Reise nach Berlin...
Es ist schon eine Weile her, dass wir gezwungen waren, aus Belaja
Zerkov nach Berlin zu fahren – über Kiew. Wir nahmen von dort einen guten
Bekannten mit. Den hatte ich vor rund 7 Jahren im Schnellzug Kiew-Berlin kennen
gelernt. Volodja – die Verniedlichungs- oder auch Koseform von Vladimir – hatte
erst vor Kurzem eine Prostataoperation hinter sich gebracht und war deshalb ein
wenig gehandicapt.
Wir haben erstmals seit langer Zeit die sogenannte „Warschawjanka“
auf voller Länge befahren. Gemeint ist der ukrainische Teil der Straße
Kiew-Warschau, der in den letzten zwei Jahren gründlich repariert wurde. In sehr
guter Qualität. Deshalb waren die knapp 600 km sehr rasch durchfahren. Im
Abschnitt vor der Grenzübergangszone eine Warteschlange, wie sie an
innereuropäischen Landesgrenzen seit langem unbekannt ist.
Um noch bei
Tageslicht nach Polen zu kommen, ging ich mit meinem Herzschrittmacherpass zum
Sergeanten, welcher die Reihenfolge der Durchfahrt regelte. Er ließ uns von
hinten vor- und sofort durchfahren. Danke von hier zusätzlich nachträglich. Auf
polnischer Seite keine Chance, die Variante zu wiederholen – weil die Ordnung
durch sehr deutliche Abgrenzung der zulässigen Bereiche markiert war. Aber die
Vielfahrer aus der Westukraine (so genannter „kleiner Grenzverkehr“ – gab es
auch einmal in Westeuropa) mit ihren offiziell erlaubten und auch
Schmuggelwaren hielten einander dennoch Lücken frei, in welche die Bekannten
andere überholend einfuhren. Ärgerlich – aber nicht vermeidbar.
Auf Volodjas
Bitte hin entschieden wir uns, bis Berlin durchzufahren. Die Route, welche wir
kannten, um rasch auf die Autobahn A-2 zu kommen, kannte er noch nicht, fuhr
gewöhnlich mit dem Auto über Warschau. Jedoch um die Stadt herum und in ihr häufig sehr zäher Verkehr. Wir konnten ihn eines Besseren überzeugen.
Als wir
um 03.30 Uhr etwa bei seiner Wohnung in Berlin ankamen, waren alle
rechtschaffen müde. Vor allem Natascha, welche die rund 1.500 km hinter dem
Steuer gesessen hatte.
Daheim eine Überraschung. Gäste aus Moskau, die in einem
anderen Zimmer schliefen, weil sie um 05,30 Uhr aufstehen und zu Flughafen
Tegel mussten. Also drängten sich – zum Teil auf Luftmatratzen – 6 Erwachsene in
einem kleinen Zimmer zum Schlafen zusammen. Ich wunderte mich nicht – Slawen haben
so etwas drauf! Wir Deutschen (mich ausgeschlossen) kommen nicht mehr auf
solche verrückten Ideen…
Meine Besorgungen hatte ich rasch erledigen können.
Der bürokratischer gewordene erfolgreiche Umzug, die erforderlichen Arztbesuche
und ähnliches wurden von einem eingetrübt: von Vandalismus mit
nationalistischem Einschlag. Unbekannt hatte bei unserem vor einem Kaufhaus in
Hellersdorf geparkten Auto mit ukrainischem Kennzeichen die Frontscheibe
beschädigt. Einfach entweder mit einem Stein oder einem Knüppel auf sie gedroschen.
Sie blieb zwar ganz – aber eine dem deutschen TÜV oder einer Polizeistreife
wäre der Schaden aufgefallen. Folglich entschieden wir uns, das wenig
gastfreundliche Berlin am nächsten Morgen zu verlassen.
Bis daheim sind wir
niemanden mit der defekten Scheibe aufgefallen. Der Grenzübergang Polen-Ukraine war viel „härter“
als bei der Hinfahrt. Die Warteschlange länger und der polnische Regulierer trotz
vorgezeigtem Schrittmacher-Dokument nicht gleich zugänglich. Weil es aber gegen
23 Uhr war und ich ihm klar machen konnte, dass ich sonst von ihm erwarte, dass
mich die „Schnelle medizinische Hilfe“ hier versorgen müsse, ließ ihn uns
durchwinken. Etwa zwei Stunden Wartezeit gespart.
Die Frontscheibe wird hier zu
etwa einem Viertel des in Berlin angebotenen guten Preises gewechselt werden. Was
wir aber beim TÜV in Berlin für 5 Euro gleich noch mitgenommen haben: die grüne
Plakette für die neue Scheibe, welche uns Einfahrt in alle Stadtzentren in
Deutschland erlaubt.
Bleiben Sie recht gesund!
Ihr
Siegfried Newiger
Bin wieder da...
Es
ist im Leben eben lebendig.
Mal ist in einem Winkel der Welt kein Internet da. Dann geht es nach der
Weisheit: „Das Erinnern hat Zeit,
das Erlebnis hat keine.“ Außerdem
existieren Situationen, wo ich keine Lust habe, mich mitzuteilen. Für alle, die
mich dennoch lesen – ich bin wieder da.
Auch Hund Kai und Kater Darik. Beide haben
sich auf ihre Art über das wiedergekehrte Herrchen gefreut. Beim Kater drückt
sich das so aus, dass er sich einen Stuhl ganz in meiner Nähe – am Laptop –
ausgesucht hat, um dort zu ruhen. Der Hund liegt unter dem Tisch vor oder gar
auf meinen Füßen. Angenehm warm.
Nun komme ich zum Erlebnis. Wie immer in der
Frühe. Auf dem Rückweg vom Morgenspaziergang ist zu sehen, wie sich die Wildenten
sammeln. Eines der Zeichen dafür, dass es kalt werden könnte. Denn eine
Futterstelle auf dem Fluss gemeinsam offen zu halten, ist für das Schoof
einfacher, als bei Frost im Eis zwanzig kleine Löcher frei zu machen bzw. so zu
halten.
Dann trafen wir in Nähe der Holzbrücke über den Fluss Ros einen alten
Herrn, mit einem Fahrrad. Auf dem Gepäckträger ein mit Lappen ausgefüllter
Korb. Er fragte: „Guten Tag! Sie kenne ich, sie gehen weit spazieren. Haben sie
dort, wo sie lang gingen, viele leere Bierflaschen auf dem Ufer herumliegen sehen?“
Ich antwortete wahrheitsgemäß – nur drei. Er bedankte sich dennoch.
Offensichtlich ein Rentner, welcher seine sehr geringen Einkünfte auf diese
Weise aufbessert. Flaschen aufsammeln, mit denen gedankenlose oder besser
gestellte Bürger die Natur verschandeln. Das Umweltbewusstsein ist in der
Ukraine bei den meisten Einwohnern absolut unterentwickelt. Es gibt auch keine
besonderen Aktivitäten von Seiten der Administration, das zu ändern. So ist z.
B. nicht unüblich, dass Autobesitzer ihre Fahrzeuge am Flussufer waschen. Angeblich
soll das strafbar sein – aber wo kein Kläger, da kein Richter.
Auf dem später besuchten Basar
wie immer die herzliche Begrüßung einschließlich der Frage: „Wo waren sie denn
so lange?“ Meine Bemerkung, dass ich in meiner Heimat war, rief eine Vielzahl
von Reaktionen hervor. Darunter die Frage, was man denn in Deutschland über die
dummen Ukrainer denkt, welche sich nicht entscheiden können: rein in die
Europäische Union oder doch lieber in die Zollunion mit Belorussland, Russland
und Kasachstan.
Diese Fragen wimmele ich gewöhnlich ab. Ohne offiziellen Status
als Journalist ist die Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines Staates
mit einer eigenen und vielleicht auch abweichenden Meinung immer ein unnötiges
Risiko. Allerdings versuche ich dennoch, auf meinem Blog http://mein-ostblock.blogspot.de/
so delikat wie möglich die Ereignisse hier zu kommentieren. Sie können gerne
dahin klicken.
Bleiben Sie recht gesund.
Ihr
Siegfried Newiger
Sinnestäuschung
Es gab sie kurzzeitig vorgestern in der Frühe. Der Himmel war
wolkenverhangen, die Lufttemperatur etwa um + 10 Grad, als wir zum Spaziergang
aufbrachen. Außer den unschönen schrillen Schreien wieder zurückgekehrter Eichelhäher
war nur das typische leise Tönen der Kohlmeisen eine Abwechslung im Bereich des
Waldrandes.
Zwei Tage davor hatte man am kleinen Stausee oberhalb der Stadt am
Nachmittag begonnen, Wasser abzulassen, um Stauraum für die Herbst-Wintersaison
zu schaffen. Augenzeugen unter den Anglern berichteten, wie sich in kurzer Zeit
der Pegel des Flusses um etwa 1,5 Meter anhob. Dabei kamen mit den befreiten
Wassermassen Bäume, Sträucher und Un-Kulturmüll in „Scharen“ geschwommen.
Vor der
hölzernen Brücke sah ich den Stau, den die Flut durch die mitgeschleppten
Gegenstände verursacht hatte. Auf der weiteren Spazierstrecke konnte man an der
Schlammgrenze auf dem Ufer sehen, wie hoch der Wasserspiegel angestiegen war. Weil
in diesem Jahr in der Ukraine und in Russland vor allem die Hochwasserbilder
lange die Massenmedien füllten, konnte ich nachempfinden, wie es den Menschen
dort ergangen sein musste.
Feuer lässt sich häufig mit Wasser löschen – das „heranschleichende“,
überall durchsickernde Wasser ist aber nicht so einfach zu bändigen…
Aus diesen
Überlegungen riss mich die Sinnestäuschung. Wir waren auf dem Heimweg. Durch die
vielen entlaubten Bäume sah ich weit weg ein Großfeuer! Es loderte immer mehr
auf – allerdings ohne Rauch. Erst da verstand ich, dass die Wolkendecke
aufzureißen begann und die am Horizont noch rote Sonne die Illusion schaffte,
welcher ich kurzzeitig verfallen war…
Heute Morgen bekam ich nach dem
Spaziergang den Auftrag, auf den Basar einkaufen zu gehen. Alles wie gewöhnlich
– gegenseitige Begrüßung mit einigen Worten, ab und an ein Scherz.
Dann war ich
bei Katja – meiner netten Freundin. Ich wusste, dass sie Verbindung mit ihrer
Tochter hielt, welche zu einem Schüleraustausch für einige Tage in die Umgebung
von Krakow gefahren war. Deshalb fragte ich, welches denn der Grund sei, dass
sie selbst heute so besonders glücklich aussieht. Die Antwort überraschte mich.
„Ich habe mich drei Tage erholt. Besonders gestern in der Frühe. Weil unser
Anwesen höher gelegen ist als alle anderen im Dorf, haben wir uns mit meinem
Mann vor die Haustür auf die Bank gesetzt, unseren Kaffee getrunken und den
Sonnenaufgang am hellen Himmel beobachtet. Wie schön – dazu die Stille,
unterbrochen ab und an durch die Stimmübungen der ersten erwachten Hähne. Schön,
dass wir die hektische Zeit vor den vierziger Lebensjahren hinter uns haben.“
Erstmals habe ich die auch sonst sehr vernünftige, humorvolle Frau in einer als
elegisch zu bezeichnenden Stimmung erlebt. Die Tatsache, dass sie sich so offen
mir gegenüber äußerte, freute mich außerordentlich. So wird ein Einkauf zu
einem Erlebnis.
Wie Robert Browning meint: „Jede Freude ist ein Gewinn und
bleibt es, auch wenn er noch so klein ist.“
Bleiben Sie recht gesund!
Ihr
Siegfried Newiger
Schlüsselprobleme...
Zum heutigen Post habe ich etwas sehr gut formuliertes
gefunden. Pearl S. Buck meint und ich stimme uneingeschränkt zu: „Die wahre
Lebensweisheit besteht darin, im Alltäglichen das Wunderbare zu sehen.“ Ohne
mich zu beweihräuchern – diese Art hinzusehen und zu sehen hat mir schon, seit
ich mich dazu ganz unbefangen äußere, eine Menge Kritik der Uneinsichtigen
eingetragen.
Wie sagt Friedrich Hebbel: „Das Publikum beklatscht ein Feuerwerk,
aber keinen Sonnenaufgang.“ Noch etwas bissiger drückt sich J. W. von Goethe
aus:
„Wer darf das Kind beim rechten
Namen nennen?
Die wenigen, die was davon erkannt,
die töricht g`nug ihr volles
Herz nicht wahrten,
dem Pöbel ihr Gefühl, ihr Schauen offenbarten,
hat man von
je gekreuzigt und verbrannt.“
Schön, dass das heute recht unüblich ist – aber es
tut mir leid um alle jene, die nicht verstehen, auf diese einfache Weise ihre
Lebensqualität zu steigern.
Als wir gestern vom Morgenspaziergang heimkehrten, kam
uns ein dick vermummter junger Mann entgegen gelaufen. Er hatte uns schon auf
dem Hinweg überholt und wir waren an ihm vorbeigegangen, als er am Reck auf der
Waldlichtung einige Übungen machte. Ich fragte ihn – wir grüßen einander, ohne
näher bekannt zu sein – ob er heute die doppelte Norm erfüllen wolle. Seine Antwort:
„Der Reißverschluss an der Tasche hier oben ist defekt. Als ich turnte, fiel
mein Schlüsselbund heraus. Das habe ich an einen Ast gehängt und prompt
vergessen.“ Wir beide lachten.
Wer meint, dass ich schadenfreudig bin –
Fehlanzeige. Mir ist es vor vier oder fünf Jahren an selbiger Stelle ähnlich
ergangen, als ich mich zum Baden auszog und meine Schlüssel in den Sand fielen.
Der nahe Baum war Helfer und ich ließ meine Schlüssel ebenfalls hängen…
Etwas weiter auf dem Rückweg eine riesige
Dogge, läufig. Das wittert unser Kai auf hunderte von Metern. Ich musste laut
werden, um ihn zu mir zu zwingen. Meine Bemerkung: „Das ist nicht deine
Gewichtsklasse!“ rief beim Herren des Tieres ein Lächeln hervor. Zweihundert Meter
weiter ein Gleiches – nur war die Hündin ein Zwergterrier.
Wie sagen die Inder:
„Unsere Freude beginnt
dort, wo wir andere zum Lächeln bringen.“
Dann überholte mich in
der Mittagszeit ein junger Mann, während ich gemächlich dem Hund hinterher
spazierte. Er grüßte ganz unüblich hier auf Deutsch mit „Guten Tag.“ – worüber ich
mich etwas wunderte. In dem sich entwickelnden Gespräch stellte sich heraus,
dass er in der Schule und auch auf der Universität etwas intensiver als andere
Deutsch gelernt und nun versucht hatte, seine Kenntnisse trotz gewisser Scheu
zu überprüfen. Eine Viertelstunde sehr nettes Gespräch – wie viel Nutzen an
guter Stimmung danach für beide.
Heute Morgen nun das Treffen mit dem sehr
großen und wunderschönen Malamut (s. Bild) und seinen Besitzern. Dieser
harmonisch entwickelte und wunderbar eingefärbte Rüde begeistert mich immer wieder.
Abschließend das
alltägliche Wunder zu Hause. Vor ein paar Tagen hatte meine Natascha angemerkt –
ohne Vorwurf: „Dieses Jahr habe ich keine Blumen von dir zum Geburtstag
bekommen.“ Mein Einwand, dafür wäre ein deutscher Männerchor in Lugansk zur
Gratulation aufgetreten, wischte sie weg. Der Feldblumenstrauß von mir sei schöner. Heute
habe ich sehr aufmerksam um mich geschaut und wirklich noch drei Spätblüher
gefunden, ihr mitgebracht. Sie hat gelächelt – wie die Inder meinen, freute ich
mich auch darüber.
Bleiben Sie recht gesund!
Ihr
Siegfried Newiger
Kleine Münzen...
Es gibt zum
Thema mehrere sehr treffende Bemerkungen. Mir gefällt besonders, was Jean
Anouilh zum täglichen Schatzsuchen formulierte: „Das Leben besteht aus vielen
kleinen Münzen, wer sie aufzuheben weiß, hat ein Vermögen.“
Nun lassen Sie sich
hier ja kaum mit Kleingeld abspeisen. Deshalb ein wenig aus meiner Sammlung der
letzten Tage. Am Sonntagmorgen war es erstmals in diesem Herbst richtig kalt. Aus
dem Fenster war zu sehen, dass auf den Gräsern Reif lag. Also zog ich mir über
das dicke Hemd einen Pullover und stülpte eine dünne Mütze über die dünnen
Haare. Vor der Holzbrücke ein Lehrstück: ein älterer Mann fiel auf die Nase. Er
hatte die Glätte der leicht bereiften Stufen falsch eingeschätzt. Musste sie
also mit seinen Händen befühlen… Ich nahm deshalb sofort das Geländer als
Stütze und kam wohlbehalten oben an. Man lernt am besten aus den Fehlern
anderer.
Einer der Angler, mir bekannt, begrüßte mich mit Händedruck und der
Bemerkung: „Na, hast du dich endlich etwas vernünftiger angezogen?“ Ich habe
mit ihm darüber nicht diskutiert. Wer sich abhärtet, findet gewöhnlich wenig
Verbündete. Außerdem ist das mit den Bedingungen beim fast unbeweglichen Angler
nicht zu vergleichen. Bei + 12 Grad Celsius der Vortage reicht mir ein
Flanellhemd völlig aus, da ich bei gewohnt raschen Gehen sonst zu stark
schwitze. Dass bei ersten Minusgraden eine „Haut“ mehr angezogen wird, ist
normal.
Nach einiger Zeit, wir waren schon im Wald, hörte ich einen Specht hämmern
– der Lautstärke nach in der Nähe über uns. Mit Ohren und Augen suchte und fand
ich den eifrigen Buntspecht. Hund Kai wunderte sich sichtlich, weshalb wir fast
auf der Stelle herum traten. Aber so bekam ich die zweite kleine Münze des
Tages – meine Befriedigung, die Laute der Natur immer noch zu verstehen.
Letztmalig
in diesem Jahr sah ich auch den bunten Wald in seiner herbstlichen
Farbenvielfalt. Die Mischungen von gelb, rot und braun mit dem dunklen Grün
selten herausragender, noch belaubter alter Weiden oder noch dunklerer
Nadelbäume.
Der Montag begann mit zwei Erlebnissen. Ein mir unbekannter Angler
hob einen kleinen Zander aus dem Wasser auf die Brücke und brachte den stolz zu
seinem Auto – ohne den zu töten oder, wie es bei deutschen Anglern heißt – ohne
ihn zu versorgen (bedeutet ebendies). Der Fisch war nach meinem Verständnis
untermaßig. Die Fischereiaufsicht in unserer Heimat würde dafür hart abstrafen.
Außerdem ist er sicher elendiglich verreckt – so, wie auf dem Markt die „Lebendfische“
in kleinen Wannen oder Bottichen.
Als wir am anderen Brückenende waren, erscholl
hinter uns Lärm. Ein etwa gleichaltriger, bekannter Angler hatte einen größeren Fisch gehakt und
versuchte, diesen erst einmal über Wasser und danach auf das Trockene zu
bekommen. Ich beobachtete die Szene. Weil der Haken zu klein oder zu stumpf war,
konnte sich der etwa 2 kg schwere Zander jedoch befreien.
Die Oberfläche des
Flusses war wie mit einem bunten Teppich bedeckt. Der Frost vom Vortag und der
Wind in der Nacht hatten gemeinsam dafür gesorgt, dass plötzlich viele Bäume
entblättert worden waren. An Stelle des bunten Waldes vom Vortag war dieser nun
vorwiegend astschwarz mit einzelnen Farbtupfern von besonders
widerstandsfähigen Laubbäumen.
Im Wald ist es stiller geworden – viele Singvögel
sind fortgeflogen. Freude machten Kohlmeisen und Kleiber, aber auch die durch
die nackten Büsche leichter zu sehenden Eisvögel.
Bleiben Sie recht gesund!
Ihr
Siegfried Newiger
Die nackte Wahrheit...
Der Weg aus Lugansk nach Hause begann damit, dass im Zug nur noch im
Zwei-Personen-Abteil zu fast dem dreifachen als dem normalen Preis Platz war.
Aber nach fast drei Wochen in der Ferne musste das Geld eingesetzt werden.
Schon auf dem Weg
von der Bushaltestelle nach Hause trafen mich die ersten vier Bekannten mit den Worte: „Alles
Gute nach der Heimkehr.“
Als erstes begrüßten daheim Hund und Kater mich so
heftig, dass ich vorher das Gesicht abwaschen musste, um meinen Begrüßungskuss
anbringen zu können bzw. zu dürfen… Nach auspacken der Wäsche folgte deren
Verteilung auf die Waschmaschine und die Wartestation. Danach die gegenseitigen
Berichte.
In meiner Abwesenheit hatte Natascha mit Sohn und Fliesenleger die
Toilette renoviert. Sie wollte mich nicht mit dem Trubel, Staub und Schmutz in Berührung
bringen – so kam ich ins Fertige.
Am Abend der erste Spaziergang mit dem Hund,
der besonders folgsam war, immer dicht bei mir blieb. In der Wohnung verfolgte
mich Kater Darik wie ein leiser Schatten. saß ich, sprang er auf meine Knie, lag ich, stieg er auf meinen Bauch oder ringelte sich in meine Armbeuge.
Am gestrigen Morgen gingen wir – für Hund
Kai erstmals seit langem wieder – am Fluss spazieren. Auf dem leicht gewundenen
Weg waren weit vor uns zwei bunt gekleidete Personen zu sehen – Frauen, im
Herbst ziehen Männer sich so nicht an. Beim Näherkommen etwas genauer: die
schlankere von beiden inzwischen deutlich feucht im großen Badetuch, die kräftigere angezogen. Die Stufen zum
Wasser nass. Ich ging vorbei, den Hund rufend. Damit der nicht eine der beiden
belästigte.
Nach etwa 25 m drehte ich mich um – beide Frauen waren nackt. Die Schlanke
rieb ihren Rücken trocken, während die Fülligere begann hinab ins Wasser zu
steigen. Ein Bild für Götter – bzw. Männer…
Der Hund und ich waren etwa 200 m
weiter gegangen, als am Rand einer kleinen Waldwiese und am Ufer einer kleinen
Bucht eine Frau ihren Pullover überstreifte, während die andere, grazilere,
schon topless, erst die Trainingshosen ablegte. Das dritte Geschenk an diesem
Morgen. Die beiden schenkten mir wenig Beachtung – so wenig sehe ich schon nach
rechtem Mann aus?
Wir gingen unseres
Weges. Auf dem Heimweg dann die dritte Frauengruppe – ein Paar hoch zu Pferde. Die
Reittiere gingen in forschem Schritt, das jüngere musste im Temperament
gezügelt werden. Aber es war kaum zu halten und mit schnellen Schritten immer
wieder vor dem etwas besser genährten anderen. Auf die Brücke gingen beide fast
nebeneinander, eine Schräge hoch. Am Abgang aber musste eine Reiterin mit der
erfahreneren Stute, schwarz mit weißen Fesseln, voran, denn dort an den
Treppenstufen hielt sich das jüngere, gänzlich schwarze Pferd fast scheuend
zurück.
Daheim berichtete ich von meinen Erlebnissen. Natascha meinte: „Du hast
ja noch Marktwert, mein Alterchen, wenn sich die Frauen hier anlässlich deiner
Heimkehr in ganzen Gruppen nackt
ausziehen.“
So kann man das auch sehen. Als Kompliment.
Bleiben Sie recht gesund!
Ihr
Siegfried
Newiger
Kollegen...
Wer
sprachliche Barrieren überwinden muss, hat es nicht immer leicht. Vor allem
dann, wenn die Themen der Unterhaltung, über die aus Gründen der Notwendigkeit
unbedingt gesprochen werden muss, sachlich weit auseinander liegen. Genauer: wenn
geradebrecht wird.
Leichter ist es dann, wenn Berufserfahrung mit eingebracht
werden kann. In der sich unsere ukrainischen Kollegen wenig von uns
unterscheiden. Selbst relativ junge Burschen haben Erfahrungen, die bei jungen
Deutschen heute so reichhaltig selten zu finden sind. Wenn ein junger ukrainische
Meister aus der Mechanik-Werkstatt den Elektroantrieb eines Winkelschleifers
vor unseren Augen auseinander nimmt und wieder funktionsfähig macht, ist das
ein Zeichen jener Findigkeit, welche durch die unterschiedlichen Situationen
und noch mangelnden Möglichkeiten ihrer Bewältigung durch Spezialisten herangebildet
worden ist.
In den fast drei Wochen unseres Hierseins hat sich das gute
Verhältnis aus den ersten Besuchen noch mehr gefestigt. Wenn ich zu den einzelnen Meistern
oder Gruppenleitern komme, um einen Winkelschleifer oder anderes Gerät
zeitweilig auszuborgen, finde ich die Minute, um nach der Gesundheit des
Gesprächspartners zu fragen, ob der Sprössling wieder wohlauf ist, der Urlaub
oder wenigstens der Sonntag erholsam oder der Angelausflug erfolgreich waren. Die
Begeisterung für die Brüder Klitschko besteht auf beiden Seiten – ich bin mit
meinen Bemerkungen zum Boxkampf Klitschko-Powetkin sofort noch angesehener.
Folglich bekomme ich immer recht
bereitwillig direkt oder von anderen besorgt alles, was wir benötigen.
Bei den
Ukrainern haben wir ein modernes Analysegerät für die Bestimmung der chemischen
Bestandteile von Edelstahl vor dem Schweißen gesehen – einfach fantastisch. Nur
auf den Draht halten, einschalten, nach kurzer Zeit ist auf einer Art
Handybildschirm die genaue chemische Zusammensetzung des Stahls abzulesen.
Andererseits bewundern sie einige der von unseren Kollegen mitgebrachten
Meßeinrichtungen – zum Beispiel eine extrem genaue Wasserwaage in Form eines
sich nicht verziehenden metallischen quadratischen Blocks.
Was beiden Gruppen
von Kollegen gemeinsam ist: der sorgfältige Einsatz aller dieser Messmittel. Konsequent
nach der alten Weisheit: „Lieber neun Mal messen, als einmal zu viel
abschneiden.“ Denn in der Metallverarbeitung ist nach fehlerhaftem Verkürzen noch
etwas abschneiden leichter, als an zu kurzem wertvollen Material wieder ein
Stück anzusetzen.
Wenn am Morgen auf unserem Arbeitstisch ein von „Unbekannt“
abgelegter kleiner Berg frischer Walnüsse liegt, die so leicht zu öffnen sind
wie kalifornische und auch sehr schmackhaft, ist das doch ein gutes Zeichen
menschlicher Beziehungen untereinander.
Andererseits: unserem ukrainischen
Kollegen Denis fiel seine Sicherheitsbrille für Schleifarbeiten herunter, zersplitterte.
Spontan lief unser Patrick zu seinem eigenen Werkzeug, holte dort eine sehr
moderne, als Reserve eingepackte, fast unzerbrechliche Brille heraus und
schenkte diese mit freundlichem Lächeln dem immer hilfsbereiten Ukrainer. Beide waren zufrieden
– der Gebende wie auch der Beschenkte.
Meine Kollegen fragen nach der für sie
immer gleich klingenden Bemerkung einzelner ukrainischer Arbeiter, welche mit
mir scherzen – wissen sie doch, dass ich sie mental verstehe. Denn auf mein
„Danke schön“ für eine unmittelbaren kurzzeitige Hilfe (Anheben eines schweren
Werkstückes oder ähnliches) kommt manchmal das „Dankeschön kann man nicht in
die Tasche stecken.“ oder „Dankeschön gluckert nicht.“ Das erste bedeutet, dass
für die Leistung ja nichts bezahlt wurde – das zweite, dass kein Fläschchen mit
Bier oder Stärkerem herüber gereicht wurde – in dem Lande übliche Entgelte für
technische Hilfeleistungen. Das ging meinen Jungens ein. Aber wir kamen ohne
diese „Währung“ aus.
Der Abschied war kurz und herzlich. Die Einladung der Männer
an uns, doch wieder zu kommen, beantworteten wir damit, dass wir gerne kämen,
es aber lieber sähen, wenn unsere Technik bei ihnen einwandfrei funktionieren
würde.
Bleiben Sie recht gesund!
Ihr
Siegfried Newiger
Hallo Taxi...
Andere Länder
– andere Sitten! Oder, wie es ein DDR-Schriftsteller einmal ausdrückte, den ich
leider als Autor des Zitats vergessen habe:
„Reisen – die Erwartung, dass es
anderswo anders ist. Reisen – die Enttäuschung, dass es anderswo anders ist.“
Da fehlen die heimischen Bedingungen, es gilt eine ganz andere Straßenverkehrsordnung (Linksverkehr), die Einheimischen beweisen durch lautes Schmatzen und Schlürfen,
dass es ihnen schmeckt (Ostasien), in Bulgarien kann man sich durch
Kopfschütteln (bedeutet „Ja!“) in unangenehme Situationen manövrieren – und
erst das „trockene Gesetz“ in einigen Staaten mit vorwiegend muselmanischer
Bevölkerung…
Unsere Kollegen haben ihre
Probleme mit den hiesigen Taxi-Betrieben. Der Ärger hier kam mit dem Regen. Wir
hatten am Feiertag (Tag der Einheit, 03. Oktober 2013) eine halbe Stunde später
unsere Arbeit aufnehmen wollen. Um morgens rechtzeitig vom Hotel in das Werk zu
kommen, wo sie eine Spezialmaschine „aufpeppen“, muss man rechtzeitig ein Taxi
bestellen.
Es ist so, dass wir auf Taxis der Firma „Eurotaxi“ fast gezwungen
angewiesen sind, weil nur die Fahrzeuge dieses Unternehmens Taxometer besitzen.
Die von jenen ausgedruckten Quittungen braucht unsere Buchhaltung dringend, um
uns unsere Aufwendungen zu erstatten. Der
Morgen war verregnet. Wie gewohnt, rief ich etwa eine Viertelstunde vor
geplanter Abfahrt beim Europa-Taxi an. Die Dame Dispatcher erklärte mir, dass
sie zeitlich befristete Bestellungen nicht annehmen könne. Also rief ich andere
Nummern an. Nach etwa 15 Minuten bekam ich bei einer die Auskunft, dass wir in
etwa 10 Minuten ein Fahrzeug erwarten könnten.
Meist gelingt es schon, zeitnah
ein Taxi zu bestellen. Kaum aber beginnt es intensiv zu regnen, geben Leute,
die gewöhnlich an Bus- oder Straßenbahnhaltestellen geduldig warten, ihre
Hrywna für ein Taxi aus. Damit wird ein Mechanismus in Gang gesetzt, an den
sich z. B. einer unserer Kollegen absolut nicht gewöhnen will. Seinen Frust
lässt er dann am Sprachmittler aus, der es nach seiner Meinung nicht versteht,
rechtzeitig das Taxi zu organisieren. Dass die angespannte Verkehrslage die
Dispatcher zwingt, diesem Unschuldigen – dem Sprachmittler – das Folgende zu sagen : „Wir können gegenwärtig keine
zeitgebundenen Bestellungen annehmen.“ „Sie werden 30 bis 40 Minuten warten
müssen.“
Wenn ich diese Antworten weitergebe, rastet der genannte Kollege bald
aus. Das ist früh am Morgen im Hotel noch unverständlich – wir sind doch
unschuldig an der Verspätung. Die Ukrainer im Unternehmen verstehen das.
Unangenehmer
wird es aber bei Arbeitsschluss. Wir müssen das Werk verlassen, stehen dann in dem engen
Raum gedrängt zusammen, durch den sich auch noch Werksangehörige zum Ausgang
drängeln. Auf der Straße strömender Regen.
Das endlich telefonisch gemeldete
Taxi steht, weil an dem Ausgang des neuen Werksteils noch keine Hausnummer
angebracht ist, etwa 80 m weiter in Fahrtrichtung und der Fahrer wird vom
Dispatcher telefonisch an mich „weitergereicht“. Er will nicht wenden – man hat
ihn an die Adresse geschickt, wir sollen hinkommen. Da ist danach die Stimmung
der nassen Kollegen ganz im Eimer, denn wir haben ja schon eine halbe Stunde
Freizeit mit Warten verschenken müssen. Außerdem ist das eines der Taxis, in
welchem 4 kräftige und auch lange Kerle nur mit Mühe untergebracht werden können.
Die Unebenheiten der hiesigen Straßen machen sich für einen von uns mit leicht
gezerrtem Rücken so besonders bemerkbar.
Der Fahrer erklärt auf meine Frage
noch etwas, das wir einfach nicht wissen können. Eben der Straßenzustand, durch
die schlechte Sicht bei Regen noch weniger genau einzuschätzen, bringt viele
Defekte an den Fahrzeugen mit sich – sie fehlen dann zeitweilig im Angebot. Das
leuchtet den Kollegen ein.
Aber weil wir schon zehn Tage hier tätig sind, ist
die Stimmung doch etwas angespannt. Wir wurden ja nicht wie
Kosmonauten/Astronauten auf gemeinsame psychologische Verträglichkeit getestet…
Jedoch nach
Duschen und Abendessen mit den besonders schmackhaften ukrainischen Gerichten
war die Stimmung am Feiertag wieder gerettet.
Bleiben Sie recht gesund!
Ihr
Siegfried
Newiger
Freundin Xenia
Wir waren
schon fast eine Woche in der Stadt, als ich sie anrief. Da ich ihr das sagte,
war sie erstaunt. Den Anruf hätte sie eher erwartet. Um sich zu verabreden. Ihr
Wadim würde aus geschäftlichen Gründen am Sonntagvormittag für neun Tage
wegfahren müssen – er hätte sich auch gerne mit mir unterhalten. Ich konnte
erklären, dass die unerwarteten Schwierigkeiten beim Umbau der Spezialmaschine
uns häufig bis spät abends im Werk gehalten hätten – mir weder die Zeit noch
die Ungewissheit über die nächsten Tage erlaubten, mich bei ihnen zu melden. Wurde
akzeptiert. Sie würde mit ihren vier Mopswelpen zur Markierung müssen – aber ansonsten
wären sie beide gerne mit mir an diesem Abend noch zusammengekommen. Ich sagte
zu, ging rasch im nahen Geschäft etwas Konfekt kaufen und packte meine Flasche
deutschen Rotweins mit dazu.
Meine Kollegen, die mit der Speisekarte weder in
Russisch noch in Englisch so recht zurechtkommen, baten mich, dass ich ihre
Bestellungen im Lokal organisiere. Weil einer besonders hungrig war, bestellte
er als Beilage zum gebackenen Lachs drei Portionen Kartoffeln – einmal fri, dazu
doppelt nach Hausfrauenart gebraten. Die Serviererin war etwas unschlüssig. Ob
sie auf zwei Tellern servieren solle. Ich meinte – vielleicht nicht besonders elegant
– sie könne ihm das doch auch zusammen auf einem Backblech bringen. Dann ging
ich zum Treffen mit Wadim, der mich vor dem Hotel mit seinem Auto erwartete.
Als
wir ihren dunklen Hof betraten, bat er mich stehen zu bleiben, ging das Licht
einschalten. Beinahe wäre ich über ein Gebinde voll Weißkohl gefallen. Da fragte
ich, ob sie nun auch mit dem zu handeln begonnen hätten. Die Antwort: daraus
würde das Sauerkraut für den Winter bereitet werden. Xenia, keine Schönheit,
aber eine Frau mit Aura, begrüßte mich herzlich. Noch vor ihr war ihre
Rassekatze bei mir aufgetaucht, sagte „Miau?“ zu mir. Weil ich daheim mit unserem Kater auch in seiner Sprache rede, antwortete ich ihr ebenso. Das interessierte
sie sehr – sie kam näher und wiederholte ihre Frage. Mit entsprechender
Antwort. Da begann sie, sich an meinen Beinen zu reiben und ich hob sie auf den
Arm. Sie beschnupperte und beleckte meine Nase, legte sich dann in meinem Arm
auf den Rücken und forderte so auf, ihren Bauch zu streicheln. Dies ist der größte Vertrauensbeweis von Tieren – die Stelle ist die ungeschützteste am Körper. Die Hausherrin
hatte das alles mit Verwunderung gesehen. Ich konnte sie auch erst begrüßen,
nachdem ich die Katze vorsichtig auf den Fußboden gesetzt hatte. Die hübsche
dreizehnjährige Tochter und ihr älterer Bruder mit Freundin waren auch zur
Begrüßung gekommen und erklärten unisono, dass noch kein anderer Gast von
dieser Rassekatze, Siegerin auf nationalen und internationalen Ausstellungen,
auf diese „familiäre“ Weise begrüßt wurde. Das Tier kam im Verlauf des Abends
noch zweimal zu mir, um es sich auf meinen Oberschenkeln bequem zu machen, sich
Kopf und Bauch kraulen zu lassen.
In Xenias einfach blitzsauberer Wohnung riecht es weder
nach den 5 Katzen noch nach den 4 Möpsinnen. Dass dazu noch momentan 4
Mopswelpen und 9 kleine Rassekätzchen kamen, machte den Gang durch dieses Quartier zu einem wahren Vergnügen.
Xenia, von meinem relativ unerwarteten Auftauchen
doch etwas überrascht, hatte einige der hier üblichen flach geklopften Fleischscheiben gebraten,
servierte dazu auf einem Backblech in Folie gedünstetes Gemüse. Ich musste
lachen, was die beiden verunsicherte. Da erzählte ich von meiner ungeschickten
Bemerkung gegenüber der Kellnerin. Sie lachten mit über den Zufall. Das Abendessen
war eine köstliche Kombination – denn dazu wurde noch Krautsalat,
Pellkartoffeln und Weißbrot gereicht. Bei ein wenig Wein – auch aus eigener
Produktion und dem gelobten Halbtrockenen aus Deutschland – sowie Kirschlikör eigenen
Rezepts und einem Whisky als Bettbeschwerer gab es angeregte Unterhaltung. An
ihr nahmen nur die Eltern teil. Die Jugendlichen hatten sich höflich zu ihren
Beschäftigungen zurückgezogen. Nur ganz sacht störte ab und an das Töchterlein,
um sich zu den Hausaufgaben Rat vom Vati zu holen. Welch wundervolle harmonische
Atmosphäre in dieser Familie!
An diesem Abend besichtigte ich auch noch den Keller.
Was Xenia dort an Obst und Gemüse, an Säften und Wein eingeweckt hat, ist für eine deutsche Familie sicher sehr
beeindruckend. Die etwa 15 Eimer voll Pilze sind auch noch selbst von allen gemeinsam
gesammelt worden.
„Meine“ Katze verabschiedete sich ebenso liebevoll von mir,
wie sie mich empfangen hatte.
Mit meinen Freunden, genauer mit unseren haben
wir wirklich Glück.
Bleiben Sie recht gesund!
Ihr
Siegfried Newiger
Lächeln am Morgen...
Auf dem Weg
in das ostukrainische Industriegebiet das Typische – ein wegen der zu Ende
gehenden Urlaubszeit bis zum letzten Platz voll besetzter Schnellzug. Das
Abteil war eines aus der günstigen konstruktiven Lösung – nur für vier Personen. Damit war der
Aufstieg zur Liege in den zweiten Rang auch für einen älteren Herrn noch zu
bewältigen, wenn auch mühsam.
Wir hatten keinen altersgerechteren unteren
Liegeplatz mehr bekommen können – fünf Tage vor der Fahrt. Die ältere Frau in
dieser Gruppe war auch noch erstaunlich gelenkig. Dass die etwas jüngeren Leute
– er Bergmann, sie Hautärztin – ihre unteren Liegeplätze nicht mit uns
tauschten, ließ sich deshalb verschmerzen.
Bisher hatte ich noch nie mit einem
aktiven Bergmann unterhalten können. Er antwortete mir bereitwillig auf meine
Fragen und war hin und wieder verwundert, wie sich jemand für ihm so vertraute,
alltägliche Vorgänge und Ereignisse interessierte. Es ist natürlich auch eine
ganz andere Arbeit, Kohle mit einer modernen Kombine abzubauen, als sie mit
einer Spitzhacke aus dem Berg zu brechen.
Unsere Reise verlief ohne
Zwischenfälle, wenn man die bemitleidenswerten Verkäufer von Textilien oder
anderen Waren auf den Gängen in den Waggons zwischen einigen Stationen
unbeachtet lässt. Aber auch sie wollen leben… Als ich dem Taxifahrer am Bahnhof als Ziel das „Bügeleisen“ nannte,
eigentlich „Hotel Freundschaft“ (ein sich einseitig am Giebel wie Treppenstufen nach oben
verjüngender Bau), war er sofort zugänglicher, weil ich seinen Fahrpreis
übertrieben fand und ging mit dem gleich um 5 Hrywna herunter.
Die Hotelchefin
saß selbst an der Rezeption und war sichtlich erfreut, dass wir aus einem
deutschen Unternehmen erneut bei ihr Gäste sein würden. Sie erinnerte sich
gerne an uns, die wir bei unserer letzten Dienstreise ihr zu ihrem Geburtstag als
einzige ihrer ausländischen Gäste mit einem schönen Blumenstrauß gratuliert
hatten. Auf meine Frage, weshalb sie die zu bestellenden Frühstücksmenüs nicht
durch ein Buffet ersetze, bekam ich eine für mich erstaunliche Antwort. Es
hätte Probleme mit den Kunden gegeben. Weil die meisten Geschäftsleute ihre
Kraftfahrer in den bescheideneren Räumen mit einquartierten, jene aber aus
Gewohnheit wie täglich früher aufstanden, seien die geschätzten Fleisch- und
Wurstwaren bei Erscheinen der zahlenden Gäste immer schon aus dem Angebot
verschwunden. Die Mitarbeiter begrüßten mich ebenfalls freundlich wie einen
guten Bekannten, fragten, ob noch andere kämen. Sehr angenehme Atmosphäre.
Nach
einigen Tagen hatten wir im Werk zusätzlich zu den täglichen Grußzeremonien zwei winzige, aber nette Erlebnisse. Eine der in der Produktion tätigen Frauen bemerkte, als wir ihr
einen „Guten Tag!“ wünschten: „Guten Morgen! Schön, dass sie gekommen sind und
die Sonne mitgebracht haben.“ Galant antwortete einer meiner Kollegen mit einer
leichten Verneigung in ihre Richtung: „Ist doch selbstverständlich – die Sonne
für die Sönnchen.“
Am selbigen Morgen kam einer unserer Kollegen von einer
Spezialmaschine zurück, nach Handschlag mit deren Bediener. Jener hatte ihm
eine große Plastetüte mit wunderbar großen und wohlschmeckenden Weintrauben
gereicht. „Von meinem Vater aus dem Dorf für euch.“ Was für eine unerwartete
und auch großherzige Geste. Wenn man weiß, wie schwer es heute die Menschen in
den meisten ukrainischen Dörfern haben.
So begann unser Arbeitstag mit einem
Lächeln von und nach allen Seiten.
Bleiben Sie recht gesund!
Ihr
Siegfried
Newiger
Schirmpilze
Schirmpilze
kennen viele von ihnen sicher nicht. Sie heißen auch Parasolpilze. Schon der
griechische Philosoph Sokrates meinte, dass es nichts Köstlicheres gäbe als
eine Portion gebratener Parasolpilze.
Als ich gestern vom Bauernmarkt kam, wurden
auf dem Mittelweg der Allee wunderbare Steinpilze angeboten. So, wie man sie
von Fotos aus Pilzbüchern kennt. Groß, fest, die Stiele gesäubert. Vom Preis
zwischen 6 bis 7 € das Kilogramm. Für hiesige Bedingungen – 60 bis 70 Hrywna –
ein stolzer Preis. Die beiden Verkäuferinnen hatten in ihren Körben etwa 30 kg.
Weil ich schon eingekauft hatte, war mein Portemonnaie fast leer. Gerne hätte
ich ein Kilo gekauft. Da sah ich am Rand der Reihe eine bescheidene Frau stehen
– mit Schirmpilzen. Sie bot jene in kleinen Häufchen an – je 7–8 Stück für 5
Hrywna oder auch 50 Eurocent. Das passte mir. Ich fragte, wo denn die Stiele
der Pilze seien und erfuhr wie erwartet, dass die holzig und damit ungenießbar
sind. Als ich erzählte, dass ich die Stiele kleinschneide, trockne und dann
durch die elektrische Kaffeemühle zu einem extrem schmackhaften Würzmehl für Soßen oder Aufläufe verarbeite, bedankte sie sich damit, dass sie mir einen schönen festen Schirm
zusätzlich auf meinen Einkauf legte.
Wer sich zusätzliche Arbeit machen will,
kann versuchen, die Deckhaut der Schirme abzuziehen. Ich lasse sie drauf, wasche die
Schirme von oben und lasse sie abtrocknen auf Küchenserviette. Vor dem Braten wird
der Pilz in geschlagenem Ei gewälzt, das mit Salz und Pfeffer gewürzt wurde.
Anschließend hat man Brätlinge, die häufig besser schmecken als ein Steak.
Heute Morgen am Fluss lud mich ein Angler ein. Er war am Vortag Pilze suchen
gewesen, hatte Steinpilze, Rotkappen, Maronen, Butterpilze und Schirmpilze mit
heimgebracht. Seine Frau hatte ihm einige der gebratenen Schirmpilze zum Frühstück
am Wasser eingepackt. Weil er mich als einen Laien einschätzte, bewirtete er
mich mit der kalten Köstlichkeit.
Als ich ihm anschließend das Rezept für das
Pilzmehl verriet, war er erstaunt, dass ich auch auf diesem Gebiet Bescheid
weiß.
Schließlich traf ich am Ende des Spazierganges den 82 Jahre alten
ehemaligen Schiffsmaschinisten, mit dem mich eine langjährige enge
Bekanntschaft verbindet. Weil er im Sommer gewöhnlich auf der Datsche lebt,
sehen wir uns seltener. Da erst vor einer Woche wieder ein 60-jähriger aus der
Nachbarschaft auf die andere Seite der Ewigkeit gewechselt war, verständigten
wir uns darüber, dass wir beide aus unbekanntem Grund vom Schicksal bevorteilt
werden.
Wir freuen uns darüber, deshalb zwingen wir uns zur Bewegung, auch wenn ab und
an das Zipperlein uns bremsen will. Auf diese Weise haben wir jeden Morgen das Vergnügen,
im Spiegel einen guten alten Bekannten wiederzusehen.
Er erzählte mir einen
Witz, der mit gefiel. Dazu muss man wissen: hier stellen oder setzen sich
Männer zum Trinken von Bier oder härteren Sachen gewöhnlich zu dritt an die Tische.
Die Ehefrau legt ihrem Mann soeben gebügelte Hosen hin, ein frisches Hemd,
sucht die Monatskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel heraus. Er bittet sie
in der Tür um etwas Geld. „Wozu brauchst du auf Arbeit Geld?“ „Wenn ich auf dem
Heimweg jemanden treffe, kann ich der dritte in der Runde sein.“ „Liebling,
komm besser gleich nach Hause. Dann bist du der erste.“
Bleiben Sie recht
gesund!
Ihr
Siegfried Newiger
Namenstag
Gestern war Nataschas Namenstag. Wie immer – ich wusste
das nicht. Wurde aber durch meine Anglerfreunde darauf hingewiesen. Um das
vorweg zu nehmen: das sind keine Säufer. Aber als ich bei leichtem Morgennebel
über dem Fluss mit raschem Schritt auf der Brücke den 82-jährigen einholte, passte ich mich seinem
Tempo an. Schneller zu gehen wäre einfach nur unhöflich gewesen.
Wir kamen an
den Platz, auf welchem Vitalij schon saß und auch schon Fisch gefangen hatte. Boris
Petrowitsch an meiner Seite lächelte
verschmitzt und lud mich ein, auf Nataschas Gesundheit einen guten
Selbstgebrannten mit ihnen zu trinken. Ich meinte, dass ich zwar mit Natascha
verheiratet bin, aber keinen Grund dafür sehe, am frühem Morgen einen zu heben.
Ich hätte ja auch keinen Selbstgebrannten dabei, natürlich auch keine „Bierhappen“
(wie ich die „sakuski“ übersetze).
Beide grinsten und informierten mich, dass
heute Namenstag von Natascha wäre – einer hätte eine Tochter mit diesem
Vornamen, der andere eine geliebte Enkelin. Ich wäre bei ihnen der Dritte in
der Runde. Sie hätten schon alles vorbereitet – Petrowitsch auch denselbst von
ihm gebrannten Wodka mitgebracht. Dazu soll man wissen, dass sich gewöhnlich
die hiesigen Säufer „zu dritt“ zusammenfinden. Meine diesbezügliche Bemerkung
wurde abgeblockt – wir hätten einen Grund. Also bekam ich meinen Becher mit
etwa 80 ml Wodka, dazu ein Stück Brot mit hausgemachter Blutwurst darauf und
eine geteilte Tomate. Wir tranken auf unsere lieben Nataschas. Dann setzten wir
mit Hund den Spaziergang fort.
Der Nebel stieg langsam auf – die sich schon
herbstlich einfärbende Landschaft kam immer mehr zum Vorschein, glänzte beginnend
bunt in der Herbstsonne. Plötzlich fühlte ich ein intensives Brennen in der
linken Hand. Unter der zusammengerollten Hundeleine hatte sich eine Wespe
eingenistet und mich gestochen. Den Stachel, den sie in der Haut zurück
gelassen hatte, konnte ich herausziehen. Das Insekt fiel zu Boden. Wir gingen
weiter – die Einstichstelle schmerzte immer intensiver.
Daheim wünschte ich
meiner Guten etwas zu ihrem Feiertag. Sie konterte: „Wo hast du Alkoholiker am
frühen Morgen schon getrunken?“ Nach Bericht mit den besten Wünschen der „Zechkumpane“
vergab sie mir die Entgleisung. Fragte aber sofort: „Was hast du mir noch
mitgebracht?“ Ich verstand nicht. „Was hast du da in der Hand?“ Meine linke
Hand war außen stark angeschwollen und machte aus der Entfernung den Eindruck,
als ob in ihr etwas versteckt war. Ich bemerkte die Entwicklung an der Stelle
erst nach dieser Frage und erzählte vom Wespenstich.
Ungeachtet dieser „Verwundung“,
welche mir gestern das etwas raschere Schreiben am PC unmöglich machte, wurde
ich auf den Basar geschickt. Auf dem Weg nach dort saßen „Einzelhändler“ wie
üblich am Überweg auf der Allee. Eine von den vorwiegend Frauen hatte einen
Korb voll wunderbar fester Rotkappen (Pilze) vor sich, verkaufte das Kilogramm
für 3,50 € (35 Hrywna). Ich nahm vier besonders schöne Pilze und schmorte sie
anlässlich des Namenstages. Mit Buchweizengrütze dazu – ein echtes Festmahl.
Am
Nachmittag dann noch der Versuch aus London, uns besonders reich machen zu
wollen. Die angeblich seriöse Anwaltskanzlei Andrews&Kurth mit der etwas seltsamen Website www.andrewskurth.com
versuchte mich davon zu überzeugen, dass mir ein ferner Verwandter, der mit Frau
und Sohn bei einem Autounfall leider ums Leben gekommen sei, eine beträchtliche
Summe hinterlassen hätte. Weil ich schon erstaunt war, das Angebot auf Russisch
zu bekommen, sah ich besonders genau hin. Das Geld würde in einem Medienkonzern
in Ghana stecken. Den Leuten habe ich meine Verbindung gesperrt.
Seien auch Sie
vorsichtig.
Bleiben Sie recht gesund!
Ihr
Siegfried Newiger
Abonnieren
Posts (Atom)