Ungewöhnliche Reise

Wir hatten das Ticket für den Bus in die Heimat schon gebucht. Die Suche nach dem im Fluss Verunglückten (siehe vorhergehenden Post) war noch in vollem Gange. Der Schuldirektor Nikolai und gleichzeitig  Leiter einer Gruppe des hiesigen deutsch-ukrainischen Tschernobyl-Fonds (für humanitäre Hilfe, nicht zu verwechseln mit dem Fond für die Errichtung des "Sargs" über dem Reaktor) in Belaja Zerkov hatte unter den Tauchern meinen Stiefsohn Pavel als einen sachkundigen und uneigennützigen jungen Mann kennen und schätzen gelernt. Das erfuhr ich allerdings erst während unserer Reise von ihm. 
Denn er war auch mit meiner Frau Nataliya bekannt geworden. Als sie in der Unterhaltung erwähnte, dass ich zur Kontrolle meines Herzschrittmachers nach Berlin musste, bot er uns einen Platz im Autobus an, mit welchem eine Gruppe Kinder von bei der Katastrophe von Tschernobyl geschädigten Eltern nach Deutschland fahren würde. Natascha sagte zu, denn so konnten wir auch einen Teil der Kosten sparen (Ticket zurückgeben) und mussten nicht mit dem eigenen Auto in aller Herrgottsfrühe nach Kiew fahren, um zur Abfahrt des Fernbusses vor Ort zu sein. Zwei Vorteile in einem. 
Als ich ihm vorder Fahrt vorgestellt wurde und er erfahren hatte, dass ich ein invalides linkes Knie habe, organisierte Nikolai mir einen günstigen Sitzplatz. Nach einer netten und vielstimmigen gemeinsamen Verabschiedung von den teilweise mehr als ihre Sprößlinge aufgeregten Eltern fuhren wir ab. Anschließend wurde ich mit den Begleiterinnen der Gruppe bekannt gemacht. Andererseits habe ich mich allen laut und deutlich vorgestellt. 
Die meisten der nur zeitweiligen Gruppenleiterinnen waren Frauen, welche schon länger diese Tätigkeit ausüben. Sie haben die ersten Stunden dieser für mich ungewöhnlichen Reise für die Kinder durch einfache gemeinsame Spiele und Übungen recht interessant gestaltet. 
Von Nikolai erfuhr ich, dass der genannte Fond die Verschickung von Kindern seit 1992 organisiert und seit jenem Jahr bereits rund 9600 Kinder in Soltau und Umgebung zur Erholung in deutschen Familien gebracht hat. Schon eine rechte Leistung von allen Seiten!
Er wies mich auch auf einen Jungen hin, der aus einer kinderreichen Familie kam. Beide Elternteile haben in ihre zweite Ehe sechs eigene Kinder eingebracht. Also ein Mittagstisch vorläufig immer für mehr als zehn Personen. 

Als wir nach etwa 300 km zum Frühstück anhielten, war ich trotz langjährigem Aufenthalt in der Ukraine doch etwas erstaunt. Man bat mich an eine reichgedeckte Tafel! Auf einer Art natürlichem Tisch - dem Rest eines umfangreichen Baums am Wegrand, in einer Bucht der Straße. Traditionelle ukrainische Reisverpflegung war aufgetischt - dazu für alle nicht am Steuer sitzenden zwei kräftige Schlucke von etwas Hochprozentigem. Die Damen hielten sich sehr zurück...

Der Grenzübergang nachts ging relativ rasch vonstatten. Sowohl auf ukrainischer als auch auf polnischer Seite. Es störte lediglich der schneller vor uns eingefahrene Autobus eines anderen Unternehmens. 

Von der Delegationsleitung war in Warschau aus Erfahrung eine Großtankstelle mit großer Toilette und einem sehr angenehmem Cafe ausgesucht worden, welche den Ansturm der soeben aufgewachten Kinder sowohl für Notdurft als auch zum Frühstück standhalten konnten. Was in der Nacht nicht möglich war - die Kinder nahmen nun das "Ausland" auch optisch zur Kenntnis. 

Die Informationen zum Übergang nach Deutschland ohne für sie durch Kontrollen spürbare Grenze nahmen sie schon recht gespannt auf. Ich verabschiedete mich an einem Rasthof nahe Berlin, wo Freunde mich abholten, von den quirligen, aber disziplinierten jungen Ukrainern. Wünschte gute Erholung und viele Erlebnisse.

Mit Nikolai verabredeten wir ein Treffen in seiner Heimat. Nicht ausgeschlossen, dass ich auf irgendeine Weise nützlich sein kann.

Bleiben Sie recht gesund!

Ihr

Siegfried Newiger





Gewissenlos?



Der Post reicht zurück, bis zum Tag vor meinem Geburtstag, zum 20. März dieses Jahres. Pavel, mein Stiefsohn, kam wesentlich früher als gewöhnlich von der Arbeit in Kiew heim. Nach der Begrüßung sagte er: „Siegfried, leider kann ich morgen bei den Vorbereitungen zur Festtafel für die Gäste erst spät dazu kommen. Ein Freund von uns Unterwasserjägern ist von einer Pirsch bei Nacht nicht zurückgekehrt. Schon den zweiten Tag. Wir alle wollen ihn morgen verstärkt suchen. Frau und Eltern haben gedacht, dass er vielleicht bei Freunden ist. Denn er hat im Gegensatz zu mir und anderen Atemmaske und Druckluftbehälter. Deshalb haben sie uns erst heute alarmiert.“ 
Eine solche Situation erfordert natürlich den Einsatz unter besonderen Bedingungen. Natascha und ich bereiteten unsere speziellen Gerichte zu, seine bereiteten wir in gewisser Beziehung (Säubern, Zerschneiden...) auch vor. 
Er kam etwa 20 Minuten vor Eintreffen der ersten Gäste zurück. Berichtete, dass alle Suche vergeblich war. Der Koch von Beruf schaffte es jedoch unter starkem Zeitdruck, seine Köstlichkeiten zuzubereiten, bevor der letzte Gast an der Tafel saß. 
Zum bedauerlichen Ereignis gab es nur eine kurze Information. Wir alle wollten keine Spekulationen anstellen. Am Folgetag ging die Suche weiter – erfolglos. 

Gegen Mittag ließ Natascha die Mutter des Gesuchten und noch zwei Frauen sich in unser Auto setzen, fuhr mit ihnen zu einer in unserer Stadt bekannten „Hellseherin“. Die lebt in einem Dorf, etwa 120 km entfernt. Die Frauen sprachen auf der Fahrt so überzeugt von deren „Gaben“, dass Natascha davon überzeugt war. 
Die Antwort der „weisen Frau“: „Der junge Mann lebt. Er ist an Land gegangen und hält sich bei Bekannten auf, welche ihn unterstützen. Denn er will nach Westeuropa, um sich dort Arbeit und einen ordentlichen Verdienst zu suchen.“ Meine Frau teilte mir nach ihrer Rückkehr am späten Abend diese „Tatsachen“ mit. 
Weil am Vortag die Gerätetasche des Vermissten und neben ihr drei harpunierte Fische gefunden worden waren, fand ich die Antwort der „Seherin“ zweifelhaft. Er hätte sicher die Beute und seine Werkzeuge mit zu erwähnten Bekannten genommen. Warum gute Fische verkommen lassen, für die Ausrüstung notwendige und nur zu ihr passende Werkzeuge anderen überlassen? Absolut unlogisch für sehr pragmatisch denkende ukrainische Männer! 
Meine immer sehr hilfreiche Ehefrau sah das anders. Eben unlogisches Handeln sollte die Suchenden und auch die staatlichen Organe auf eine falsche Fährte locken. Neun Tage nach dem Verschwinden wurde die Suche eingestellt. Ein neuer offiziell Vermisster. 
Heute, rund einen Monat nach dem Unfall, bekam ich in Deutschland eine Kurznachricht auf mein Handy – „Vermisster ist aufgetrieben.“ 

Verdient sich die „Seherin“ auf gewissenlose Weise ihr Geld? Wollte sie mit einem Hoffnungsschimmer den Schmerz der Mutter dämpfen? Den von Frau und Tochter des Toten? Das kann ich nicht ausschließen, aber auch nicht gutheißen. 

Nachtrag: das Atemgerät des Toten hatte nach angestellten kriminaltechnischen Untersuchungen nur fünfzehn Minuten gearbeitet. Dann sei durch Herzschwäche bedingt, der Herzstillstand, der Tod eingetreten. Kein Unfall, kein Mord. Drei Flusskrebse im Netz am Gürtel lebten noch.

Bleiben Sie recht gesund! 

Ihr 

Siegfried Newiger 




        

Polarität...

Als am vergangenen Freitag mein Stiefsohn wesentlich früher als üblich von der Arbeit heimkam, überraschte er mich mit der Bemerkung: "Siegfried, bitte entschuldigen sie - aber ich werde morgen fast den ganzen Tag nicht daheim sein. Also wenig tun können für ihre Geburtstagstafel. Ein Kumpel von uns scheint im Fluss Ros ertrunken. Er war vor zwei Tagen zur Unterwasserjagd gegangen und ist nicht nach Hause gekommen. Wir, die hiesigen Unterwasserjäger, wollen ihn suchen helfen." 
Meine Bemerkung dazu traf ihn ein wenig, sollte das auch: "Gut, dass du mit helfen kannst." Denn er hat in der Vergangenheit mit spätem Heimkommen vom "Jagdausflug" unsere Nerven auch schon ordentlich strapaziert. Nicht nur die seiner Mutter und meine, sondern auch die seiner Verlobten.
 
Nachts, eine Minute des neuen Tages war angebrochen, zog mich jemand derb an der Nase. Meine Natascha und auch Pavel standen vor dem Bett, um mir zum 78-sten zu gratulieren. Früher habe ich mich mit ihnen gemeinsam schlafen gelegt - seit einigen Jahren gehe ich spätestens um 22 Uhr zu Bett. Die Gewohnheit, sich in der Familie mit Anbruch des neuen Tages und Jahres zu beglückwünschen, ist geblieben.

Den nächsten Glückwunsch bekam ich telefonisch, um sieben Uhr in der Frühe. Einer unserer Freunde hatte bei seiner Reise im Ausland etwas die Zeitorientierung verloren. Aber da ich mit dem Hund schon spazieren ging, war der Anruf vor allem angenehm. 
 
An diesem hellen Morgen fiel ein wenig dünner Schnee. Ich erinnerte mich daran, dass unsere liebe Mutti mir erzählte, dass am 21. März 1937 in Ostpreußen eine etwa einen halben Meter dicke Schneedecke gelegen, es zur Zeit meiner Geburt jedoch ein tüchtiges Wintergewitter gegeben habe. Alle anderen Wöchnerinnen haben ihr deshalb für mich ein sehr erlebnisreiches Leben vorausgesagt. Aus heutiger Sicht: das ist eingetroffen.
 
Auf dem Heimweg sprach mich eine 84-jährige, sehr gebückt gehende Frau an. Sie interessierte unser Spaniel, weil sie im Hof einen schwarzen, kleineren Spaniel-Rüden hat. Nach einigen Worten von mir sagte sie: "Woher kommen sie denn? Sie sind doch kein hiesiger?" Wir haben, nachdem ich mich als Deutscher zu erkennen gegeben hatte, langsam spazierend uns noch etwa eine halbe Stunde zu sie interessierenden Fragen unterhalten. Wünschten einander zum Abschied gute Gesundheit.
 
Zehn Minuten später erfuhr ich, dass eine andere Greisin, mit der mich zeitweilig das Interesse an Hunden sprachlich verbunden hatte, erkrankt und verstorben war.
 
So kamen die Freude am eigenen Leben zusammen mit der dazu gehörenden Polarität, dem Tod. Unmittelbar. Das Sterben als Folge von Gewalt im Donbas ist da sehr fern und dennoch auch allgegenwärtig. Denn es klang an im sehr herzlichen Glückwunsch unserer nun in der Nähe von Kiew lebenden Freunde aus Lugansk.

Bleiben Sie recht gesund!

Ihr

Siegfried Newiger
 
 
 
 
 

Der neunte Tag...

In meinem Post vom 09. März - "Gegenverkehr" - habe ich aus den hier folgenden begreiflichen Gründen einiges durcheinander gebracht. Meine Natascha hatte in ihrer traurigen Aufregung einiges so berichtet, wie sie es sah. Also auf dem Hintergrund ihrer Kenntnis der familiären Zusammenhänge. Mir fehlte dieses Wissen. Außerdem ist Russisch nicht meine Muttersprache. 

Wir fuhren gestern nachmittags nach Kagarlyk , um an dem Gedenken an die beiden tödlich Verunglückten Teil zu nehmen. Im Anschluss daran musste ich meine Auffassungen radikal ändern. 
Zuerst verunsicherte mich eine Tatsache auf dem Friedhof. Beide frischen Gräber waren so angelegt, dass dazwischen Platz für eine Grabstelle blieb. Wie passt das zusammen, wenn die Beiden doch ein Paar waren? Wir waren etwas später angekommen - die Gäste schon unterwegs zum Trauerhaus. Also dorthin.
Meine Natascha pfiff mich leise, aber energisch zurück, als ich die offene Hoftür hinter mir schließen wollte. Es sei unüblich, selbst ungeladenen oder unbekannten Gästen zu dieser Gedächtnisfeier so den freien Zugang zu verwehren.
 
Valentina sah, mit ihrem rechten Arm noch im Gipsverband, mitleiderregend aus. Ich begrüßte sie wie gewohnt, drückte mein Mitgefühl aus. 
Danach schockte mich ein weiterer Umstand. Die beiden in der "guten Stube" aufgestellten Bilder mit Kerzen dabei, dem üblichen Gläschen Wodka davor und der Brotscheibe darüber kannte ich. Was mich verunsicherte: der Mann war doch Jura, Walentinas Partner. Wie das? 
Meine Fragen sparte ich mir für die Heimfahrt auf. 

Das Gedenkzeremoniell begann damit, dass eine Greisin, eine offensichtlich darin geübte "Vorbeterin" vor den beiden Bildern laut ein Gebet vortrug. Alle Gäste standen während dieses Vorgangs. Bis auf zwei. Mein Nachbar und ich waren auf einem Sofa am Kopfende des mit Speisen und Getränken überladenen Tisches so eingeklemmt, dass wir bei bestem Willen nicht aufstehen konnten. 
Mir fiel auf, dass die Vorbeterin vor Ende ihres Gebets eine umfangreiche Litanei an Vornamen mit Vatersnamen dazu vortrug. Rief sie da mir unbekannte Heilige an? 

Vor Beginn des Essens kosteten nach altem Brauch alle Gäste drei Löffelspitzen vom traditionellen "kolowo" - einem süßlichen Reisgericht mit Apfelstückchen.
Während des Gedenkmahles wurden drei Mal auf die Seelenruhe der beiden Verstorbenen getrunken, darauf, dass ihnen "die Erde leicht" sein solle. Mich erfreute, dass zwei recht junge Männer und ein etwa 45 Jahre alter Herr die Wodkagläser schon vor dem Eingießen zurückgegeben hatten.
Nach dem "süßen Ende" der Gedenkfeier (Nachtisch mit Kuchen und Konfekt sowie Tee) bekamen alle Anwesenden ein Tütchen mit Keksen und allerlei Süßgkeiten. Um daheim noch bei einer Tasse Tee das Gedenkmal individuell zu beenden. 
Der gemeinsame Gedenknachmittag wurde mit einem Vaterunser beendet. Erneut schloß die Vorbeterin mit einer langen Aufzählung von Namen.

Auf der Heimreise gab es eine kurze, aber klärende Debatte. Ich erfasste, dass Juriy wirklich Walentins Lebenspartner war, Lena ihre unverheiratete Tochter. Eine 22 Jahre alte, alleinerziehende junge Mutter. 
Aus der etwas ungeordneten Erläuterung von Natascha am Unfalltag hatte ich nicht den wahren Inhalt erfasst. An diese Lektion muss ich mich erinnern, um bei meinen Erkenntnissen aus hiesigen politischen Situationen nicht persönliche Fehleinschätzungen zuzulassen.
 
Die Grabstelle, welche auf dem Friedhof frei geblieben war, ist für Walentina bestimmt. 
Die vielen Namen vor Ende des Totengebets und des Vaterunsers hatten eine nicht bekannte Begründung. Jeder der Gäste hat das mir bis dahin unbekannte Recht, dem für alle Betenden solche Namen zu nennen, um die letzten der in der jeweiligen Familie verstorbenen Personen zu ehren, für sie Fürbitte einzulegen.

Bleiben Sie recht gesund!

Ihr

Siegfried Newiger  




Wer liebt...

Der heutige Morgen begann damit, dass bei Lufttemperatur von um null Grad Celsius der Spaziergang mit Hund in Richtung Basar ging. Nicht, weil ich Blumen aus der Zuchtbox für meine Natascha kaufen wollte, sondern weil die Wegstrecke besser gestreut ist. 
Das ist in meinem Alter wichtig. Als wir bei den "wilden Händlern" mit ihren improvisierten Ständen aus Obst- und Gemüsekästen ankamen, sah ich bei einer bejahrten Frau kleine Sträuße von Schneeglöckchen. 
Meine Natascha liebt Feldblumen mit ihrem zarten Duft mehr als geruchslose rote Rosen aus einer holländischen Zuchtanlage. Also fragte ich nach dem Preis für ein Sträußchen. Als erster Käufer bekam ich für den so genannten "potschin" (Geschäftsbeginn) 30 % Rabatt - also lediglich 7 Hrywna oder 28 €-Cent für den bescheidenen Strauß - wenn auch mit einem farbigen Bändchen zusammengefasst. 
Weil ich nur zwei Hrywna und einige Münzen in der Jackentasche hatte, leistete ich eine Anzahlung. Nach dem Spaziergang mit Kai würde ich den Strauß holen. 
Als wir bei unserer Freundin Olga am Kiosk vorbeikamen, ließ ich mir von ihr 5 Hrywna borgen, um nicht erst heimzugehen und danach die Blümchen zu holen. Ganz nebenbei erzählte ich von den Schneeglöckchen. Sie bat mich, ihr auch ein Sträußchen mitzubringen und reichte das nötige Geld heraus. Die ältere Frau war sehr erfreut, als ich noch mehr abnahm.

Für meinen "Botendienst" wurde ich mit einem Praline von Olga belohnt. Daheim bekam ich für meine kleine Aufmerksamkeit von Natascha drei Küßchen. Der Valentins- Tag hat so Stimmung am frühen Morgen gebracht. Den Umsatz für die Verkäuferin, die Botentätigkeit für Olga - und die Aufmerksamkeit für meine Natascha. Besser geht es fast nicht.

Bleiben Sie recht gesund!

Ihr

Siegfried Newiger




 

Gegenverkehr...


Als ich gestern den Post "Märchenhaft..." beendet hatte, rief über Handy jemand plötzlich meine Natascha an. Aus ihrer zunehmend intensiveren, emotional negativ eingefärbten Unterhaltung auf Ukrainisch konnte ich entnehmen, dass im Kreis unserer Bekannten ein Unglück passiert sein musste. 

Als sie mit Tränen in den Augen in die Küche kam, sah ich sie deshalb nur fragend an. "Walentina aus Kagarlyk!" sagte sie schluchzend. 
Es dauerte eine Weile, bis wir die ganze Tragweite des katastrophischen Geschehens erfasst hatten. Walentina, eine bis dahin zutiefst lebensfrohe Frau, liegt im Krankenhaus. Der Partner ihrer Tochter, welcher das Auto gelenkt hatte und seine junge Frau neben ihm sind tödlich verunglückt, die Oma mit dem zweijährigen Enkeltöchterchen in kritischem Zustand. Das Ausscheren in den Gegenverkehr endete mit einem Frontalzusammenstoß. Der Überlandfrachter war stabiler.

Walja hat einen Sohn mit sieben Monaten verloren, einen anderen mit 17 Jahren und zwei Ehemänner nacheinander als Opfer von Verkehrsunfällen begraben lassen müssen. Die unerklärliche Häufung dieser Ereignisse in einer Familie ist beängstigend. 

Was macht dieses Ereignis für mich bemerkenswerter als andere? Die Welle der Hilfsbereitschaft - ich nenne sie für mich "das psychologisch noch warme Klima" in diesem osteuropäischen Land Ukraine. Alle Studienkollegen, welche Natascha anrief und informierte, fragte sofort danach, an wen sie Spendengeld für die arme Frau überweisen könnten. Eine ehemalige Studienkameradin aus der Fachschule für Bautechniker, die relativ nahe wohnt, ist heute in der Frühe die rund 25 km gefahren, um Walentina nahe zu sein. Sie kümmerte sich auch schon um die Formalitäten der heutigen Beerdigung. 

Natascha wird in einigen Minuten mit unserem Auto nach Kagarlyk fahren. Sie hat den Auftrag, ein Brautkleid zu kaufen und mitzubringen. Hier ist es unter anderem üblich, dass eine junge Frau, die nur in Lebenspartnerschaft lebte, in einem Hochzeitskleid beerdigt wird. Eine tote Braut im offenen Sarg... Für uns Mitteleuropäer doch ein etwas ungewohnter  Brauch.

Meine Gute habe ich mit dem Wunsch verabschiedet, sie möge besonders vorsichtig fahren. Denn wir beide haben vor, noch einige gemeinsame Jährchen zu durchleben. Mit frohen und traurigen Stunden wie heute. 

 Bleiben Sie recht gesund!

Ihr

Siegfried Newiger 





Märchenhaft...

Am Morgen des vergangenen Donnerstag war es ganz gegen die Winterszeit in der Frühe vor dem Fenster schon recht hell. Gegen sechs Uhr morgens. 
Als ich aus dem Fenster schaute, war die Landschaft schneeweiß. Es hatte bei Windstille in der Nacht geschneit. Weil etwa nur um den Gefrierpunkt kalt und empfindbar feucht in der Luft, hatten sich auf allen Ästen der meisten Bäume hohe Schneelasten angehäuft. 

Als wir mit dem Hund ins Freie kamen, lagen etwa 12 bis 15 cm Neuschnee auf den Fußwegen. Die Autos waren kaum zu hören, weil der Schnee deutlich dämpfte - vor allem aber auch, weil an dem Tag wesentlich weniger PKW als sonst unterwegs waren. Das Laufen war noch angenehm griffig. Die Schuljugend würde erst später mit Jubel die danach für uns Greise viel zu glatten Gehwege "beschlittern". 

Ein großer Walnussbaum hatte die weiche Schneelast in seiner Krone nicht ausgehalten, war knapp über dem Boden abgebrochen und hatte den Gehsteig gesperrt.  
Auf der Allee saßen die großen Scharen Saatkrähen in den Baumkronen. Mit den Schneeklumpen, welche ihre Bewegungen ablösten, kleckerte ziemlich regelmäßig ihr gelber Kot auf die Spaziergänger. 
Der natürliche Baumbelag in den Kronen aller Bäume verwandelte an diesem Morgen die Allee in eine märchenhaft bizarre, weiß gepuderte Spazierstraße. Ein Anblick für Fotoliebhaber, der sicher nicht so rasch wiederkommt. Jedenfalls erstmalig in diesem Jahr.

An solchen Tagen kann ich alle jene nicht recht verstehen, welche sich vor dem Winter mit seiner weißen Pracht und auch dem Matschwetter in Gegenden retten, wo sie ewig die gleichen Bedingungen vorfinden. Aber das ist wohl Geschmackssache.

Am Freitag hatte sich der Schneeboden auf den Gehsteigen schon verfestigt, war glatter geworden. Allerding auch unebener, eine Herausforderung für uns Ältere. Weil die Luft nicht wesentlich kälter wurde, dazu der Wind auffrischte, war die unberührte weiße Pracht des Donnerstags schon am Sonnabend wieder der üblichen kahlen Schwärze der Äste gewichen.

Am heutigenMorgen wieder einmal eine Begegnung mit dem Liebhaber von Spruchweisheiten. Ich konnte ihn mit der folgenden Sentenz von Dante Aliegheri nachdenklich machen: "Drei Dinge sind uns aus dem Paradies geblieben: die Sterne der Nacht, die Blumen des Tages und die Augen der Kinder."

Bleiben Sie recht gesund!

Ihr 

Siegfried Newiger 





Konzert in Odessa



Es ist immer wieder interessant für mich, neue kulturelle Ereignisse zu erleben an bisher unbekannten Stätten. Meine Freunde in Odessa schlugen mir vor, gemeinsam ein Konzert des Nationalen Philharmonischen Orchesters Odessa zu besuchen. 
Dieses Orchester bekam seine Graduierung „Nationales“ in der Ukraine dank zielstrebiger Entwicklung unter der künstlerischen Leitung seines Chefdirigenten Hobart Earle, eines in Venezuela geborenen Amerikaners. Er kam vor über 20 Jahren nach Odessa und hat seither das Orchester in die internationale Spitzenklasse gebracht. 
Als Violinen-Solist war der gebürtige Ukrainer Andrej Below angekündigt, der gegenwärtig in Hannover lebt. Unsere Freundin sagte mir, dass er auf einer von der „Deutsche Stiftung Musikleben“ an ihn übergebene Guarneri-Violine spielen würde. 

Sehr erwartungsvoll fuhren wir in die „Philarmonie“, welche äußerlich als solche nicht unbedingt zu erkennen ist. Sie wurde aus der einstigen Odessaer Börse durch bautechnische Umgestaltung des Börsensaales in einen mit besserer Akustik zum Konzertsaal geschaffen. Die riesigen Fenster waren innen mit lichtdurchlässiger Plastikfolie abgedeckt, weil offensichtlich Beheizungsprobleme in der Winterszeit das erfordern. Dazu kommt, dass ich die Höhe des Saales für ganz außergewöhnlich fand. Die Stühle relativ hart, auf der linken Seite des Saales jene mit ungeraden Nummern, rechts die mit geraden. Eigenartig, weil noch nie erlebt. 
Die Bemerkung der Platzanweiserin: „Kommen sie ruhig näher, schämen sie sich nicht.“ fand ich etwas merkwürdig. Bis mir einfiel, dass ich sie auch mit „Genieren sie sich nicht.“ hätte übersetzen dürfen. 
Im Programm gab es drei Werke deutscher Komponisten – Franz Schubert, Robert Schumann und Ludwig van Beethoven. Alle etwa stilistisch nicht weit voneinander entfernt. Für mich folglich leichter aufzunehmen. Keine Stimmungsbrüche wie zwischen Mozart und Schönberg vielleicht. 
Während der „Ouvertüre zur Zauberharfe“ von Schubert störte mich optisch eine Kleinigkeit. In der Gruppe der ersten Geigen saß eine kleine schlanke Frau, deren Bluse am unteren Rand relativ breit mit Pailletten besetzt war. Bei allen ihren intensiveren Bewegungen spiegelten die mir das Scheinwerferlicht in die Augen. So, wie wir in der Jugend Mädchen mit Spiegeln ärgerten…
Schumanns „Konzert für Violine und Orchester“ war ein Erlebnis besonderer Art – was Orchester im Zusammenspiel mit dem Solisten anbetrifft. Das sachkundige Publikum erreichte mit seinem nicht enden wollenden Beifall eine Zugabe. 
Im Solo „Largo“ von Bach habe ich dreierlei erfasst. Als erstes die virtuose Beherrschung des Instruments durch den Meistergeiger. Damit verbunden erlebte ich den nicht wiederzugebenden Klang der Guarneri – vor allem in den vollen tieferen Tönen. Und schließlich sah ich die für mich interessanten Reaktionen der Orchestermitglieder. Die von der musikalischen Verzückung vieler Damen bis zur sehr deutlich zu bemerkenden fachlichen inneren Einschätzung des Solisten durch einige männliche Musikanten reichte. 

Als paradox empfand ich, als nach dem Konzert ein junges Mädchen seine Kopfhörer aus den Ohren nahm. Aber vielleicht hatte es eine ältere Person begleitet, sich selbst aber lieber Musik des 21. Jahrhunderts angehört, weil ihm die "altmodische" (damals moderne) des beginnenden 19. Jahrhunderts nicht zusagte. 

Wir müssen auch damit leben. 

Oder war das eventuell das Hörgerät für eine Schwerhörige?

Bleiben Sie recht gesund! 

Ihr 

Siegfried Newiger 





Erneut Odessa...

Es war eine sehr kurzfristige Entscheidung. Wegen privater Angelegenheiten erneut unsere Freunde in Odessa zu besuchen. Per Überlandbus in sechs Stunden zu erreichen. Der mit 15 Minuten Verspätung in Belaja Zerkow ankommende Bus konnte diese Zeitdifferenz bis zur Ankunft mühelos beibehalten.

Ein junger Mann in Uniform, deutlich erkennbar als von der "Ostfront" kommend, wurde nach Abfahrt von unserer ersten Raststelle mit 10 Minuten Pause sichtlich unruhig. Dann entnahm er seinem Rucksack ein Tablet, schaltete das auf "Navigation" und bekam unsere Bewegung auf der Trasse angezeigt. Nach geschätzt etwa 20 Minuten klappte er es zusammen, schob es in den Rucksack, schnallte jenen auf den Rücken. Danach holte er aus der Gepäckablage einen Strauß Rosen. Wenige Augenblicke später bremste der Busfahrer. Im Nieselregen stand ein junges Mädchen an einer Bushaltestelle, welches den jungen Mann nach dem Aussteigen liebevoll umarmte. Beide standen in dieser Haltung noch lange, nachdem der Bus wieder angefahren war. Schön für beide...

Bei Annäherung an Odessa wurde die Schneedecke auf den Feldern immer gleichmäßig geschlossener. Als wir in die Stadt einfuhren, waren die Spuren der vor einiger Zeit aufgetretenen extremen Verwehungen noch deutlicher zu sehen. An den Straßenrändern Schneehaufen von bis zu eineinhalb Metern Höhe, in ihrer Nähe nicht selten riesige Pfützen. Dirk, der mich mit Tanya getroffen hatte, scherzte in der Nähe des von ihnen mit bewohnten Hauses: "Hier sehen sie die Odessaer Seenplatte." 

Im Zusammenhang mit dem jungen ukrainischen Militär und dem gestrigen Datum erinnerte ich mich: an diesem Tag habe ich vor genau 70 Jahren meinen Vater, er damals Ausbildungsoffizier bei der deutschen Wehrmacht, ein letztes Mal gesehen. Am nächsten Tag vor eben dieser Zeit begann am 20. Januar 1945 unser aller Flucht aus dem damaligen Warthegau "heim ins Reich". Mein jüngster Bruder war noch nicht einmal ein halbes Jahr alt. Hoch auf einem Leiterwagen, bei minus 20 Grad Celsius. Wir hatten Glück, kamen mit Hilfe eines Bekannten nach einiger Zeit auf der Ladefläche eines mit Plane geschützten LKW an allem Leid vorbei in die Nähe von Berlin. Die Flüchtlinge aus dem Donbass sind mir deshalb psychologisch nahe.

Gestern war in der Ukraine für alle orthodoxen Christen das, was die Christen in Westeuropa als Epiphaniastag feiern: die Erinnerung an die Taufe des Jesuskindes. Also gehen viele Leute "Eisbaden", werden anschließend von einem Priester gesegnet. Unsere Freunde fuhren mit mir in die Nähe eines in Odessa bekannten Männerklosters, wohin wir dann über schneematschige Straßen und durch Pfützen gingen, um "geweihtes Wasser" zu holen. Vier Sechs-Liter-Flaschen voll - gleich mit für unabkömmliche Verwandte. Angeblich heilkräftig. Für mich in der Art von Placebo verständlich. Auch sehr wohlschmeckend, wie mir ein großes Glas voll zur Probe bewies. 

Interessant war im Kloster die "neue Kirche" - ein ästetisch gut gelungener Kultbau, der innen bei mir keine düstere Bedrückung hervorrief wie die "alte Kirche", sondern mit ins Helle aufstrebenden Linien eher geeignet scheint, die christliche Auferstehungsidee zu verkörpern. Ich bedankte mich bei Tanya, dass sie mich dazu angeregt hatte, in dieser Kirche einige Minuten zu verweilen. Weil auch so seltene Baukunst-Erlebnisse das Leben bereichern.

Bleiben Sie recht gesund!

Ihr

Siegfried Newiger





Reicher Abend...

Am Abend des 6. Januar wird in der Ukraine jährlich wegen der Unterschiede zwischen den gregorianischen und julianischen Kalendern für die aktuelle Zeitrechnung der westeuropäischen und orthodoxen Kirchen der Heilige Abend hier als "Reicher Abend" gefeiert. 
Er ist sachlich das "Fastenbrechen" nach dem so genannten "schwachen Fasten", welches an diesem Januar-Abend symbolisch nach Aufgang des ersten Sterns vollzogen wird. Das dazu gehörige Abendessen beginnt mit dem so genannten "kutja" - einer Speise aus Mohn, gehackten Walnüssen, Rosinen, gekochtem Buchweizen oder Weizen und einer "uzwar" genannten Flüssigkeit. Das ist ein leicht gesüßter Sud aus Wasser und Trockenfrüchten aller Art. Außerdem kommen dazu weitere elf Fastenspeisen.

In der wesentlich traditionsbewussteren Westukraine gehört neben dem Gebet vor dem gemeinsamen Essen (nicht selten in Volkstracht) dazu, dass der Esslöffel bis zum Abschluss in einem Teller oder Gefäß abgelegt wird, nie auf dem Tisch. Auch hat während der gemeinsamen Veranstaltung niemand das Recht, das Haus zu verlassen. Zum Abend gehört dort auch der gemeinsame Gesang von Liedern aus dem religiösen oder folkloristischen Bereich. 
Nach dem 22. Januar beginnt für aller orthodoxen Gläubigen das so genannte "strenge Fasten", das zeitlich bis zu den Osterfeiertagen dauert. 

Wir waren am 8. Januar bei etwas lockerer mit der Kirche verbundenen Bekannten ins Dorf zum "Reichen Abend" eingeladen. Aus den üblichen zwölf Fastenspeisen wurden uns nur vier vorgesetzt, dazu kamen jedoch sehr weltliche Gerichte und guter Wodka. 
Allerdings wurde ich dennoch überrascht. Denn plötzlich waren Kinderstimmen zu hören. Die Kleinen kamen sehr höflich als "kolodjaschniki" ins Haus - eine Art "Zauberer". Als sie nach ihren Bitt- und Wünscheversen zu singen begannen, war ich erstaunt. Es erklang das weltweit bekannteste Weihnachtslied "Stille Nacht, heilige Nacht" auf Ukrainisch. Das rührte an - weil nicht bestellt, weit entfernt von der in Deutschland üblichen Vermarktung auf den dort so kommerziell ausgerichteten Weihnachtsmärkten.

Am Folgeabend traf uns ein mittelschwer alkoholisierter älterer Mann. Er wollte von mir als Deutschem nach Glückwunsch zum Heiligen Abend wissen, ob Köln eine schöne Stadt sei. Seine dort seit langem lebende Schwester behaupte das. Ich habe nach meinen Eindrücken positiv geantwortet. 
Dann rief er ganz plötzlich: "Aber so etwas ist in Deutschland unmöglich!" Diesen Satz wiederholte er stereotyp, ohne mir auf meine sachbezogene Frage zu antworten. 
Weil er immer lauter wurde, dazu beängstigend mit den Armen umherfuchtelte, erschien das für Hund Kai als Bedrohung. Er warf sich laut bellend auf den fast in seiner Reichweite befindlichen "Angreifer". Der erschrak, ich musste ihn beruhigen und gleichzeitig den Beschützer Hund loben. Wir trennten uns - er sehr laut vor sich hin brabbelnd. Unaufgefordert hat unser gutmütiger Spaniel gezeigt, dass er seine Meinung zu bedrohlichen Situationen hat.

Bleiben Sie recht gesund!

Ihr

Siegfried Newiger