gastmahl, als Füllung allerdings etwas schmackhaftes aus Reis), gefüllter Fisch, Sülze, Wurst, Schinken und Käse und und… Es ist mir einfach nicht möglich, die Leckereien alle aufzuzählen. Den Reiz machte die Mischung aus Hausmannskost und der "nach Art des Hauses" aus. Das "Tandem" ist auf unserer Liste Nachfeier für die Hochzeit ganz vorne. 
             Nach einer gewissen Zeit wurde unser Prassen vom Disjockey unterbrochen, der seine „Gästeliste“ abarbeitete – damit alle ihren Trinkspruch aufsagen konnten. Wie immer gab es einige Damen unter den Anwesenden, welche sich in Versen versucht hatten. Mein ukrainischer Sprachschatz ist zu jämmerlich, um alles zu verstehen. Machte aber mit zunehmender Verdünnung meines Blutes durch Alkohol nichts Wesentliches aus. 
             Zum Glück ging niemand auf den in Kiew ablaufenden „Maidan“ ein, der am folgenden Sonntagmorgen in die „Große Wetsche“ übergehen sollte (eine einst sinnvolle Volksversammlung, als die slawischen Stämme zahlenmäßig noch so klein waren, dass sie sich mit allen Erwachsenen zur Beratung an einem Lagerfeuer treffen konnten). 
            Natascha hatte mir den Hauptteil unseres Trinkspruchs überlassen, nachdem sie unseren Wunsch für stabile Gesundheit vortrug. Ein wenig anders wollte ich schon sein. Deshalb machte ich einen Ausflug: ein 102 Jahre alter Japaner hatte Wissenschaftlern wie folgt geantwortet, als sie sein Geheimnis für langes Leben erfahren wollten. „Mich interessiert das Leben noch. Das hält mich lebendig.“ Also wünschten wir Valentina ebenfalls so viel Interesse am Leben. Weil aber alle immer nur auf ein glückliches, zufriedenes Leben abstellten, ging ich vom anderen Ende auf die Tatsache zu. „Natürlich wünschen wir dir das Beste. Wenn es aber doch einmal einen Schicksalsschlag gibt, wünschen wir dir viel Kraft, ihn zu überwinden.“ Der anhaltende Beifall bewies, dass ich verstanden worden war. 
              Im Tanzwettbewerb – 6 nicht miteinander verheiratete Paare – gewannen meine Partnerin und ich für unseren Tango den zweiten Preis. 
             Als alle gemeinsam sangen, ritt mich der Ehrgeiz. Ich meldete mich und sang a capella das für mich schönste deutsche Liebeslied. „Dat do min Levsten büst…“ aus dem Mecklenburgischen. Einfache Melodie und erotischer Text. Wieder Beifall auf offener Szene. 
         So kann man Deutschland wirkungsvoller vertreten als sein ehemaliger Außenminister. 

Bleiben Sie recht gesund! 

Ihr 

Siegfried Newiger







Kirche

             Es war am frühen Morgen. Unser Hund hatte mich hechelnd geweckt. Ein deutliches Zeichen. Wir waren abends spät spazieren gewesen – also dürfte ihn der Kot nicht besonders drücken. Unter normalen Bedingungen. Allerdings sah ich beim Nachmittagsspaziergang, dass er am Rand des Gehwegs irgendetwas aufgenommen und rasch verschluckt hatte. Ausbrechen wollte er es nicht. Nun hatte ich die Bescherung. Die Elastikhosen konnte ich nicht mehr anziehen – er hätte eine Fäkalienladung in der Wohnung abgelegt. Rasch angezogen und auf die Straße, wo er sich auch sofort erleichterte. Weil ich nun schon unterwegs war, ging ich mit ihm auch den kleinen Kreis ab, der gewöhnlich nachmittags und abends zum Tagesgeschehen gehört.
           Im Halbdunkel kam uns eine Familie entgegen. Der uns gut bekannte Rechtsanwalt begrüßte mich herzlich. Sie wollten in das Kiewer Höhlenkloster, zur Andacht in die Kirche. Ich erlaubte mir zu fragen, ob er denn wenigstens anschließend den „Maidan“ mit seiner Anwesenheit stärken würde. Die Antwort erstaunte mich: „Wir gehen doch nicht zu dem jüdischen Spektakel!“ Mein Hinweis auf den deutlich westeuropäisch eingestellten Boxer Klitschko und den eindeutigen Nationalisten Tjagnibok in der Führungstroika der Opposition wischte er mit der Bemerkung weg: „Die sind Trittbrettfahrer!“ Verabschiedete sich rasch. 
            Daheim die Pfoten des Hundes waschen, die eigene Morgentoilette vollenden sowie die Elastikhosen anziehen – also morgendliches Ritual in anderer Reihenfolge. Danach auf den Basar, Gemüse, Obst und Brot einkaufen. 
            Die Verkäuferin im Brotladen, einst mit ihren Eltern in der DDR gewesen, fragte: „Was sagen sie denn zu dieser Unordnung in unserem Land?“ Da erzählte ich ihr ein wenig von den Demonstrationen in diesem Land vor dem Fall der Mauer. Sie hatte das noch nie so erfahren. 
            Um bei der Wahrheit zu bleiben sagte ich auch, dass die versprochenen „blühenden Landschaften“ Versprechungen geblieben sind und Gewinner der Schlacht um die Märkte die internationalen Konzerne blieben. 
              Das merken die einfachen Ukrainer auch schon – selbst wenn sie in die Europäische Union streben. Denn ab 2015 wird der Basar so, wie er heute noch ist, zu existieren aufhören. Eine Forderung der Weltwirtschaftsorganisation. Die Bäuerlein und Kleingärtner, welche heute noch ihre Produkte feilbieten, haben dann nur noch den Weg über die Verarbeitung bei den „Großen“ der Branche übrig. Sie werden noch weniger Einkünfte haben, die Risiken von Gammelfleisch und anderen bekannten Verunreinigungen und Verfälschungen im Bereich Lebensmittel werden wachsen. Die Verbraucher sind vorläufig und im Wesentlichen noch unbeeinträchtigt von diesen Erkenntnissen. 

        Mir zumindest scheint das Rezept des ersten ukrainischen Präsidenten nach Erringung der „Unabhängigkeit“, Herrn Krawtshuk, ausgesprochen am „RundenTisch“ der vier Präsidenten, sehr zweifelhaft: „Wir sollten erst das Assoziierungsabkommen unterschreiben und anschließend im Rahmen und mit Hilfe der EU unsere ökonomischen Probleme lösen.“ 
          Da habe ich meine Bedenken. Vor allem, nachdem ich die Videos   
          http://www.youtube.com/watch?v=3ZpnOX4l7XA  und den zweiten Teil dazu http://www.youtube.com/watch?v=wEIWJx8GiGA gesehen habe. Was ich allen Lesern empfehle.
          Außerdem verfestigt sich mein Gefühl auch, nachdem die westeuropäische Seite die Verhandlungen heute abgebrochen hat. Denn sie will die Bedingungen nicht aushandeln, sondern diktieren. 
           Nach dem 01. Januar 2014, wenn die arbeitslosen Bulgaren und Rumänen Westeuropa überschwemmen, wird die EU für die Ukraine noch weniger anziehend sein. Dagegen werden auch die Gebete der Popen nicht  helfen, welche heute dem Maidan gutmeinend eine Art Weihe gaben.

Bleiben Sie recht gesund!  

Ihr 

Siegfried Newiger







Meinungen...

           Gestern Abend bekam meine Frau einen Anruf aus dem Krankenhaus. Unsere Freundin Nina war erneut dorthin eingewiesen worden, damit eine zweite Operation an ihrer Stirnhöhle endgültige Heilung bringen soll. Für einen Augenblick ließ ich mir das Handy reichen. Ninas Stimme klang gut. Das sagte ich ihr auch. Die Antwort: „Ich bin doch noch nicht tot.“ Da meinte ich: „Werde gesund – damit wir beiden noch auf der Hochzeit deines Sohnes miteinander tanzen können.“ Sie lachte relativ ungezwungen. „Danke – das wünsche ich mir auch.“ Also hatte ich ihre positive Einstellung mit wenigen Worten bestärken können. Wir verabschiedeten uns. Das Frauengespräch ging weiter. 

           Danach musste ich an den römischen Philosophen und Dichter Seneca denken. Vor rund 2000 Jahren hatte er schon formuliert: „Es sind nicht die Dinge, die uns beunruhigen, sondern unsere Meinung über die Dinge.“ 

           Nina hat den Willen, gesund zu werden. Sie kennt – vor allem auch als Krankenschwester und schon operierte Patientin – alles, was an Unangenehmem mit der OP verbunden ist. Aber sie ist stark. Stärker als mancher Kerl, der meint schwer krank zu sein schon beim Erscheinen eines Pickels auf seinem hervorstehendsten Organ – der Nase, nicht was jemand denkt. Solch überempfindliche Männer habe ich schon viele kennen gelernt.  

        Ninas Meinung ist also positiv. Sie ist in ärztlicher  Obhut, um gesund zu werden und nicht, um bemitleidenswert krank zu sein! 

        Wer zur Macht unserer Gedanken etwas besonders Interessantes erfahren möchte – der oder dem empfehle ich hier einen Link zu einem für mich absolut überraschenden Video:


   http://www.youtube.com/watch?v=8kNp4ma3-7I 


        Dass zu allem Geschehen in der Welt andere Meinungen da sein können, andere Betrachtungsweisen, hat mir einmal eine Freundin überzeugend mitgeteilt. 

        In Afrika war sie in einem Hotelprojekt eingebunden. Die dort angestellten einheimischen Frauen fragten sie anlässlich einer Instruktionsstunde, ob sich die europäischen Gäste nicht ordentlich waschen. Ihre Gegenfrage, wieso sie darauf kämen, wurde in etwa so beantwortet. 

        „Wenn wir uns waschen oder duschen, ist danach unsere Haut sauber. Mit dem Handtuch entfernen wir sauberes Wasser von sauberer Haut. Wenn wir hier jeden Tag die Handtücher wechseln sollen, müssen sich die Europäer anders waschen als wir.“ Sehr diplomatisch ausgedrückt. 

           In einem Land, wo sauberes Wasser eine Kostbarkeit ist, wird von klein auf ein anderes Verhalten zu diesem Nass vorgelebt und weiter gegeben. 


          Nun nochmals Seneca: „Glücklich ist nicht, wer anderen so vorkommt, sondern wer sich selbst dafür hält.“

          Oder das Folgende vom römischen Philosophen-Kaiser Marc Aurel, etwa 150 Jahre nach Seneca: „Das Glück deines Lebens hängt ab von der Beschaffenheit deiner Gedanken.“ 


         Wer einen Rat zum Thema möchte: sehr einfühlsam wird dieses in der „Lebenslotsen-Akademie“ behandelt – der Link dazu: 


http://hans-dirk-reinartz.com/lebenslotse-akademie/“ 


Bleiben Sie recht gesund! 


Ihr 


Siegfried Newiger