Meinungen...

           Gestern Abend bekam meine Frau einen Anruf aus dem Krankenhaus. Unsere Freundin Nina war erneut dorthin eingewiesen worden, damit eine zweite Operation an ihrer Stirnhöhle endgültige Heilung bringen soll. Für einen Augenblick ließ ich mir das Handy reichen. Ninas Stimme klang gut. Das sagte ich ihr auch. Die Antwort: „Ich bin doch noch nicht tot.“ Da meinte ich: „Werde gesund – damit wir beiden noch auf der Hochzeit deines Sohnes miteinander tanzen können.“ Sie lachte relativ ungezwungen. „Danke – das wünsche ich mir auch.“ Also hatte ich ihre positive Einstellung mit wenigen Worten bestärken können. Wir verabschiedeten uns. Das Frauengespräch ging weiter. 

           Danach musste ich an den römischen Philosophen und Dichter Seneca denken. Vor rund 2000 Jahren hatte er schon formuliert: „Es sind nicht die Dinge, die uns beunruhigen, sondern unsere Meinung über die Dinge.“ 

           Nina hat den Willen, gesund zu werden. Sie kennt – vor allem auch als Krankenschwester und schon operierte Patientin – alles, was an Unangenehmem mit der OP verbunden ist. Aber sie ist stark. Stärker als mancher Kerl, der meint schwer krank zu sein schon beim Erscheinen eines Pickels auf seinem hervorstehendsten Organ – der Nase, nicht was jemand denkt. Solch überempfindliche Männer habe ich schon viele kennen gelernt.  

        Ninas Meinung ist also positiv. Sie ist in ärztlicher  Obhut, um gesund zu werden und nicht, um bemitleidenswert krank zu sein! 

        Wer zur Macht unserer Gedanken etwas besonders Interessantes erfahren möchte – der oder dem empfehle ich hier einen Link zu einem für mich absolut überraschenden Video:


   http://www.youtube.com/watch?v=8kNp4ma3-7I 


        Dass zu allem Geschehen in der Welt andere Meinungen da sein können, andere Betrachtungsweisen, hat mir einmal eine Freundin überzeugend mitgeteilt. 

        In Afrika war sie in einem Hotelprojekt eingebunden. Die dort angestellten einheimischen Frauen fragten sie anlässlich einer Instruktionsstunde, ob sich die europäischen Gäste nicht ordentlich waschen. Ihre Gegenfrage, wieso sie darauf kämen, wurde in etwa so beantwortet. 

        „Wenn wir uns waschen oder duschen, ist danach unsere Haut sauber. Mit dem Handtuch entfernen wir sauberes Wasser von sauberer Haut. Wenn wir hier jeden Tag die Handtücher wechseln sollen, müssen sich die Europäer anders waschen als wir.“ Sehr diplomatisch ausgedrückt. 

           In einem Land, wo sauberes Wasser eine Kostbarkeit ist, wird von klein auf ein anderes Verhalten zu diesem Nass vorgelebt und weiter gegeben. 


          Nun nochmals Seneca: „Glücklich ist nicht, wer anderen so vorkommt, sondern wer sich selbst dafür hält.“

          Oder das Folgende vom römischen Philosophen-Kaiser Marc Aurel, etwa 150 Jahre nach Seneca: „Das Glück deines Lebens hängt ab von der Beschaffenheit deiner Gedanken.“ 


         Wer einen Rat zum Thema möchte: sehr einfühlsam wird dieses in der „Lebenslotsen-Akademie“ behandelt – der Link dazu: 


„http://hans-dirk-reinartz.com/lebenslotse-akademie/“ 


Bleiben Sie recht gesund! 


Ihr 


Siegfried Newiger 






Reise nach Berlin...

           Es ist schon eine Weile her, dass wir gezwungen waren, aus Belaja Zerkov nach Berlin zu fahren – über Kiew. Wir nahmen von dort einen guten Bekannten mit. Den hatte ich vor rund 7 Jahren im Schnellzug Kiew-Berlin kennen gelernt. Volodja – die Verniedlichungs- oder auch Koseform von Vladimir – hatte erst vor Kurzem eine Prostataoperation hinter sich gebracht und war deshalb ein wenig gehandicapt. 
           Wir haben erstmals seit langer Zeit die sogenannte „Warschawjanka“ auf voller Länge befahren. Gemeint ist der ukrainische Teil der Straße Kiew-Warschau, der in den letzten zwei Jahren gründlich repariert wurde. In sehr guter Qualität. Deshalb waren die knapp 600 km sehr rasch durchfahren. Im Abschnitt vor der Grenzübergangszone eine Warteschlange, wie sie an innereuropäischen Landesgrenzen seit langem unbekannt ist. 
       Um noch bei Tageslicht nach Polen zu kommen, ging ich mit meinem Herzschrittmacherpass zum Sergeanten, welcher die Reihenfolge der Durchfahrt regelte. Er ließ uns von hinten vor- und sofort durchfahren. Danke von hier zusätzlich nachträglich. Auf polnischer Seite keine Chance, die Variante zu wiederholen – weil die Ordnung durch sehr deutliche Abgrenzung der zulässigen Bereiche markiert war. Aber die Vielfahrer aus der Westukraine (so genannter „kleiner Grenzverkehr“ – gab es auch einmal in Westeuropa) mit ihren offiziell erlaubten und auch Schmuggelwaren hielten einander dennoch Lücken frei, in welche die Bekannten andere überholend einfuhren. Ärgerlich – aber nicht vermeidbar. 
           Auf Volodjas Bitte hin entschieden wir uns, bis Berlin durchzufahren. Die Route, welche wir kannten, um rasch auf die Autobahn A-2 zu kommen, kannte er noch nicht, fuhr gewöhnlich mit dem Auto über Warschau. Jedoch um die Stadt herum und in ihr häufig sehr zäher Verkehr. Wir konnten ihn eines Besseren überzeugen. 
         Als wir um 03.30 Uhr etwa bei seiner Wohnung in Berlin ankamen, waren alle rechtschaffen müde. Vor allem Natascha, welche die rund 1.500 km hinter dem Steuer gesessen hatte. 
           Daheim eine Überraschung. Gäste aus Moskau, die in einem anderen Zimmer schliefen, weil sie um 05,30 Uhr aufstehen und zu Flughafen Tegel mussten. Also drängten sich – zum Teil auf Luftmatratzen – 6 Erwachsene in einem kleinen Zimmer zum Schlafen zusammen. Ich wunderte mich nicht – Slawen haben so etwas drauf! Wir Deutschen (mich ausgeschlossen) kommen nicht mehr auf solche verrückten Ideen… 
             Meine Besorgungen hatte ich rasch erledigen können. Der bürokratischer gewordene erfolgreiche Umzug, die erforderlichen Arztbesuche und ähnliches wurden von einem eingetrübt: von Vandalismus mit nationalistischem Einschlag. Unbekannt hatte bei unserem vor einem Kaufhaus in Hellersdorf geparkten Auto mit ukrainischem Kennzeichen die Frontscheibe beschädigt. Einfach entweder mit einem Stein oder einem Knüppel auf sie gedroschen. Sie blieb zwar ganz – aber eine dem deutschen TÜV oder einer Polizeistreife wäre der Schaden aufgefallen. Folglich entschieden wir uns, das wenig gastfreundliche Berlin am nächsten Morgen zu verlassen. 
       Bis daheim sind wir niemanden mit der defekten Scheibe aufgefallen. Der Grenzübergang Polen-Ukraine war viel „härter“ als bei der Hinfahrt. Die Warteschlange länger und der polnische Regulierer trotz vorgezeigtem Schrittmacher-Dokument nicht gleich zugänglich. Weil es aber gegen 23 Uhr war und ich ihm klar machen konnte, dass ich sonst von ihm erwarte, dass mich die „Schnelle medizinische Hilfe“ hier versorgen müsse, ließ ihn uns durchwinken. Etwa zwei Stunden Wartezeit gespart. 
             Die Frontscheibe wird hier zu etwa einem Viertel des in Berlin angebotenen guten Preises gewechselt werden. Was wir aber beim TÜV in Berlin für 5 Euro gleich noch mitgenommen haben: die grüne Plakette für die neue Scheibe, welche uns Einfahrt in alle Stadtzentren in Deutschland erlaubt. 

Bleiben Sie recht gesund! 

Ihr 

Siegfried Newiger







Bin wieder da...

          Es ist im Leben eben lebendig. 
         Mal ist in einem Winkel der Welt kein Internet da. Dann geht es nach der Weisheit: „Das Erinnern hat Zeit, das Erlebnis hat keine.“ Außerdem existieren Situationen, wo ich keine Lust habe, mich mitzuteilen. Für alle, die mich dennoch lesen – ich bin wieder da. 
       Auch Hund Kai und Kater Darik. Beide haben sich auf ihre Art über das wiedergekehrte Herrchen gefreut. Beim Kater drückt sich das so aus, dass er sich einen Stuhl ganz in meiner Nähe – am Laptop – ausgesucht hat, um dort zu ruhen. Der Hund liegt unter dem Tisch vor oder gar auf meinen Füßen. Angenehm warm. 
          Nun komme ich zum Erlebnis. Wie immer in der Frühe. Auf dem Rückweg vom Morgenspaziergang ist zu sehen, wie sich die Wildenten sammeln. Eines der Zeichen dafür, dass es kalt werden könnte. Denn eine Futterstelle auf dem Fluss gemeinsam offen zu halten, ist für das Schoof einfacher, als bei Frost im Eis zwanzig kleine Löcher frei zu machen bzw. so zu halten. 
           Dann trafen wir in Nähe der Holzbrücke über den Fluss Ros einen alten Herrn, mit einem Fahrrad. Auf dem Gepäckträger ein mit Lappen ausgefüllter Korb. Er fragte: „Guten Tag! Sie kenne ich, sie gehen weit spazieren. Haben sie dort, wo sie lang gingen, viele leere Bierflaschen auf dem Ufer herumliegen sehen?“ Ich antwortete wahrheitsgemäß – nur drei. Er bedankte sich dennoch. Offensichtlich ein Rentner, welcher seine sehr geringen Einkünfte auf diese Weise aufbessert. Flaschen aufsammeln, mit denen gedankenlose oder besser gestellte Bürger die Natur verschandeln. Das Umweltbewusstsein ist in der Ukraine bei den meisten Einwohnern absolut unterentwickelt. Es gibt auch keine besonderen Aktivitäten von Seiten der Administration, das zu ändern. So ist z. B. nicht unüblich, dass Autobesitzer ihre Fahrzeuge am Flussufer waschen. Angeblich soll das strafbar sein – aber wo kein Kläger, da kein Richter. 
           Auf dem später besuchten Basar wie immer die herzliche Begrüßung einschließlich der Frage: „Wo waren sie denn so lange?“ Meine Bemerkung, dass ich in meiner Heimat war, rief eine Vielzahl von Reaktionen hervor. Darunter die Frage, was man denn in Deutschland über die dummen Ukrainer denkt, welche sich nicht entscheiden können: rein in die Europäische Union oder doch lieber in die Zollunion mit Belorussland, Russland und Kasachstan. 
            Diese Fragen wimmele ich gewöhnlich ab. Ohne offiziellen Status als Journalist ist die Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines Staates mit einer eigenen und vielleicht auch abweichenden Meinung immer ein unnötiges Risiko. Allerdings versuche ich dennoch, auf meinem Blog http://mein-ostblock.blogspot.de/ so delikat wie möglich die Ereignisse hier zu kommentieren. Sie können gerne dahin klicken. 

Bleiben Sie recht gesund. 

Ihr 

Siegfried Newiger





 



Sinnestäuschung

           Es gab sie kurzzeitig vorgestern in der Frühe. Der Himmel war wolkenverhangen, die Lufttemperatur etwa um + 10 Grad, als wir zum Spaziergang aufbrachen. Außer den unschönen schrillen Schreien wieder zurückgekehrter Eichelhäher war nur das typische leise Tönen der Kohlmeisen eine Abwechslung im Bereich des Waldrandes. 
         Zwei Tage davor hatte man am kleinen Stausee oberhalb der Stadt am Nachmittag begonnen, Wasser abzulassen, um Stauraum für die Herbst-Wintersaison zu schaffen. Augenzeugen unter den Anglern berichteten, wie sich in kurzer Zeit der Pegel des Flusses um etwa 1,5 Meter anhob. Dabei kamen mit den befreiten Wassermassen Bäume, Sträucher und Un-Kulturmüll in „Scharen“ geschwommen. 
          Vor der hölzernen Brücke sah ich den Stau, den die Flut durch die mitgeschleppten Gegenstände verursacht hatte. Auf der weiteren Spazierstrecke konnte man an der Schlammgrenze auf dem Ufer sehen, wie hoch der Wasserspiegel angestiegen war. Weil in diesem Jahr in der Ukraine und in Russland vor allem die Hochwasserbilder lange die Massenmedien füllten, konnte ich nachempfinden, wie es den Menschen dort ergangen sein musste. 
        Feuer lässt sich häufig mit Wasser löschen – das „heranschleichende“, überall durchsickernde Wasser ist aber nicht so einfach zu bändigen… 
          Aus diesen Überlegungen riss mich die Sinnestäuschung. Wir waren auf dem Heimweg. Durch die vielen entlaubten Bäume sah ich weit weg ein Großfeuer! Es loderte immer mehr auf – allerdings ohne Rauch. Erst da verstand ich, dass die Wolkendecke aufzureißen begann und die am Horizont noch rote Sonne die Illusion schaffte, welcher ich kurzzeitig verfallen war… 

           Heute Morgen bekam ich nach dem Spaziergang den Auftrag, auf den Basar einkaufen zu gehen. Alles wie gewöhnlich – gegenseitige Begrüßung mit einigen Worten, ab und an ein Scherz. 
           Dann war ich bei Katja – meiner netten Freundin. Ich wusste, dass sie Verbindung mit ihrer Tochter hielt, welche zu einem Schüleraustausch für einige Tage in die Umgebung von Krakow gefahren war. Deshalb fragte ich, welches denn der Grund sei, dass sie selbst heute so besonders glücklich aussieht. Die Antwort überraschte mich. 
           „Ich habe mich drei Tage erholt. Besonders gestern in der Frühe. Weil unser Anwesen höher gelegen ist als alle anderen im Dorf, haben wir uns mit meinem Mann vor die Haustür auf die Bank gesetzt, unseren Kaffee getrunken und den Sonnenaufgang am hellen Himmel beobachtet. Wie schön – dazu die Stille, unterbrochen ab und an durch die Stimmübungen der ersten erwachten Hähne. Schön, dass wir die hektische Zeit vor den vierziger Lebensjahren hinter uns haben.“ 
          Erstmals habe ich die auch sonst sehr vernünftige, humorvolle Frau in einer als elegisch zu bezeichnenden Stimmung erlebt. Die Tatsache, dass sie sich so offen mir gegenüber äußerte, freute mich außerordentlich. So wird ein Einkauf zu einem Erlebnis. 
           Wie Robert Browning meint: „Jede Freude ist ein Gewinn und bleibt es, auch wenn er noch so klein ist.“ 

Bleiben Sie recht gesund! 

Ihr 

Siegfried Newiger 





Schlüsselprobleme...

           Zum heutigen Post habe ich etwas sehr gut formuliertes gefunden. Pearl S. Buck meint und ich stimme uneingeschränkt zu: „Die wahre Lebensweisheit besteht darin, im Alltäglichen das Wunderbare zu sehen.“ Ohne mich zu beweihräuchern – diese Art hinzusehen und zu sehen hat mir schon, seit ich mich dazu ganz unbefangen äußere, eine Menge Kritik der Uneinsichtigen eingetragen. 
           Wie sagt Friedrich Hebbel: „Das Publikum beklatscht ein Feuerwerk, aber keinen Sonnenaufgang.“ Noch etwas bissiger drückt sich J. W. von Goethe aus: 
„Wer darf das Kind beim rechten Namen nennen? 
Die wenigen, die was davon erkannt, 
die töricht g`nug ihr volles Herz nicht wahrten, 
dem Pöbel ihr Gefühl, ihr Schauen offenbarten, 
hat man von je gekreuzigt und verbrannt.“ 
           Schön, dass das heute recht unüblich ist – aber es tut mir leid um alle jene, die nicht verstehen, auf diese einfache Weise ihre Lebensqualität zu steigern. 
         Als wir gestern vom Morgenspaziergang heimkehrten, kam uns ein dick vermummter junger Mann entgegen gelaufen. Er hatte uns schon auf dem Hinweg überholt und wir waren an ihm vorbeigegangen, als er am Reck auf der Waldlichtung einige Übungen machte. Ich fragte ihn – wir grüßen einander, ohne näher bekannt zu sein – ob er heute die doppelte Norm erfüllen wolle. Seine Antwort: „Der Reißverschluss an der Tasche hier oben ist defekt. Als ich turnte, fiel mein Schlüsselbund heraus. Das habe ich an einen Ast gehängt und prompt vergessen.“ Wir beide lachten. 
           Wer meint, dass ich schadenfreudig bin – Fehlanzeige. Mir ist es vor vier oder fünf Jahren an selbiger Stelle ähnlich ergangen, als ich mich zum Baden auszog und meine Schlüssel in den Sand fielen. Der nahe Baum war Helfer und ich ließ meine Schlüssel ebenfalls hängen…  
          Etwas weiter auf dem Rückweg eine riesige Dogge, läufig. Das wittert unser Kai auf hunderte von Metern. Ich musste laut werden, um ihn zu mir zu zwingen. Meine Bemerkung: „Das ist nicht deine Gewichtsklasse!“ rief beim Herren des Tieres ein Lächeln hervor. Zweihundert Meter weiter ein Gleiches – nur war die Hündin ein Zwergterrier. 
          Wie sagen die Inder: „Unsere Freude beginnt dort, wo wir andere zum Lächeln bringen.“  
          Dann überholte mich in der Mittagszeit ein junger Mann, während ich gemächlich dem Hund hinterher spazierte. Er grüßte ganz unüblich hier auf Deutsch mit „Guten Tag.“ – worüber ich mich etwas wunderte. In dem sich entwickelnden Gespräch stellte sich heraus, dass er in der Schule und auch auf der Universität etwas intensiver als andere Deutsch gelernt und nun versucht hatte, seine Kenntnisse trotz gewisser Scheu zu überprüfen. Eine Viertelstunde sehr nettes Gespräch – wie viel Nutzen an guter Stimmung danach für beide.
        Heute Morgen nun das Treffen mit dem sehr großen und wunderschönen Malamut (s. Bild) und seinen Besitzern. Dieser harmonisch entwickelte und wunderbar eingefärbte Rüde begeistert mich immer wieder. 
         Abschließend das alltägliche Wunder zu Hause. Vor ein paar Tagen hatte meine Natascha angemerkt – ohne Vorwurf: „Dieses Jahr habe ich keine Blumen von dir zum Geburtstag bekommen.“ Mein Einwand, dafür wäre ein deutscher Männerchor in Lugansk zur Gratulation aufgetreten, wischte sie weg. Der Feldblumenstrauß von mir sei schöner. Heute habe ich sehr aufmerksam um mich geschaut und wirklich noch drei Spätblüher gefunden, ihr mitgebracht. Sie hat gelächelt – wie die Inder meinen, freute ich mich auch darüber. 

Bleiben Sie recht gesund! 

Ihr 

Siegfried Newiger 







Kleine Münzen...

           Es gibt zum Thema mehrere sehr treffende Bemerkungen. Mir gefällt besonders, was Jean Anouilh zum täglichen Schatzsuchen formulierte: „Das Leben besteht aus vielen kleinen Münzen, wer sie aufzuheben weiß, hat ein Vermögen.“ 
          Nun lassen Sie sich hier ja kaum mit Kleingeld abspeisen. Deshalb ein wenig aus meiner Sammlung der letzten Tage. Am Sonntagmorgen war es erstmals in diesem Herbst richtig kalt. Aus dem Fenster war zu sehen, dass auf den Gräsern Reif lag. Also zog ich mir über das dicke Hemd einen Pullover und stülpte eine dünne Mütze über die dünnen Haare. Vor der Holzbrücke ein Lehrstück: ein älterer Mann fiel auf die Nase. Er hatte die Glätte der leicht bereiften Stufen falsch eingeschätzt. Musste sie also mit seinen Händen befühlen… Ich nahm deshalb sofort das Geländer als Stütze und kam wohlbehalten oben an. Man lernt am besten aus den Fehlern anderer. 
           Einer der Angler, mir bekannt, begrüßte mich mit Händedruck und der Bemerkung: „Na, hast du dich endlich etwas vernünftiger angezogen?“ Ich habe mit ihm darüber nicht diskutiert. Wer sich abhärtet, findet gewöhnlich wenig Verbündete. Außerdem ist das mit den Bedingungen beim fast unbeweglichen Angler nicht zu vergleichen. Bei + 12 Grad Celsius der Vortage reicht mir ein Flanellhemd völlig aus, da ich bei gewohnt raschen Gehen sonst zu stark schwitze. Dass bei ersten Minusgraden eine „Haut“ mehr angezogen wird, ist normal. 
           Nach einiger Zeit, wir waren schon im Wald, hörte ich einen Specht hämmern – der Lautstärke nach in der Nähe über uns. Mit Ohren und Augen suchte und fand ich den eifrigen Buntspecht. Hund Kai wunderte sich sichtlich, weshalb wir fast auf der Stelle herum traten. Aber so bekam ich die zweite kleine Münze des Tages – meine Befriedigung, die Laute der Natur immer noch zu verstehen. 
       Letztmalig in diesem Jahr sah ich auch den bunten Wald in seiner herbstlichen Farbenvielfalt. Die Mischungen von gelb, rot und braun mit dem dunklen Grün selten herausragender, noch belaubter alter Weiden oder noch dunklerer Nadelbäume. 
         Der Montag begann mit zwei Erlebnissen. Ein mir unbekannter Angler hob einen kleinen Zander aus dem Wasser auf die Brücke und brachte den stolz zu seinem Auto – ohne den zu töten oder, wie es bei deutschen Anglern heißt – ohne ihn zu versorgen (bedeutet ebendies). Der Fisch war nach meinem Verständnis untermaßig. Die Fischereiaufsicht in unserer Heimat würde dafür hart abstrafen. Außerdem ist er sicher elendiglich verreckt – so, wie auf dem Markt die „Lebendfische“ in kleinen Wannen oder Bottichen. 
      Als wir am anderen Brückenende waren, erscholl hinter uns Lärm. Ein etwa gleichaltriger, bekannter  Angler hatte einen größeren Fisch gehakt und versuchte, diesen erst einmal über Wasser und danach auf das Trockene zu bekommen. Ich beobachtete die Szene. Weil der Haken zu klein oder zu stumpf war, konnte sich der etwa 2 kg schwere Zander jedoch befreien. 
            Die Oberfläche des Flusses war wie mit einem bunten Teppich bedeckt. Der Frost vom Vortag und der Wind in der Nacht hatten gemeinsam dafür gesorgt, dass plötzlich viele Bäume entblättert worden waren. An Stelle des bunten Waldes vom Vortag war dieser nun vorwiegend astschwarz mit einzelnen Farbtupfern von besonders widerstandsfähigen Laubbäumen. 
            Im Wald ist es stiller geworden – viele Singvögel sind fortgeflogen. Freude machten Kohlmeisen und Kleiber, aber auch die durch die nackten Büsche leichter zu sehenden Eisvögel. 

Bleiben Sie recht gesund! 

Ihr 

Siegfried Newiger   





Die nackte Wahrheit...

           Der Weg aus Lugansk nach Hause begann damit, dass im Zug nur noch im Zwei-Personen-Abteil zu fast dem dreifachen als dem normalen Preis Platz war. Aber nach fast drei Wochen in der Ferne musste das Geld eingesetzt werden. 
           Schon auf dem Weg von der Bushaltestelle nach Hause trafen mich die ersten vier Bekannten mit den Worte: „Alles Gute nach der Heimkehr.“ 
        Als erstes begrüßten daheim Hund und Kater mich so heftig, dass ich vorher das Gesicht abwaschen musste, um meinen Begrüßungskuss anbringen zu können bzw. zu dürfen… Nach auspacken der Wäsche folgte deren Verteilung auf die Waschmaschine und die Wartestation. Danach die gegenseitigen Berichte. 
         In meiner Abwesenheit hatte Natascha mit Sohn und Fliesenleger die Toilette renoviert. Sie wollte mich nicht mit dem Trubel, Staub und Schmutz in Berührung bringen – so kam ich ins Fertige. 
        Am Abend der erste Spaziergang mit dem Hund, der besonders folgsam war, immer dicht bei mir blieb. In der Wohnung verfolgte mich Kater Darik wie ein leiser Schatten. saß ich, sprang er auf meine Knie, lag ich, stieg er auf meinen Bauch oder ringelte sich in meine Armbeuge.
       Am gestrigen Morgen gingen wir – für Hund Kai erstmals seit langem wieder – am Fluss spazieren. Auf dem leicht gewundenen Weg waren weit vor uns zwei bunt gekleidete Personen zu sehen – Frauen, im Herbst ziehen Männer sich so nicht an. Beim Näherkommen etwas genauer: die schlankere von beiden inzwischen deutlich feucht im großen Badetuch, die kräftigere angezogen. Die Stufen zum Wasser nass. Ich ging vorbei, den Hund rufend. Damit der nicht eine der beiden belästigte. 
          Nach etwa 25 m drehte ich mich um – beide Frauen waren nackt. Die Schlanke rieb ihren Rücken trocken, während die Fülligere begann hinab ins Wasser zu steigen. Ein Bild für Götter – bzw. Männer… 
           Der Hund und ich waren etwa 200 m weiter gegangen, als am Rand einer kleinen Waldwiese und am Ufer einer kleinen Bucht eine Frau ihren Pullover überstreifte, während die andere, grazilere, schon topless, erst die Trainingshosen ablegte. Das dritte Geschenk an diesem Morgen. Die beiden schenkten mir wenig Beachtung – so wenig sehe ich schon nach rechtem Mann aus?  
           Wir gingen unseres Weges. Auf dem Heimweg dann die dritte Frauengruppe – ein Paar hoch zu Pferde. Die Reittiere gingen in forschem Schritt, das jüngere musste im Temperament gezügelt werden. Aber es war kaum zu halten und mit schnellen Schritten immer wieder vor dem etwas besser genährten anderen. Auf die Brücke gingen beide fast nebeneinander, eine Schräge hoch. Am Abgang aber musste eine Reiterin mit der erfahreneren Stute, schwarz mit weißen Fesseln, voran, denn dort an den Treppenstufen hielt sich das jüngere, gänzlich schwarze Pferd fast scheuend zurück. 
       Daheim berichtete ich von meinen Erlebnissen. Natascha meinte: „Du hast ja noch Marktwert, mein Alterchen, wenn sich die Frauen hier anlässlich deiner Heimkehr in  ganzen Gruppen nackt ausziehen.“ 
             So kann man das auch sehen. Als Kompliment.

Bleiben Sie recht gesund! 

Ihr 

Siegfried Newiger





Kollegen...

           Wer sprachliche Barrieren überwinden muss, hat es nicht immer leicht. Vor allem dann, wenn die Themen der Unterhaltung, über die aus Gründen der Notwendigkeit unbedingt gesprochen werden muss, sachlich weit auseinander liegen. Genauer: wenn geradebrecht wird. 
      Leichter ist es dann, wenn Berufserfahrung mit eingebracht werden kann. In der sich unsere ukrainischen Kollegen wenig von uns unterscheiden. Selbst relativ junge Burschen haben Erfahrungen, die bei jungen Deutschen heute so reichhaltig selten zu finden sind. Wenn ein junger ukrainische Meister aus der Mechanik-Werkstatt den Elektroantrieb eines Winkelschleifers vor unseren Augen auseinander nimmt und wieder funktionsfähig macht, ist das ein Zeichen jener Findigkeit, welche durch die unterschiedlichen Situationen und noch mangelnden Möglichkeiten ihrer Bewältigung durch Spezialisten herangebildet worden ist. 
           In den fast drei Wochen unseres Hierseins hat sich das gute Verhältnis aus den ersten Besuchen noch mehr gefestigt. Wenn ich zu den einzelnen Meistern oder Gruppenleitern komme, um einen Winkelschleifer oder anderes Gerät zeitweilig auszuborgen, finde ich die Minute, um nach der Gesundheit des Gesprächspartners zu fragen, ob der Sprössling wieder wohlauf ist, der Urlaub oder wenigstens der Sonntag erholsam oder der Angelausflug erfolgreich waren. Die Begeisterung für die Brüder Klitschko besteht auf beiden Seiten – ich bin mit meinen Bemerkungen zum Boxkampf Klitschko-Powetkin sofort noch angesehener. 
          Folglich  bekomme ich immer recht bereitwillig direkt oder von anderen besorgt alles, was wir benötigen. 
        Bei den Ukrainern haben wir ein modernes Analysegerät für die Bestimmung der chemischen Bestandteile von Edelstahl vor dem Schweißen gesehen – einfach fantastisch. Nur auf den Draht halten, einschalten, nach kurzer Zeit ist auf einer Art Handybildschirm die genaue chemische Zusammensetzung des Stahls abzulesen. 
       Andererseits bewundern sie einige der von unseren Kollegen mitgebrachten Meßeinrichtungen – zum Beispiel eine extrem genaue Wasserwaage in Form eines sich nicht verziehenden metallischen quadratischen Blocks. 
           Was beiden Gruppen von Kollegen gemeinsam ist: der sorgfältige Einsatz aller dieser Messmittel. Konsequent nach der alten Weisheit: „Lieber neun Mal messen, als einmal zu viel abschneiden.“ Denn in der Metallverarbeitung ist nach fehlerhaftem Verkürzen noch etwas abschneiden leichter, als an zu kurzem wertvollen Material wieder ein Stück anzusetzen. 
         Wenn am Morgen auf unserem Arbeitstisch ein von „Unbekannt“ abgelegter kleiner Berg frischer Walnüsse liegt, die so leicht zu öffnen sind wie kalifornische und auch sehr schmackhaft, ist das doch ein gutes Zeichen menschlicher Beziehungen untereinander. 
            Andererseits: unserem ukrainischen Kollegen Denis fiel seine Sicherheitsbrille für Schleifarbeiten herunter, zersplitterte. Spontan lief unser Patrick zu seinem eigenen Werkzeug, holte dort eine sehr moderne, als Reserve eingepackte, fast unzerbrechliche Brille heraus und schenkte diese mit freundlichem Lächeln dem immer hilfsbereiten Ukrainer. Beide waren zufrieden – der Gebende wie auch der Beschenkte.
          Meine Kollegen fragen nach der für sie immer gleich klingenden Bemerkung einzelner ukrainischer Arbeiter, welche mit mir scherzen – wissen sie doch, dass ich sie mental verstehe. Denn auf mein „Danke schön“ für eine unmittelbaren kurzzeitige Hilfe (Anheben eines schweren Werkstückes oder ähnliches) kommt manchmal das „Dankeschön kann man nicht in die Tasche stecken.“ oder „Dankeschön gluckert nicht.“ Das erste bedeutet, dass für die Leistung ja nichts bezahlt wurde – das zweite, dass kein Fläschchen mit Bier oder Stärkerem herüber gereicht wurde – in dem Lande übliche Entgelte für technische Hilfeleistungen. Das ging meinen Jungens ein. Aber wir kamen ohne diese „Währung“ aus. 
            Der Abschied war kurz und herzlich. Die Einladung der Männer an uns, doch wieder zu kommen, beantworteten wir damit, dass wir gerne kämen, es aber lieber sähen, wenn unsere Technik bei ihnen einwandfrei funktionieren würde.  

Bleiben Sie recht gesund! 

Ihr 

Siegfried Newiger  








   

Hallo Taxi...

            Andere Länder – andere Sitten! Oder, wie es ein DDR-Schriftsteller einmal ausdrückte, den ich leider als Autor des Zitats vergessen habe: 

 „Reisen – die Erwartung, dass es anderswo anders ist. Reisen – die Enttäuschung, dass es anderswo anders ist.“

          Da fehlen die heimischen Bedingungen, es gilt eine ganz andere Straßenverkehrsordnung (Linksverkehr), die Einheimischen beweisen durch lautes Schmatzen und Schlürfen, dass es ihnen schmeckt (Ostasien), in Bulgarien kann man sich durch Kopfschütteln (bedeutet „Ja!“) in unangenehme Situationen manövrieren – und erst das „trockene Gesetz“ in einigen Staaten mit vorwiegend muselmanischer Bevölkerung…  

           Unsere Kollegen haben ihre Probleme mit den hiesigen Taxi-Betrieben. Der Ärger hier kam mit dem Regen. Wir hatten am Feiertag (Tag der Einheit, 03. Oktober 2013) eine halbe Stunde später unsere Arbeit aufnehmen wollen. Um morgens rechtzeitig vom Hotel in das Werk zu kommen, wo sie eine Spezialmaschine „aufpeppen“, muss man rechtzeitig ein Taxi bestellen. 
           Es ist so, dass wir auf Taxis der Firma „Eurotaxi“ fast gezwungen angewiesen sind, weil nur die Fahrzeuge dieses Unternehmens Taxometer besitzen. Die von jenen ausgedruckten Quittungen braucht unsere Buchhaltung dringend, um uns unsere  Aufwendungen zu erstatten. Der Morgen war verregnet. Wie gewohnt, rief ich etwa eine Viertelstunde vor geplanter Abfahrt beim Europa-Taxi an. Die Dame Dispatcher erklärte mir, dass sie zeitlich befristete Bestellungen nicht annehmen könne. Also rief ich andere Nummern an. Nach etwa 15 Minuten bekam ich bei einer die Auskunft, dass wir in etwa 10 Minuten ein Fahrzeug erwarten könnten. 
         Meist gelingt es schon, zeitnah ein Taxi zu bestellen. Kaum aber beginnt es intensiv zu regnen, geben Leute, die gewöhnlich an Bus- oder Straßenbahnhaltestellen geduldig warten, ihre Hrywna für ein Taxi aus. Damit wird ein Mechanismus in Gang gesetzt, an den sich z. B. einer unserer Kollegen absolut nicht gewöhnen will. Seinen Frust lässt er dann am Sprachmittler aus, der es nach seiner Meinung nicht versteht, rechtzeitig das Taxi zu organisieren. Dass die angespannte Verkehrslage die Dispatcher zwingt, diesem Unschuldigen – dem Sprachmittler – das Folgende zu sagen :     „Wir können gegenwärtig keine zeitgebundenen Bestellungen annehmen.“ „Sie werden 30 bis 40 Minuten warten müssen.“ 
          Wenn ich diese Antworten weitergebe, rastet der genannte Kollege bald aus. Das ist früh am Morgen im Hotel noch unverständlich – wir sind doch unschuldig an der Verspätung. Die Ukrainer im Unternehmen verstehen das.
                Unangenehmer wird es aber bei Arbeitsschluss. Wir müssen das Werk verlassen, stehen dann in dem engen Raum gedrängt zusammen, durch den sich auch noch Werksangehörige zum Ausgang drängeln. Auf der Straße strömender Regen. 
           Das endlich telefonisch gemeldete Taxi steht, weil an dem Ausgang des neuen Werksteils noch keine Hausnummer angebracht ist, etwa 80 m weiter in Fahrtrichtung und der Fahrer wird vom Dispatcher telefonisch an mich „weitergereicht“. Er will nicht wenden – man hat ihn an die Adresse geschickt, wir sollen hinkommen. Da ist danach die Stimmung der nassen Kollegen ganz im Eimer, denn wir haben ja schon eine halbe Stunde Freizeit mit Warten verschenken müssen. Außerdem ist das eines der Taxis, in welchem 4 kräftige und auch lange Kerle nur mit Mühe untergebracht werden können. Die Unebenheiten der hiesigen Straßen machen sich für einen von uns mit leicht gezerrtem Rücken so besonders bemerkbar. 
             Der Fahrer erklärt auf meine Frage noch etwas, das wir einfach nicht wissen können. Eben der Straßenzustand, durch die schlechte Sicht bei Regen noch weniger genau einzuschätzen, bringt viele Defekte an den Fahrzeugen mit sich – sie fehlen dann zeitweilig im Angebot. Das leuchtet den Kollegen ein. 
           Aber weil wir schon zehn Tage hier tätig sind, ist die Stimmung doch etwas angespannt. Wir wurden ja nicht wie Kosmonauten/Astronauten auf gemeinsame psychologische Verträglichkeit getestet… 
        Jedoch nach Duschen und Abendessen mit den besonders schmackhaften ukrainischen Gerichten war die Stimmung am Feiertag wieder gerettet. 

Bleiben Sie recht gesund! 

Ihr 

Siegfried Newiger 






Freundin Xenia

           Wir waren schon fast eine Woche in der Stadt, als ich sie anrief. Da ich ihr das sagte, war sie erstaunt. Den Anruf hätte sie eher erwartet. Um sich zu verabreden. Ihr Wadim würde aus geschäftlichen Gründen am Sonntagvormittag für neun Tage wegfahren müssen – er hätte sich auch gerne mit mir unterhalten. Ich konnte erklären, dass die unerwarteten Schwierigkeiten beim Umbau der Spezialmaschine uns häufig bis spät abends im Werk gehalten hätten – mir weder die Zeit noch die Ungewissheit über die nächsten Tage erlaubten, mich bei ihnen zu melden. Wurde akzeptiert. Sie würde mit ihren vier Mopswelpen zur Markierung müssen – aber ansonsten wären sie beide gerne mit mir an diesem Abend noch zusammengekommen. Ich sagte zu, ging rasch im nahen Geschäft etwas Konfekt kaufen und packte meine Flasche deutschen Rotweins mit dazu. 
         Meine Kollegen, die mit der Speisekarte weder in Russisch noch in Englisch so recht zurechtkommen, baten mich, dass ich ihre Bestellungen im Lokal organisiere. Weil einer besonders hungrig war, bestellte er als Beilage zum gebackenen Lachs drei Portionen Kartoffeln – einmal fri, dazu doppelt nach Hausfrauenart gebraten. Die Serviererin war etwas unschlüssig. Ob sie auf zwei Tellern servieren solle. Ich meinte – vielleicht nicht besonders elegant – sie könne ihm das doch auch zusammen auf einem Backblech bringen. Dann ging ich zum Treffen mit Wadim, der mich vor dem Hotel mit seinem Auto erwartete. 
           Als wir ihren dunklen Hof betraten, bat er mich stehen zu bleiben, ging das Licht einschalten. Beinahe wäre ich über ein Gebinde voll Weißkohl gefallen. Da fragte ich, ob sie nun auch mit dem zu handeln begonnen hätten. Die Antwort: daraus würde das Sauerkraut für den Winter bereitet werden. Xenia, keine Schönheit, aber eine Frau mit Aura, begrüßte mich herzlich. Noch vor ihr war ihre Rassekatze bei mir aufgetaucht, sagte „Miau?“ zu mir. Weil ich daheim mit unserem Kater auch in seiner Sprache rede, antwortete ich ihr ebenso. Das interessierte sie sehr – sie kam näher und wiederholte ihre Frage. Mit entsprechender Antwort. Da begann sie, sich an meinen Beinen zu reiben und ich hob sie auf den Arm. Sie beschnupperte und beleckte meine Nase, legte sich dann in meinem Arm auf den Rücken und forderte so auf, ihren Bauch zu streicheln. Dies ist der größte Vertrauensbeweis von Tieren – die Stelle ist die ungeschützteste am Körper. Die Hausherrin hatte das alles mit Verwunderung gesehen. Ich konnte sie auch erst begrüßen, nachdem ich die Katze vorsichtig auf den Fußboden gesetzt hatte. Die hübsche dreizehnjährige Tochter und ihr älterer Bruder mit Freundin waren auch zur Begrüßung gekommen und erklärten unisono, dass noch kein anderer Gast von dieser Rassekatze, Siegerin auf nationalen und internationalen Ausstellungen, auf diese „familiäre“ Weise begrüßt wurde. Das Tier kam im Verlauf des Abends noch zweimal zu mir, um es sich auf meinen Oberschenkeln bequem zu machen, sich Kopf und Bauch kraulen zu lassen. 
            In Xenias einfach blitzsauberer Wohnung riecht es weder nach den 5 Katzen noch nach den 4 Möpsinnen. Dass dazu noch momentan 4 Mopswelpen und 9 kleine Rassekätzchen kamen, machte den Gang durch dieses Quartier zu einem wahren Vergnügen. 
           Xenia, von meinem relativ unerwarteten Auftauchen doch etwas überrascht, hatte einige der hier üblichen flach geklopften Fleischscheiben gebraten, servierte dazu auf einem Backblech in Folie gedünstetes Gemüse. Ich musste lachen, was die beiden verunsicherte. Da erzählte ich von meiner ungeschickten Bemerkung gegenüber der Kellnerin. Sie lachten mit über den Zufall. Das Abendessen war eine köstliche Kombination – denn dazu wurde noch Krautsalat, Pellkartoffeln und Weißbrot gereicht. Bei ein wenig Wein – auch aus eigener Produktion und dem gelobten Halbtrockenen aus Deutschland – sowie Kirschlikör eigenen Rezepts und einem Whisky als Bettbeschwerer gab es angeregte Unterhaltung. An ihr nahmen nur die Eltern teil. Die Jugendlichen hatten sich höflich zu ihren Beschäftigungen zurückgezogen. Nur ganz sacht störte ab und an das Töchterlein, um sich zu den Hausaufgaben Rat vom Vati zu holen. Welch wundervolle harmonische Atmosphäre in dieser Familie! 
           An diesem Abend besichtigte ich auch noch den Keller. Was Xenia dort an Obst und Gemüse, an Säften und Wein eingeweckt hat, ist für eine deutsche Familie sicher sehr beeindruckend. Die etwa 15 Eimer voll Pilze sind auch noch selbst von allen gemeinsam gesammelt worden. 

           „Meine“ Katze verabschiedete sich ebenso liebevoll von mir, wie sie mich empfangen hatte. 
           Mit meinen Freunden, genauer mit unseren haben wir wirklich Glück. 

Bleiben Sie recht gesund! 

Ihr 

Siegfried Newiger





Lächeln am Morgen...

           Auf dem Weg in das ostukrainische Industriegebiet das Typische – ein wegen der zu Ende gehenden Urlaubszeit bis zum letzten Platz voll besetzter Schnellzug. Das Abteil war eines aus der günstigen konstruktiven  Lösung – nur für vier Personen. Damit war der Aufstieg zur Liege in den zweiten Rang auch für einen älteren Herrn noch zu bewältigen, wenn auch mühsam. 
          Wir hatten keinen altersgerechteren unteren Liegeplatz mehr bekommen können – fünf Tage vor der Fahrt. Die ältere Frau in dieser Gruppe war auch noch erstaunlich gelenkig. Dass die etwas jüngeren Leute – er Bergmann, sie Hautärztin – ihre unteren Liegeplätze nicht mit uns tauschten, ließ sich deshalb verschmerzen. 
           Bisher hatte ich noch nie mit einem aktiven Bergmann unterhalten können. Er antwortete mir bereitwillig auf meine Fragen und war hin und wieder verwundert, wie sich jemand für ihm so vertraute, alltägliche Vorgänge und Ereignisse interessierte. Es ist natürlich auch eine ganz andere Arbeit, Kohle mit einer modernen Kombine abzubauen, als sie mit einer Spitzhacke aus dem Berg zu brechen. 
            Unsere Reise verlief ohne Zwischenfälle, wenn man die bemitleidenswerten Verkäufer von Textilien oder anderen Waren auf den Gängen in den Waggons zwischen einigen Stationen unbeachtet lässt. Aber auch sie wollen leben… Als ich dem Taxifahrer am Bahnhof als Ziel das „Bügeleisen“ nannte, eigentlich „Hotel Freundschaft“ (ein sich einseitig am Giebel wie Treppenstufen nach oben verjüngender Bau), war er sofort zugänglicher, weil ich seinen Fahrpreis übertrieben fand und ging mit dem gleich um 5 Hrywna herunter. 
         Die Hotelchefin saß selbst an der Rezeption und war sichtlich erfreut, dass wir aus einem deutschen Unternehmen erneut bei ihr Gäste sein würden. Sie erinnerte sich gerne an uns, die wir bei unserer letzten Dienstreise ihr zu ihrem Geburtstag als einzige ihrer ausländischen Gäste mit einem schönen Blumenstrauß gratuliert hatten. Auf meine Frage, weshalb sie die zu bestellenden Frühstücksmenüs nicht durch ein Buffet ersetze, bekam ich eine für mich erstaunliche Antwort. Es hätte Probleme mit den Kunden gegeben. Weil die meisten Geschäftsleute ihre Kraftfahrer in den bescheideneren Räumen mit einquartierten, jene aber aus Gewohnheit wie täglich früher aufstanden, seien die geschätzten Fleisch- und Wurstwaren bei Erscheinen der zahlenden Gäste immer schon aus dem Angebot verschwunden. Die Mitarbeiter begrüßten mich ebenfalls freundlich wie einen guten Bekannten, fragten, ob noch andere kämen. Sehr angenehme Atmosphäre. 
         Nach einigen Tagen hatten wir im Werk zusätzlich zu den täglichen Grußzeremonien zwei winzige, aber nette Erlebnisse. Eine der in der Produktion tätigen Frauen bemerkte, als wir ihr einen „Guten Tag!“ wünschten: „Guten Morgen! Schön, dass sie gekommen sind und die Sonne mitgebracht haben.“ Galant antwortete einer meiner Kollegen mit einer leichten Verneigung in ihre Richtung: „Ist doch selbstverständlich – die Sonne für die Sönnchen.“ 
          Am selbigen Morgen kam einer unserer Kollegen von einer Spezialmaschine zurück, nach Handschlag mit deren Bediener. Jener hatte ihm eine große Plastetüte mit wunderbar großen und wohlschmeckenden Weintrauben gereicht. „Von meinem Vater aus dem Dorf für euch.“ Was für eine unerwartete und auch großherzige Geste. Wenn man weiß, wie schwer es heute die Menschen in den meisten ukrainischen Dörfern haben. 
             So begann unser Arbeitstag mit einem Lächeln von und nach allen Seiten. 

Bleiben Sie recht gesund! 

Ihr 

Siegfried Newiger





Schirmpilze

           Schirmpilze kennen viele von ihnen sicher nicht. Sie heißen auch Parasolpilze. Schon der griechische Philosoph Sokrates meinte, dass es nichts Köstlicheres gäbe als eine Portion gebratener Parasolpilze. 
           Als ich gestern vom Bauernmarkt kam, wurden auf dem Mittelweg der Allee wunderbare Steinpilze angeboten. So, wie man sie von Fotos aus Pilzbüchern kennt. Groß, fest, die Stiele gesäubert. Vom Preis zwischen 6 bis 7 € das Kilogramm. Für hiesige Bedingungen – 60 bis 70 Hrywna – ein stolzer Preis. Die beiden Verkäuferinnen hatten in ihren Körben etwa 30 kg. 
           Weil ich schon eingekauft hatte, war mein Portemonnaie fast leer. Gerne hätte ich ein Kilo gekauft. Da sah ich am Rand der Reihe eine bescheidene Frau stehen – mit Schirmpilzen. Sie bot jene in kleinen Häufchen an – je 7–8 Stück für 5 Hrywna oder auch 50 Eurocent. Das passte mir. Ich fragte, wo denn die Stiele der Pilze seien und erfuhr wie erwartet, dass die holzig und damit ungenießbar sind. Als ich erzählte, dass ich die Stiele kleinschneide, trockne und dann durch die elektrische Kaffeemühle zu einem extrem schmackhaften Würzmehl für Soßen oder Aufläufe verarbeite, bedankte sie sich damit, dass sie mir einen schönen festen Schirm zusätzlich auf meinen Einkauf legte. 
           Wer sich zusätzliche Arbeit machen will, kann versuchen, die Deckhaut der Schirme abzuziehen. Ich lasse sie drauf, wasche die Schirme von oben und lasse sie abtrocknen auf Küchenserviette. Vor dem Braten wird der Pilz in geschlagenem Ei gewälzt, das mit Salz und Pfeffer gewürzt wurde. Anschließend hat man Brätlinge, die häufig besser schmecken als ein Steak. 
          Heute Morgen am Fluss lud mich ein Angler ein. Er war am Vortag Pilze suchen gewesen, hatte Steinpilze, Rotkappen, Maronen, Butterpilze und Schirmpilze mit heimgebracht. Seine Frau hatte ihm einige der gebratenen Schirmpilze zum Frühstück am Wasser eingepackt. Weil er mich als einen Laien einschätzte, bewirtete er mich mit der kalten Köstlichkeit. 
           Als ich ihm anschließend das Rezept für das Pilzmehl verriet, war er erstaunt, dass ich auch auf diesem Gebiet Bescheid weiß. 
            Schließlich traf ich am Ende des Spazierganges den 82 Jahre alten ehemaligen Schiffsmaschinisten, mit dem mich eine langjährige enge Bekanntschaft verbindet. Weil er im Sommer gewöhnlich auf der Datsche lebt, sehen wir uns seltener. Da erst vor einer Woche wieder ein 60-jähriger aus der Nachbarschaft auf die andere Seite der Ewigkeit gewechselt war, verständigten wir uns darüber, dass wir beide aus unbekanntem Grund vom Schicksal bevorteilt werden. 
           Wir freuen uns darüber, deshalb zwingen wir uns zur Bewegung, auch wenn ab und an das Zipperlein uns bremsen will. Auf diese Weise haben wir jeden Morgen das Vergnügen, im Spiegel einen guten alten Bekannten wiederzusehen. 
           Er erzählte mir einen Witz, der mit gefiel. Dazu muss man wissen: hier stellen oder setzen sich Männer zum Trinken von Bier oder härteren Sachen gewöhnlich zu dritt an die Tische. 

          Die Ehefrau legt ihrem Mann soeben gebügelte Hosen hin, ein frisches Hemd, sucht die Monatskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel heraus. Er bittet sie in der Tür um etwas Geld. „Wozu brauchst du auf Arbeit Geld?“ „Wenn ich auf dem Heimweg jemanden treffe, kann ich der dritte in der Runde sein.“ „Liebling, komm besser gleich nach Hause. Dann bist du der erste.“ 

Bleiben Sie recht gesund! 

Ihr 

Siegfried Newiger





Namenstag

           Gestern war Nataschas Namenstag. Wie immer – ich wusste das nicht. Wurde aber durch meine Anglerfreunde darauf hingewiesen. Um das vorweg zu nehmen: das sind keine Säufer. Aber als ich bei leichtem Morgennebel über dem Fluss mit raschem Schritt auf der Brücke den 82-jährigen einholte, passte ich mich seinem Tempo an. Schneller zu gehen wäre einfach nur unhöflich gewesen. 
           Wir kamen an den Platz, auf welchem Vitalij schon saß und auch schon Fisch gefangen hatte. Boris Petrowitsch an meiner Seite  lächelte verschmitzt und lud mich ein, auf Nataschas Gesundheit einen guten Selbstgebrannten mit ihnen zu trinken. Ich meinte, dass ich zwar mit Natascha verheiratet bin, aber keinen Grund dafür sehe, am frühem Morgen einen zu heben. Ich hätte ja auch keinen Selbstgebrannten dabei, natürlich auch keine „Bierhappen“ (wie ich die „sakuski“ übersetze). 
          Beide grinsten und informierten mich, dass heute Namenstag von Natascha wäre – einer hätte eine Tochter mit diesem Vornamen, der andere eine geliebte Enkelin. Ich wäre bei ihnen der Dritte in der Runde. Sie hätten schon alles vorbereitet – Petrowitsch auch denselbst von ihm gebrannten Wodka mitgebracht. Dazu soll man wissen, dass sich gewöhnlich die hiesigen Säufer „zu dritt“ zusammenfinden. Meine diesbezügliche Bemerkung wurde abgeblockt – wir hätten einen Grund. Also bekam ich meinen Becher mit etwa 80 ml Wodka, dazu ein Stück Brot mit hausgemachter Blutwurst darauf und eine geteilte Tomate. Wir tranken auf unsere lieben Nataschas. Dann setzten wir mit Hund den Spaziergang fort.
                Der Nebel stieg langsam auf – die sich schon herbstlich einfärbende Landschaft kam immer mehr zum Vorschein, glänzte beginnend bunt in der Herbstsonne. Plötzlich fühlte ich ein intensives Brennen in der linken Hand. Unter der zusammengerollten Hundeleine hatte sich eine Wespe eingenistet und mich gestochen. Den Stachel, den sie in der Haut zurück gelassen hatte, konnte ich herausziehen. Das Insekt fiel zu Boden. Wir gingen weiter – die Einstichstelle schmerzte immer intensiver. 
           Daheim wünschte ich meiner Guten etwas zu ihrem Feiertag. Sie konterte: „Wo hast du Alkoholiker am frühen Morgen schon getrunken?“ Nach Bericht mit den besten Wünschen der „Zechkumpane“ vergab sie mir die Entgleisung. Fragte aber sofort: „Was hast du mir noch mitgebracht?“ Ich verstand nicht. „Was hast du da in der Hand?“ Meine linke Hand war außen stark angeschwollen und machte aus der Entfernung den Eindruck, als ob in ihr etwas versteckt war. Ich bemerkte die Entwicklung an der Stelle erst nach dieser Frage und erzählte vom Wespenstich. 
           Ungeachtet dieser „Verwundung“, welche mir gestern das etwas raschere Schreiben am PC unmöglich machte, wurde ich auf den Basar geschickt. Auf dem Weg nach dort saßen „Einzelhändler“ wie üblich am Überweg auf der Allee. Eine von den vorwiegend Frauen hatte einen Korb voll wunderbar fester Rotkappen (Pilze) vor sich, verkaufte das Kilogramm für 3,50 € (35 Hrywna). Ich nahm vier besonders schöne Pilze und schmorte sie anlässlich des Namenstages. Mit Buchweizengrütze dazu – ein echtes Festmahl. 
          Am Nachmittag dann noch der Versuch aus London, uns besonders reich machen zu wollen. Die angeblich seriöse Anwaltskanzlei Andrews&Kurth mit der etwas seltsamen Website  www.andrewskurth.com versuchte mich davon zu überzeugen, dass mir ein ferner Verwandter, der mit Frau und Sohn bei einem Autounfall leider ums Leben gekommen sei, eine beträchtliche Summe hinterlassen hätte. Weil ich schon erstaunt war, das Angebot auf Russisch zu bekommen, sah ich besonders genau hin. Das Geld würde in einem Medienkonzern in Ghana stecken. Den Leuten habe ich meine Verbindung gesperrt. 

Seien auch Sie vorsichtig. 

Bleiben Sie recht gesund! 

Ihr 

Siegfried Newiger