Schlammschlacht...

Am 26. Oktober 2014 finden in der Ukraine die auf Forderung des Maidan vorgezogenen Parlamentswahlen statt. Die Wahlkämpfe haben begonnen. Der Bürgermeister von Lwow, Andrej Sadowij, hatte bis gestern recht gute Chancen. Allerdings hat auch in seine Richtung die Schlammschlacht eingesetzt. 

Er ist als Person jung und bisher auch erfolgreich für die recht schöne Stadt tätig gewesen. Nun aber haben ihn jedoch die einem ehemaligen Wahlversprechen geschuldeten "Sünden der Vergangenheit" eingeholt. 
Eine erste Protestdemonstration unzufriedener Bürger mit für ihn wenig schmeichelhaften Plakaten wurde im Fernsehen gezeigt. Ohne dass ich die Anzahl der Kritiker bestimmen konnte. Aber das folgende Interview mit einer Bürgerin war doch etwas ernüchternd. Vor allem auf dem Hintergrund dessen, dass er vor einiger Zeit Reportern sein neues Haus im Rohbau zeigte, welches bis dato "nur" rund vier Millionen Hrywna kostete (etwa 215.000 €). 
Die Frau und alle Einwohner eines ehemaligen Wohnheims hatten den Versprechungen von Sadowij vor den Kommunalwahlen geglaubt, dass das genannte Gebäude in örtliche Verwaltung übernommen würde mit der Möglichkeit, die von ihnen genutzten Wohnungen privatisieren zu können. Er allerdings hat später das Gebäude an eine Fabrik übergeben, welche dort Lagerräume einrichten will.

Der "Block der Opposition" versucht, ebenfalls emotional zu punkten. Im Fernsehspot stützt er sich darauf, dass der Preis für das Stadtgas stark gestiegen ist, alle kommunalen Dienstleistungen ebenfalls teurer wurden, dazu noch Preiserhöhungen kamen für Grundnahrungsmittel und, was bei den gegenwärtigen Außentemperaturen besonders aktuell und folglich wirksam ist, dass es in den Wohnungen ungemütlich kühl, nicht selten schon fast kalt ist. Die Herrschaften rechnen auf das "kurze Gedächtnis" der Leute, die vergessen, dass die hinter dem Spot Stehenden in der vergangenen Legislaturperiode das Land in die beschriebene Situation hineinmanövriert haben.

Präsident Poroshenko und Premier Jazenjuk haben in allen ihren Erklärungen zur gegenwärtigen Lage und zu den daraus notwendigen politischen und wirtschaftlichen Schritten immer darauf hingewiesen, dass eine ungewisse Zeitspanne von fühlbaren Einschränkungen auf die Bevölkerung zukommen. Nur ist bei der Wählerschaft hier in der Ukraine die emotionale Komponente ihrer Entscheidungen nach meiner Beobachtung wesentlich ausgeprägter als in Deutschland. 

Die beiden "rechten" Kandidaten Ljaschko und Tjagnibok finden mit ihren vollmundigen Kritiken und Versprechungen den Rückhalt, welchen sie geschickt ausnutzen. 
Wie wird sich das politische Leben nach den Wahlen gestalten, wenn der Vorschlag durchkäme, für nicht erfüllte Wahlversprechen den Gewählten aus seiner Wahlfunktion auszuschließen? 

Bleiben Sie recht gesund!

Ihr

Siegfried Newiger





 

Verbindung...

Vor einer Stunde etwa habe ich einen Post geschrieben auf  http://mein-ostblock.blogspot.com/2014/09/100-tage.html . Er sollte in Verbindung mit diesem gelesen werden.

Er ist einem Thema gewidmet, welches der bekannte "Mann auf der Straße" nicht als so wesentlich empfindet. Auch, wenn die politische Aktivität der Ukrainer in der letzten Zeit sehr intensiv geworden ist. 
Aber die aktuelle wirtschaftliche Situtation wird zunehmend von den Bedingungen bestimmt, wie sie schon vor längerem  durch Ministerpräsident Jazenjuk vorausgesagt wurden: sehr kompliziert und damit auch für den Einzelnen empfindlich spürbar. 

Denn genau genommen befindet sich der Staat Ukraine in einem unerklärten Krieg, der auf höchster Ebene aus gewissen politischen Rücksichten als "antiterroristische Aktion" bezeichnet wird. 
Dass außer den immer noch zunehmenden, beklagenswerten Menschenopfern der letzten Monate an der Front im Ergebnis der bewaffneten Auseinandersetzungen sowohl Arbeitsplätze als auch Exportgüter wegfallen, ist mit ein Teil der Ereignisse. Über die Zerstörungen der Infrastruktur wird später zu reden sein.

Das "Gürtel-enger-schnallen" kommt auf die Mehrzahl der Ukrainer zu - vor allem auf die Rentner. 
Hier in Belaja Zerkov macht sich das nun auch bemerkbar. Vor einiger Zeit wurde der Brotpreis angehoben. Das von mir bevorzugte gute Mischbrot mit Kleieanteil kostete plötzlich statt 3,70 Hrywna deren 4,60 - also eine Preissteigerung um rund 25 %. Die Preise auf dem Bauernmarkt (Basar) haben in abgeschwächter Form nachgezogen, aber doch merklich.

Die so sich verschärfende Situation formulierte ein Kiewer Bürger im Fernsehen: "Wir können uns nur noch die Hälfte leisten -  statt einem Kilogramm Tomaten oder Pflaumen nur ein halbes." 

Das vorerst Letzte in diesem Bereich - Mieten, Gebühren für kommunale Dienstleistungen und anderes mehr steigen zum ersten Oktober 2014 hier in der Stadt auf das Doppelte. Da werden viele gering Verdienende und Rentner weiter an den Rand der Existenzmöglichkeiten gedrängt. Im vollen Sinne dieses Wortes.

Mich beunruhigt ein anderer Teil dieser Entwicklung. Viele  Bürger reden offen davon, dass wegen dieser oben erwähnten unpopulären Entscheidungen ein neuer "Maidan" vor der Tür stehe. Das könnte - obwohl ich die Haltung nachvollziehen kann - für den weiteren Weg der Ukraine zu weiteren Schwierigkeiten führen. 
Allerdings habe ich keine Empfehlung für eine weniger schmerzhafte und sachlich wirkungvollere Entscheidung.    

Bleiben Sie recht gesund!

Ihr

Siegfried Newiger




            l .

Rotbart...

Mein eigenes Er-Leben: Augen auf und anschauen, was da alles Gutes in der Welt passiert. Ohne das Traurige zu übersehen. Aber es sind einfach häufiger Hochzeitskutschen sicht- und hörbar als die unvermeidbaren Fahrzeuge der Bestattungsunternehmen. 
Als wir heute in der Frühe spazieren gingen, kam uns eine junge Frau entgegen. Ohne Bart, dafür mit einem breiten roten Gürtel um die graue Bluse über der mittelblauen Hose. Die dunkle Jacke leicht geöffnet. Passend zu Figur und Haaren gekleidet. 
Als ich das erfasst hatte, beschloss ich, an diesem Morgen mit mir allein das recht alte amerikanische Spiel zu veranstalten: Achte auf den Rotbart! In freier Übersetzung. Es geht darum, dass mehrere Menschen sich verabreden, auf ihrem Weg durch die Stadt oder einen Park unter den Passanten eine Person oder mehrere zu entdecken, welche auffällig aussehen, gekleidet sind oder sich merkwürdig benehmen. Gewonnen hat, wer die meisten "Rotbärte" entdeckt. 
Meine nächste Entdeckung: eine stattliche und dazu große Frau ohne ein besonders eindrucksvolles Gesicht - dafür aber unter einem Poncho! Etwas in diesem Lande und in der Provinz sicher nicht Alltägliches. Sie zeigte mit ihrem Gesichtsausdruck, dass sie sich ihrer optischen Wirkung wohl bewusst war. Da musste ich ihr einfach zulächeln. 
Als dritten sah ich einen Mann, welcher bei den +5 Grad Celsius nur in Sporthose aus dem Park gelaufen kam, ein deutlich feuchtes Handtuch in einer Hand. Einer der mir bekannten Abhärter und Walrosse (Winterbadender) - sonnengebräunt, sehnig, schlank und deutlich fit.
Danach, auf dem Rückweg, fiel die besonders breite Rückenfront einer etwa 60-jährigen Dame auf. Die blaue lange Jacke war durch eine weiße Doppelleiste abwärts getrennt, mit ebensolchen weißen Knöpfen dazwischen. Das ergab einen günstigen optischen Effekt hin zur Verschlankung. 
Die fünfte Beobachtung: ein besonders schlankes junges Mädchen trug eine sie "sichtbarer" machende hellgraue Wolljacke mit quergestellten bunten Volkskunst-Ornamenten. 

Auch unser Hund hatte wieder bewiesen, dass er "mitdenkt". Als ich ihn vor Überschreiten der Straße anleinen wollte, damit er nicht wieder ausreißen konnte, kam er als ich den Karabinerhaken der Leine herabbaumeln ließ, direkt an die Seite und so nahe, dass ich ihn festmachen konnte. 
Nach einem fröhlichen Wortwechsel mit unserer Verkäufer-Freundin Olga kam ich folglich wohlgelaunt zu Hause an. Gute Laune, eine Vorstufe zu Lebensglück, ist machbar durch uns selbst!

Bleiben Sie recht gesund!

Ihr

Siegfried Newiger




 

Was, wenn kein Instinkt?

Pünktlich zum 21. September wurde in diesem Jahr der Übergang vom Sommer zum Herbst vollzogen. Die lange Schönwetterlage ist ganz plötzlich zu einer Regenzeit mit intensivem Temperatursturz geworden. Als solches nicht besonders erwähnenswert. Nur sind die Spaziergänge mit Hund dabei erwartungsgemäß nicht so angenehm und deshalb merklich kürzer als gewohnt. 
Heute in der Frühe war es nun sehr windig, einzelne Bäume in der Nacht umgebrochen. Vor allem solche, welche die Stadtreinigung hätte vorsichtshalber schon längst abholzen lassen müssen. Aber hier ist man damit - vor allem aus Finanzmangel - nicht so rasch.

Der täglich an mehr Freilauf gewöhnte Hund hat nicht zu erkennen gegeben, dass er sich an eine läufige Hündin erinnerte. Sondern beim Einbiegen in unsere Straße, nicht angeleint, machte er sich auf und davon. Ohne wie gewohnt auf Rufe oder Pfiffe zu gehorchen. Weil ich Temperatursturz und Wind unterschätzt hatte, war ich für diese morgendlichen Bedingungen sehr sparsam bekleidet. Den Hund hätte ich sowieso nicht einholen können. Also ging ich heim, zog mir einen Pullover über. Machte mich dann auf zur Holzbrücke über den Fluss Ros. Dorthin kam unser Kai immer, wenn er einmal auf der Duftspur einer läufigen Hündin ausgerissen war. 
Nur fand ich ihn diesmal nicht gleich. Nachdem ich noch in einen bekannten Weg eingebogen war, der zu seiner uns ebenso bekannten Freundin führte, war von ihm nichts zu sehen. Also wanderte ich zurück zur Brücke. Traf dort einen Bekannten, wir plauderten ein wenig. Plötzlich kam mein Bello gelaufen - aus Richtung Wohnung. 
Die Standpauke und einen leichten Hieb hinter die Ohren nahm er gleichmütig entgegen. Wusste ja, wofür. Er musste nach meiner Meinung auf einer Parallelstraße zu mir gekommen sein. 
Allerdings war ich doch erstaunt, als mir unsere Hauswartsfrau sagte, sie hätte den Hund an den nahen Getränkekiosken getroffen, wo er eindeutig suchend herumgerannt sei. Sie hätte ihn "heimgeschickt". Dass Kai, nachdem er einen großen Bogen gelaufen war, mich anschließend "gefunden" hatte, ist wohl keine instinktive, sondern eine Vernunftleistung gewesen. Über die ich mich gefreut habe. Eines dieser kleines Stückchen Lebensglück.

Die etwas lautere Freude, richtiges Gelächter, löste der Anruf eines guten Bekannten aus. Er fragte meine Natascha, wo denn unser Auto wäre. Er hätte ein vom umgestürzten Baum zerstörtes gesehen. Auf die Frage, warum er bei uns anrufe, antwortete er - sich auf einen Vorfall im Winter beziehend - dass unser Fahrzeug doch Bäume anlocke. Wir lachten alle drei herzlich.

Bleiben Sie recht gesund! 

Ihr 

Siegfried Newiger 




Gebissene Zahnärztin...

Das tägliche Leben enthält für mich immer wieder die Überraschungen, welche es interessant machen. 
Da kam vorgestern plötzlich fast schräg über die breite Straße ein weißer Chevrolet-Jeep aus ukrainischer Produktion auf mich zugefahren. Der Lenker hielt an und stieg aus. Einzig zu dem Zweck, sich ein wenig mit mir zu unterhalten. Wir hatten einander schon lange nicht mehr gesehen. Er wollte gerne meine Meinung zur gegenwärtigen Situation erfahren, sich nach meinem Befinden erkundigen, ein wenig von seiner mir bekannten netten Familie erzählen. Und vor allem natürlich auch etwas mit seinem neuen Auto glänzen. 
Nach dieser angenehmen Begegnung folgte fast unmittelbar eine sehr entgegengesetzte. Ein Mann etwa in meinem Alter aus dem Bereich "Straßenbekanntschaften" kam auf mich zu und riß den Arm zum faschistischen Gruß hoch. Mit einem "Chail" dazu, das ich durch Protest und Zwischenruf abbrach. Ich würde ihn doch auch nicht mit einem Lebehoch auf Diktator Stalin begrüßen. Seinen ernsthaft vorgebrachten Kommentar: "Da herrschte noch Ordnung!" hörte ich, als ich ohne in die angebotene Hand einzuschlagen an ihm vorbei weiter ging. 

Am Nachmittag des Tages besuchte ich unsere Zahnärztin, Nachbarin mit ihrer Praxis im Nebenaufgang. Sie bereitete in der linken Oberseite meines Mundes zwei Träger für eine Brücke vor. Als sie mit dem Formhalter für die Abdruckmasse gerade ansetzte, kam eine andere Patientin gleich in die Praxis. 
Sie hatte wie viele andere hier aus - nicht besonders höflicher Angewohnheit auch in anderen Arztpraxen - schauen wollen, ob ein Zahnarzt anwesend war. Allerdings sagte sie nicht nur "Guten Tag!", sondern begann sofort relativ laut zu reden. 
Deshalb verstand ich die Bemerkung meiner Dentistin falsch und biß zu - sie in den Finger, mit welchem sie die Metallplatte andrückte. Sie schrie auf. Sie hätte mir nichts von Zubeißen gesagt. Natürlich wollte ich weder mit der laut störenden Besucherin noch mit der reizenden Ärztin eine Diskussion beginnen, sondern entschuldigte mich für meine "Beißerei" bei der Leidtragenden. Beteuerte, dass das nicht wieder vorkommen werde. 

Heute, zwei Tage später, bekam ich meine Brücke schon eingesetzt. Passt hervorragend. Sie ist von einem ihrer Söhne - Zahntechniker - eiligst angefertigt worden. Denn wir haben zu dieser Großfamilie und Zahnarztgeneration auch gute persönliche Beziehungen. Dass uns diese ausgezeichnete Arbeit nur 2.000 Hrywna oder rund 122 Euro kostete, wird deutsche Leser verwundern. 

Bleiben Sie recht gesund!

Ihr

Siegfried Newiger




  

Schick in der Fahne...

Am ersten September begann hier traditionsgemäß das neue Schuljahr. 

Im vom Krieg in seinem Ostteil gebeutelten Land gab es für die "nicht unter ukrainischer staatlicher Lenkung" befindlichen Gebiete einen Aufschub. Verständlich. 
Aber auch extrem unangenehm für jemanden, der mit den Menschen hier solidarisch ist. Darüber ist unter http://mein-ostblock.blogspot.com/2014/09/krieg-ansichtssache.html zu lesen. 

Allerdings hat die aktuelle Situation auch etwas Erfreuliches für sich. In unserer relativ ruhigen Region rund 80 km südlich von Kiew sind in den letzten Tagen zwei bunte Gruppen im allgemeinen Straßenbild aufgetaucht. 

Das waren für mich als erstes nach dem für den Schulanfang hier ganz typischen "Morgenappell" mit dem Gesang der Hymne des Landes - klang von der etwa 200 m Luftlinie entfernten Schule herüber - die diesmal besonders vielen Schülerinnen und auch Schüler in den unterschiedlichen Varianten der nationalen, genauer folkloristischen Kleidung.
Entweder ganz in Form von Kleidern oder teilweise - also zumindest in so sichtbaren Blusen oder Hemden. Genannt "wyshiwanka" - im Deutschen etwa "etwas Handgearbeitetes". 

Zum anderen etwas mehr als in den Ferienmonaten junge, hübsche und dem Anlass entsprechend besonders gekleidete Frauen. Eindeutig zu den Schülern gehörende Lehrerinnen. Typisch, dass ihr Anteil die Menge als Lehrer erkennbare Männer wesentlich übertraf. Ist wohl auch in Deutschland ähnlich. 

Viele der Genannten trugen zusätzlich an der Kleidung oder den Schultaschen (Rucksäcken) die staatliche ukrainische Symbolik - die blau-gelben Fähnchen oder Bänder. 

Hier erinnere ich mich an einen Vorgang zum Ende der 80-er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Ich war zu einem Vortrag des in der DDR (Deutsche Demokratische Republik) hoch geachteten Professors Jürgen Kuczynski. Er war bekannt für seine immer sehr offenen Antworten. Ihn hatte ich fragen wollen, warum in der DDR das Singen der Hymne des Landes nicht mehr üblich war. Mich hatte darin der Satz "...Deutschland, einig Vaterland..." zu einigen nicht ganz unkritischen Überlegungen angeregt. 

Leider hatte sich lange vor mir ein amerikanischer Journalist gemeldet. Über seine Frage und die gründliche Antwort des - wenn notwendig auch sehr systemkritischen - Professors vergaß ich mein Ansinnen. 

Zurück nach heute und zur Überschrift. Denn an genanntem Tag kam mir am Nachmittag in einer Gruppe ihrer Schülerinnen eine sehr gutgewachsenen, naturblonde Lehrerin entgegen. Die blaue Bluse passte sehr gut zu dem hellen Haar - und der zitronengelbe Rock über den hübschen Beinen machte die ganze Erscheinung weiterhin zu einer Augenweide für einen normal empfindenden Mann. Die Farben der Staatsflagge unterstrichen hier auf das Beste die Individualität der Trägerin - und ihr Anliegen. Die wachsende sehr eigene und positive Zugehörigkeit der sich von ehemaligen Untertanen zu echten Bürgern ihres Landes entwickelnden Menschen.

Die ganze Gruppe strahlte den Optimismus des einfachen, gewöhnlichen Lebens aus. Wie er für mich auch in jeder knospenden oder entfalteten Blüte zu sehen ist.


Bleiben Sie recht gesund!

Ihr

Siegfried Newiger





Zufrieden...

Mit anfänglichem Erstaunen habe ich bei Peter Scholl-Latour gelesen, dass die "Ringparabel" aus dem "Nathan der Weise" von Gotthold Ephraim Lessing heute absolut nicht mehr zeitgemäß ist. Sein Taschenbuch "Kampf dem Terror - Kampf dem Islam?" (IBSN 3-548-36679-1) hat mich am Ende doch davon überzeugt. 

Allerdings befolge ich täglich das, was dieser große deutsche Dichter ebenfalls schrieb: „Lese jeden Tag etwas, was sonst niemand liest. Denke jeden Tag etwas, was sonst niemand denkt. Tue jeden Tag etwas, was sonst niemandem albern genug wäre, zu tun. Es ist schlecht für den Geist, andauernd Teil der Einmütigkeit zu sein.“ 

Deshalb schaue ich hier auch "dem Volk aufs Maul", wie es Martin Luther empfahl und  fahre gut dabei, weil ich echte Meinungen erfahre. Aber auch Spaß habe. Meine bekannte Verkäuferin auf dem Basar erzählte zum Beispiel, wie sie einen Protz in die Schranken gewiesen hatte. Der wäre zum Einkauf an ihren Stand gekommen, hatte etwas bestellt. Als sie die Ware abwog, wedelte er auffällig mit seinem dicken Portemonnaie herum. Sie übergab ihm die  verpackte Ware und er fragte, auf die vielen großen Scheine deutend: "Was soll ich ihnen geben?" Sie antwortete, dass ihr das egal sei. 
Er nahm einen 200-Hrywna-Schein und reichte den ihr herüber. Sie hätte das Geld seelenruhig in ihre Kasse gelegt und sich der Kundschaft zugewandt. Der Mann habe sie sehr irritiert angesehen und gefragt: "Nun?" Sie gab zur Antwort: "Sie haben mich doch gefragt, was sie mir geben sollen. Also haben sie doch nicht mit Rückgabe gerechnet - bei der vollen Geldbörse?" Danach habe sie das Rückgeld genommen und ihm gereicht mit den Worten: "Bitte sagen sie genau, was sie wollen." Unter Gelächter der anderen Kunden war er davon gezogen. 

Meine Bekannte, Verkäuferin am Getränkekiosk, war morgens noch ein wenig mit Schminken beschäftigt, als ich herantrat. Sie grüßte zurück und bat: "Einen Augenblick bitte - heute ist Picasso zu spät gekommen." Darauf meine Frage: "Arbeitet der noch klassisch oder schon modern, denn dann gehe ich lieber gleich weiter?" ließ uns beide lachen. 

Heute kam die weißgraue Katze, welche unseren Hund vor kurzem mit Fauchen und Krallen verjagt hatte, ihm regelrecht hinterher, dass sogar ein Blumenverkäufer seinen Kolleginnen zurief: "Seht mal, wie die ihn verfolgt." 

Diese kleine Freude war allerdings dadurch gestört, dass ich zuvor auf etwa 50 Metern die zwei plattgewalzten Kadaver der kleinen Kätzchen gesehen hatte, welche ich vor Kurzem in einem Post auf diesem Blog schon als künftige Opfer des Straßenverkehrs beschrieben hatte. 


Nur ist bei aller Tierliebe ein Haustierheim durch uns nicht einzurichten. Schon besetzt - auch durch diesen Kater und seinen Freund Hund.

Bleiben Sie recht gesund! 

Ihr 

Siegfried Newiger





Wieder zuhause...

Die Verluste der Heimreise waren verschmerzt - schließlich war ich gesund zurückgekommen. Den Rest besorgte die Zeit und alles das, was täglich an Neuem geschieht. 
Am Folgetag gab es das typische - von vielen Bekannten die Frage, weshalb ich so lange im Straßenbild und auf dem Markt nicht zu sehen gewesen bin. Auf den wahrheitsgemäßen Bericht folgte zweierlei: Bedauern und Abwehr der Argumentation meiner Frau. 
Ich bekam wahre Geschichten zu hören davon, wie einige im proppevollen Bus um ihre Geldbörse oder auf der Bahnreise um ihr Gepäck gebracht wurden. Von einem Bekannten gab es diesen Scherz als Draufgabe: Ein Dieb aus Odessa kam aus dem Knast zurück. Mit der Eisenbahn. Auf dem Bahnhofsvorplatz stellte er seinen Koffer ab, streckte die Hände seitwärts in die Höhe und rief: "Sehe ich dich endlich wieder, mein liebes Odessa!" Als er die Hände senkte, war sein Koffer fort. 

Während der Hund vorauslief, sprach mich ein etwa 40-jähriger Mann an. Er war in Begleitung, unschwer war an Flugzetteln und einigen Büchlein zu erkennen, dass man mich für eine Sekte gewinnen wollte. Gab es schon häufig - ohne Erfolg. 
Doch der Herr stellte sich als Dmitriy vor und bat mich, eine Frage stellen zu dürfen. Er wisse, dass ich Deutscher sei. Nun habe er ein deutsches Auto gekauft und möchte gern wissen, ob ich ihm behilflich sein könne, damit dieses wie ein Uhrwerk funktioniert. Ich lehnte ab. Gern würde ich bei Übersetzung von Teilen der Betriebsanleitung helfen. Aber am Auto zu basteln fiele mir nicht ein. Eben darum wollte er mich bitten - für anderes hätte er selbst geschickte Hände und eine Werkstatt. Wir tauschten die Handynummern aus. Noch hat er nicht angerufen, obwohl eine Woche vorbei ist.

Meine Erlebnisse in Warschau habe ich auch bei unserer Bekannten vom Kiosk erzählt. Eine während des Gesprächs dazugekommene Frau bemerkte ohne lange zu überlegen: "Das waren gewiss unsere Leute, die da eine Gastrolle geben." 
Wenn auch ich kritisch gegenüber meiner Heimat Deutschland eingestellt bin, sage ich zu Missständen etwas immer sehr behutsam. Wie kann, vor allem in dieser Zeit, eine Ukrainerin so reagieren? 
Also drehte ich mich zu ihr um: "Wenn ihnen so etwas leicht über die Lippen kommt, ist es schade um den Ruf dieses Landes. Ich habe daran nicht einmal gedacht." Sie wurde knallrot und verschwand.  

Dafür belustigte mich eine andere, besonders ansehnliche Dame durch die englische Aufschrift auf ihrem extrem gut gefüllten T-Shirt. Da stand über die gesamte, besonders gewölbte Vorderfront mit einem Ausschnitt für acht Personen: "Secret of victory" - "Geheimnis des Sieges". Meine Natascha lächelte, als ich ihr von dieser Beobachtung erzählte. Denn sie hatte ohne Aufschrift vor Jahren einen ähnlich begründbaren Sieg errungen...

Bleiben Sie recht gesund! 

Ihr 

Siegfried Newiger





  

Abenteuer der Landstraße

Die Hinreise Kiew-Berlin war so normal, dass es sich fast nicht lohnt zu erzählen. Außer dass im Reisebus Riga-Berlin, in welchen wir in Warschau umstiegen, drei sehr junge chinesische Kinder waren, welche mir noch viel lebhafter erschienen als die schon aus Berlin-Kreuzberg bekannten türkischen Jungen.
Die Rückreise fünf Tage später nach Kiew ab 22 Uhr begann recht ruhig, weil wir fast alle einschliefen. Als wir um 6 Uhr in der Frühe am recht großen Busbahnhof in Warschau-Zchodnia ankamen, wollten viele ihr Gepäck sehr rasch bekommen. Weil den Anschluss in einem fremden Land zu verpassen nicht einfach nur unangenehm ist. Denn die Sprachbarriere schafft nämlich zusätzlich Probleme. 
Diesen Umstand hatten sich einige pfiffige Leute auch überlegt. Mein Portemonai hatte ich in einer seitlich am Oberschenkel befindlichen, mit Klettverschluss gesicherten Hosentasche. Sie ist im Allgemeinen sogar aus dem Augenwinkel sichtbar. Doch wenn viele dich umringen, du die Hand nach dem Koffergriff ausstreckst - dann ist alle deine Aufmerksamkeit dorthin gerichtet. Der Taschendieb hatte also mit mir leichtes Spiel.
Als ich mit meinem Gepäck an einer Bank ankam, hatte ich das Leeregefühl dort, wo vorher die eng in der Tasche sitzende Geldbörse merklichen Druck ausübte. Ein Griff dorthin - und ein Schreck in der Morgenstunde.
Der zweite Fehler folgte sofort. Ich ließ Koffer und Rucksack auf der Bank und raste zum Bus, der nach Riga weiterfuhr. Meine bisherige Nachbarin sagte mir, dass ich auf dem Sitz nichts verloren hätte - sie würde mich gerufen haben. Mein Gepäck war am Platz, doch wurde mir mein Risiko bewusst.
Besonders unangenehm war, dass außer Personalausweis in der Geldbörse Kreditkarte, Geldkarte, Gesundheitskarte der AOK (eben erst abgeholt), Führerschein und anderes mehr steckten. Dazu verschwanden, jedoch unwiederbringlich, etwa 80 Euro, 30 polnische Zloty und 35 ukrainische Hrywna.
Nach dem ersten Ärger fasste ich mich soweit, dass mir das in der linken Hosentasche befindliche polnische Kleingeld einfiel, so dass ich mir einen sogar großen Kaffee leistete. Danach rief ich in Berlin an, damit unser Freund sofort meine Kreditkarte sperren ließ.
Pünktlich ging es ab in die Ukraine. Die Grenze überquerten wir ohne langen Aufenthalt, rollten über Luzk und Rowno bei zunehmender Dunkelheit zügig auf Shitomir zu. Plötzlich ein Streifenwagen der Polizei quer über der Straße. Die Ordnungshüter gaben keine Antworten, sondern nur die Weisung: "Weiterfahrt nur über Nowograd-Wolhynski!"
So rasten wir mit etwa 30 km/h über nächtliche ukrainische Dorfstraßen. Der Umweg war der militärischen Situation im Lande geschuldet, wie ich daheim erfuhr. Eltern frisch Einberufener hätten die Straße gesperrt, um die nach ihrer Auffassung unzureichend ausgebildeten Söhne nicht in die Ostukraine zum Einsatz transportieren zu lassen. Eine verständliche Reaktion, meine ich. Sie kostete uns im Bus lediglich knapp zwei Stunden Verspätung in Kiew.
Die typische Reaktion meiner Ehehälfte, als ich nach künstlich verlängerten Berichten über die Probleme in Berlin und meine Treffen endlich ihre Frage nach der Vollzähligkeit meines Eigentum beantworten musste, lautete: "Das kann nur dir passieren!" Bevor ich die Fragen zur Sache beantworten durfte.

Bleiben Sie recht gesund!

Ihr

Siegfried Newiger





Auffassungen

Neue Bekanntschaften macht man im höheren Alter gewöhnlich seltener. Heißt es. Die Ausnahme bin ich. Denn eigenartige Erscheinungen oder Handlungen setzen bei mir so etwas wie einen inneren Druck frei, sich doch mit den daran beteiligten Personen zu unterhalten.

Liefen da neulich zwei Männer mit recht schweren Taschen durch die Allee. Angezogen in etwas, was ich zum Verständnis für deutsche Leser als einen "schwarzen Blaumann" bezeichne. Auf dem Rücken in großen weißen, kyrillischen Buchstaben das Wort "WOROCH". Ich suchte in allen Ecken meines recht umfangreichen Wortschatzes und fand nichts. Also sie höflich angesprochen, als sie mit ihren schweren Gepäckstücken einmal Atem holen mussten. Es stellte sich heraus, dass das Wort eine der hier fast verehrten Kürzel ist. Nicht wegen des Inhalts, sondern wegen der Zweckmäßigkeit, der Verkürzung. Sprich Faulheit. Es bedeutet "voennysowanaja ochrana" und ist wörtlich  "militärischer Wachschutz".
Also genau das Gegenteil dessen, was ich vorher vermutet und hier ausgelassen habe.

Vor einigen Tagen schon hatte ich einen relativ gut gekleideten bärtigen Mann gefragt, was er denn beim Altstoffhandel für die von ihm mit dem Fuß  zusammengepressten Bier- und Coladosen bekommt. Je Stück 3 Kopeken, etwa 0,2 Eurocent. Er kommentierte, dass der Erlös in Kiew oder Shitomir doppelt so hoch sei, aber das Fahrgeld nicht einbringe.
Nach der Unterhaltung mit den "Worochs" fiel mir ein ihn, der jeden Morgen pünktlich auf der Allee erschien, nach seinem Motiv zu fragen. Da stellte es sich heraus, dass der ausgemusterte Korvettenkapitän Flaschen und Dosen als Hobby sammelte. Um tätig zu sein, etwas zu Nutze, für die Sauberkeit des Stadtbildes. Er könne von seiner Rente leben. Aber er war gewöhnt sich zu bewegen. Sowohl erst auf dem Schiff, später als Kommandeur eines Batallions der Marineinfanterie. Außerdem käme mit der Zeit etwas für Sonderausgaben zusammen.

Da war ich versucht, mir einen Korvettenkapitän a. D. der deutschen Marine in dieser Rolle vorzustellen...  

Bleiben Sie recht gesund!

Ihr

Siegfried Newiger





Feldblumenstrauß

Unklar ist, weshalb ich heute für meine Begriffe erst sehr spät aufgewacht bin. Kurz nach sieben Uhr – entgegen den sonst fünf Uhr dreißig Minuten. Der an frühen Spaziergang gewöhnte Hund begann zu fiepen. Allerdings wurde meine bessere Hälfte ebenfalls munter. Auf den Guten-Morgenkuss und die Worte „Alles Gute zum Festtag!“ reagierte sie so unerwartet, dass es mir die Sprache verschlug. „Wenn du mich vor zehn Jahren im Affekt erwürgt hättest, wärest du heute schon frei aus dem Kittchen.“ Sie hat eben ihre Auffassung von Humor.

Das hinderte mich nicht, nach dem Ausführen des Hundes den  Blumenstrauß nebenan von der Wiese zu holen. Sie liebt Feldblumen, die noch duften. Die vor allem eine wahre Aufmerksamkeit sind, nicht ein Erkaufen von liebevoller Zuwendung. Denn das kann jeder mit ein wenig Geld in der Tasche. Aber eineinhalb Stunden unter sengender Sonne auf den Flusswiesen Blüten und dekorative Pflanzen zu suchen – da gehört ein wenig mehr dazu. Meint zumindest meine Natascha. Auf dem Spaziergang mit Hund haben wir heute auch wieder des Merkens würdige Erlebnisse gehabt.

Vor einigen Tagen war einer der vielen hier  streunenden Hunde überfahren worden. Ein Unbekannter hatte den Kadaver in eine flache Obstkiste geworfen, wo dieser mit der Zeit bei etwa + 30 Grad Lufttemperatur natürlich aufgedunsen war. Heute in der Frühe war das Müllfahrzeug gekommen, die Abfallbehälter auf der Allee zu entleeren und hatte den Kadaver auch entsorgt.

Gestern Abend hatte ich schon die farbigen Anzeigen unter Plasthülle an den Bäumen bemerkt, sie aber erst heute gelesen. Ein Chihuahua-Welpe war verschwunden. Unklar, wie die Besitzer eines so teuren Tierchens das so schlecht angeleint spazieren geführt hatten. Oder unbewacht im Garten hatten spielen lassen, wo ein geringer Abstand zwischen Brettern oder Latten reichte, den neugierigen Kleinen hinauszulassen. Die dem Finder ausgelobten 400 US-$ oder 300 € sind beredtes Zeugnis, dass das Hündchen teuer ist. 
Ob es aber zurückkommt? Vielleicht kann der Finder/Räuber es noch teurer verkaufen…

Eine ausnehmend dürre, streunende Hündin verfolgt uns mit Hund seit einiger Zeit, kommt bettelnd an meine Seite. Weil ich ihr vor Tagen ein Stück Pastete hinwarf, welches unser Hund und auch der daheim ebenfalls gut gefütterte Kater abgelehnt hatten.

Die winzige Katze, die uns gleichfalls eine Weile begleitet hatte, konnte ich bei allem Mitleid und bestem Willen nicht aufnehmen. Wir können zuhause kein Tierheim eröffnen.

Bleiben Sie recht gesund!

Ihr

Siegfried Newiger  

P, S. Entschuldigung

Der Satz meiner Frau heute Morgen ist unvollständig zitiert. Er muss so heißen: „Wenn du mich vor zehn Jahren nicht geheiratet, sondern im Affekt erwürgt hättest, wärest du heute schon frei aus dem Kittchen.“ So wird verständlich, wie sie sich den Feiertag, unseren zehnten Hochzeitstag, für mich solo vorstellt. Das bitte ich zu verstehen. Jedoch auch meine anders geartete Entscheidung. Wäre doch schade gewesen um eine so fürsorgliche Frau - oder?

Bleiben Sie recht gesund!

Ihr

Siegfried Newiger








  

Biberangriff


Die Tage auf den schwarzen Stellen der Kuhhaut Schicksal scheinen vorbei. Seit einer Woche etwa kann ich wieder mit weiter geöffneten Augen durch die Gegend spazieren. Sofort stellen sich die Erlebnisse ein, welche das Lebensgefühl weiter anfachen.

Das Wetter ist entgegen den pessimistischen Voraussagen klimagesteuerter Trockenheit richtig durchwachsen. Abwechselnd Regen und Sonnenschein. Selbst am Straßenrand der Allee, auf der wir mit Hund spazieren gehen, sprießen deswegen die seit langem hier nicht mehr gesehenen Wiesenchampignons. 

Den Gartenrotschwanz konnte ich deutlich bestimmen, auch selten hier in der Stadt. Die weißgraue Katze, welche Hund Kai dicht an sich heranlässt, mir aber vorläufig noch Buckel und Krallen zeigt, wälzte sich unweit von unserer Pausenbank genüsslich in Gras und Staub.

Wir haben angehalten, weil wir einen alten Bekannten trafen, der sich gern in Ruhe unterhalten wollte. Weil er in Kiew ein Marschroutentaxi fährt, sind wir einander lange nicht begegnet. Im Gespräch stellt sich heraus, dass er von seinem Betrieb verpflichtet wurde, aus der Ostukraine Verwundete ins Militärhospital von Belaja Zerkov zu holen. Seine Bemerkung: „Ich habe in Kroatien im UNO-Kontingent schon Krieg erlebt. Nun haben wir den im eigenen Lande. Ob ich zurückkehre, ist ja ungewiss.“ Habe ihm das beim Abschied aufrichtig gewünscht.

Eines Morgens habe ich einer sehr rundlichen Frau geholfen, ihre Lasten auf dem Weg von der Haltestelle des Überlandbusses zum Basar ein Stück zu tragen. Sie hatte vier Packen, die sie in Paaren immer etwa 20 Meter schleppte, abstellte und das zweite Paar nachholte. War sichtlich erfreut, dass ein fast gleichaltriger Mann sich ein Herz gefasst hatte. Bedankte sich überschwänglich. Die Taschen mit etwa zwölf Kilogramm Inhalt jede waren aber recht mühevoll zu tragen. Zu merken, dass der Schwung der Jugend aus Muskeln und Knochen verfliegt. Nur ist der nette Dank eine reine Freude.

Der Stiefsohn hatte an dem Tag noch etwas zu ergänzen. Nicht nur einen unter Wasser harpunierten Wels von sechs Kilogramm. Sondern auch den Bericht über den Kampf mit einem Biber. Dass im Fluss solche leben, hatte ich schon an Bissspuren an dünnen Bäumen in Ufernähe gemerkt, einmal einen schwimmen sehen. Der Junge war unter Wasser an ein ihm bekanntes Baumgerippe gekommen, wo er in den Astverstecken nicht selten schon gewichtige Raubfische aufgespürt hatte. Diesmal kam bei der Annäherung plötzlich etwas Kräftiges von einer Seite auf ihn zugeschossen und rammte ihn an der Schulter, wendete aber sofort. Als er sich dem Angreifer zuwandte, machte der eine elegante Kehrtwendung. Unser Pascha konnte sich nur durch einen Stoß mit dem Kolben der Harpune vorm Angriff  des recht großen Bibers schützen und den vertreiben. Seine Augen glänzten bei seiner leidenschaftlichen Erzählung.

So haben wir alle wieder einige Glücksmomente gesammelt.

Bleiben Sie recht gesund!

Ihr

Siegfried Newiger






Trotz alledem!

Nach dem 24. März dieses Jahres habe ich aus vielerlei Gründen eine Auszeit genommen. Es wird mir mit zunehmendem Lebensalter nicht einfacher, sich hinter den Laptop zu setzen. Weniger deswegen, weil dazu Kräfte fehlen. Sondern weil in einem Land, in welchem sich grundsätzliche Veränderungen anbahnen, jede Äußerung im Internet etwas Besonderes ist. Zumindestens für einen Menschen mit Lebenserfahrung. Denn von einer Front können nur Frontberichterstatter wahrhaft berichten. Außerdem nur von der Seite, auf der sie sich befinden. Die andere Seite hat meistens und überall ganz andere Auffassungen. Damit sind nicht Fälschungen, sondern nur bedingt einseitige Ansichten sogar bei Bildberichten typisch. Für mich. Soviel zu den moralischen Hindernissen.

Meine Meinung zu den Ereignissen in der Ukraine werde ich hier selten veröffentlichen. Dazu gehen Sie lieber auf meinen zu diesen Themenkreisen speziell geschaffenen Blog http://mein-ostblock.blogspot.de/

Erschwerend für die Entschlussfassung, das posten eine Weile einzustellen, kamen dazu noch einige gesundheitliche Probleme. Die langwierige Eingrenzung meiner so schon gestörten Beweglichkeit (dazu war etwas im Blog zu lesen), die Fahrt nach Deutschland zur Hochzeit unserer Tochter, eine Reise als Dolmetscher nach Russland, der zeitweilige Verlust meiner Hörfähigkeit... 
Letztere wurde von einem hervorragenden ukrainischen Facharzt, Dr. Udot, hier wieder hergestellt.

Mein medizinischer und ebenfalls moralischer deutscher Berater aus Odessa - http://www.hans-dirk-reinartz.com - hat mich wieder an den PC gebracht mit der Bemerkung: "Nicht klagen darüber, was du nicht mehr kannst. Sondern sich darüber freuen, was du trotz Invalidität mit deinen Jahren immer noch kannst!"
Deshalb werde ich hier wieder darüber berichten, was für mich des Merkens würdig, also merkwürdig und damit interessant ist. Was mir hilft, meine körperliche und geistige Beweglichkeit zu behalten. Denn unsere psychologische Gesundheit wirkt doch so beflügelnd auf unseren Gesamtzustand, dass dies manchmal fast an ein Wunder grenzt. 

Bleiben Sie recht gesund!

Ihr

Siegfried Newiger


Drei Fälle...


           Das war vor zwei Wochen. Auf der Holzbrücke am Fluss lag Reif, an einzelnen Stellen gab es etwas Glatteis. Trotz vorsichtiger Bewegung rutschte ich auf dem stärker geneigten Abgang auf der anderen Flussseite aus – denn von unvernünftigen Kraftprotzen war das hölzerne Geländer abgerissen worden.
      Mein invalides linkes Knie schmerzte höllisch, auch das linke Fußgelenk. Zum Glück kamen zwei Personen, die mir auf die Beine halfen. Mehr kriechend als gehend kam ich nach Hause.
    An beiden genannten Gelenken bildeten sich deutliche Hämatome heraus. Drei Tage lang musste meine Frau früher aufstehen, um den an seine Zeit gewöhnten Hund an meiner Stelle auszuführen. Sie hatte so allen Grund, für mich eine wirkungsvolle Salbe zu beschaffen, welche dafür sorgte, dass die Blutergüsse sich relativ rasch zurückbildeten.
      Dann hinkte ich wieder durch die Gegend. Denn die Überdehnungsschmerzen blieben noch eine Weile. Auf dem Basar wurde ich bemitleidet – meine leichte Behinderung wurde erkannt und hinterfragt. Allerdings bewegte ich mich weiter – liegen und ruhen bildet die Beschwerden nicht zurück.
          Drei Tage vor meinem Geburtstag hatte es nachts geregnet und der nasse Boden war tagsüber nicht recht abgetrocknet. Beim Mittagsspaziergang mit Hund blieb ich mit dem eingeschränkt einzuknickenden Bein an einem aus dem an einer Stelle höheren Bürgersteig herausragenden Stück Bewehrung hängen und knallte drei Schuljungen vor deren Füße. Sie sprangen entsetzt zurück. Da raffte ich mich auf und sagte: „Kinder, ich bin nicht betrunken. Nur hingefallen – seht ihr die Armatur dort, an der ich hängen blieb?“ Sie nickten erleichtert.
         Ich jedoch war auf der gesamten linken Körperseite von der schwarzen Muttererde richtig verschlammt. Habe aber den Hund erst ausgeführt – auch, wenn einzelne Leute eigenartig guckten. Vor allem, als ich mich in die Reihe vor dem Geldautomaten stellte. Der ab diesem Tag begann, nur noch 500 Hrywna auszugeben – etwa 35 Euro. Teilmobilmachung im Lande…
        Am Geburtstag dann Fall Nummer drei. Ungesehen hatte sich an den Hauslatschen die linke Sohle gelöst. Als ich den Müll in den Müllschlucker geworfen hatte und hochstieg zur Wohnung, blieb diese an der vorletzten Treppenstufe hängen und ich segelte mit dem Kopf auf die Flurtür zu. Der Urknall war in der Wohnung zu hören, aus welcher meine besorgte Frau gestürzt kam. Am Abend beschloss der Familienrat, mir einen Sturzhelm zu besorgen. Für alle Fälle. Allerdings sorgte ich auch noch dafür, dass die so bequemen, aber abgetragenen Hausschuhe im Müll landeten. Der blaue Fleck unter meinem Bürstenschnitt wurde an der Geburtstagstafel von den Gästen gebührend zur Kenntnis genommen.

      Meine Zahnärztin und ihre Gehilfin haben heute mein Kompliment, dass ich bei ihnen den „Genuss der Heilung“ erlebe, mit sichtlicher Freude entgegen genommen. Aber dazu gibt es einen Post in meinem Blog http://reich-weil-gesund.blogspot.com/ 

Bleiben Sie recht gesund!

Ihr

Siegfried Newiger






Er hinterließ eine gute Spur


        Wir waren zum Sonntag nach dem hier noch begangenen Internationalen Frauentag, dem 09. März 2014, zu Gast gebeten worden. Zu den hier so genannten „pominki“ – einer Gedenkfeier genau nach einem Jahr zum Todestag unseres Freundes Pavel.
            Als wir in die Gaststätte kamen, waren die meisten Plätze an der Tafel bereits besetzt. Etwas ungewöhnlich für ein Land, in welchem der relativ ungezwungene Umgang mit der Zeit eher die Regel ist. Allerdings konnte ich aus den kurzen Gedenkreden entnehmen, dass diese außergewöhnliche Pünktlichkeit in der noch wirkenden Hochachtung für den Verstorbenen begründet war.  
           Pavel Demidenko war ein fröhlicher, aber dennoch leiser Mensch gewesen. So nenne ich alle jene in meinem Leben, welche ohne die Stimme zu verstärken, ihre Bitten ebenso wie ihre Forderungen durchsetzen können. In erster Linie deshalb, weil sie dieses sich-selbst-gehorchen vorleben.
          Einer der Väter moderner Pädagogik, der Schweizer Pestalozzi, hat schon vor rund 200 Jahren gesagt: „Erziehung ist Liebe und Vorbild.“
            Pavels Kollegen sagten – jeder mit anderen Worten – immer das Eine: „Er war gewissenhaft, hielt Wort, half in jeder Situation, hatte goldene Hände und umfangreiches, anwendungsbereites Wissen. War konsequent – konnte auch Nein! sagen, wenn er etwas doch nicht wusste oder konnte.“
          So wirkt ein vernünftiger Mensch weiter, auch nach seinem Ableben. Allerdings ist es im Alter zu jeder Gedenkfeier immer schwerer, einige Gedenkworte etwa nicht zu formulieren, sondern diese vorzutragen. Vielleicht versteht der eine und die andere, dass es immer ein wenig die Vorahnung des eigenen endgültigen Abschieds ist, welche die Kehle zuschnürt.
          Deshalb, um die ersten Augenblicke zu überwinden, wendete ich mich zum Bild des zu Ehrenden und verneigte mich. Danach konnte ich nur sagen: „Solange ich als einer der Ältesten hier am Tisch lebe, werden ich mich an Pavel erinnern.“  Wir tranken ohne anzustoßen auf das Andenken eines allen teuren Menschen.
        Den in einer kleinen runden Schüssel servierten Borstsch aß ich mit Appetit. Danach wendete ich an meine Nachbarin und fragte, ob ich richtig beobachtet hätte, dass zu Hochzeitsmahlen grundsätzlich keine Suppen gereicht werden. Und wenn ja – warum? Weil das in Deutschland anders sei. Dort wird in vielen guten Gaststätten eben täglich die besonders schmackhafte „Hochzeitssuppe“ aus dieser Gegend angeboten. Mir wurde meine Beobachtung bestätigt. Der Grund dafür wäre, dass eine Hochzeit eben etwas Besonderes, Einmaliges sei. Wir diskutierten das Thema nicht weiter – jede Nation, ja jede Gegend eines Landes hat ihre Traditionen.

Bleiben Sie recht gesund!

Ihr

Siegfried Newiger








Was ist Ewigkeit?


           Heute Morgen waren wir mit unserem Hund an einer Stelle vorbeigekommen, wo der frische Kadaver  so eines herrenlosen Tiers herumlag – von einem Fahrzeug an den Straßenrand geschleudert.
            Etwas später gab mir eine Bekannte auf dem Basar ein kleines Päckchen – darin waren einige Kekse und Schokoladenkonfekt. „Heute ist der neunte Tag.“ sagte sie dazu. Weil sie arbeiten muss, wollte sie so sichern, dass Freunde und Bekannte bei einer Tasse Tee ihres verstorbenen Sohnes gedachten. Am neunten Tag, wie es die Sitte will.
         Diese so deutliche Konfrontation mit der Ewigkeit treibt mich an die Tastatur meines Notebooks.

     Vor einem Jahr war ich von einer Reise zurückgekommen, als wir zur Beerdigung gebeten wurden. Die Mutter unserer Freundin war gestorben. Mit Vornamen Maria. Zur feierlichen Erinnerung an sie wurde wie hier allgemein üblich an ihrem Todestag ein Mittagessen gegeben. Zu dem waren ohne besondere Einladung alle gebeten worden, welche sie auf den Friedhof begleitet hatten.
     Als wir kurz vor 13 Uhr in der kleinen Gaststätte eintrafen, waren fast alle Teilnehmer der Feier bereit anwesend. Nach Ablegen von Mänteln und Jacken bekam jeder eine recht lange, jedoch sehr dünne Wachskerze in die Hand. Sie war in eine dünne weiße Serviette gehüllt, damit der sie Haltende nicht mit Wachs bekleckert wurde. Ich wollte sie in die Rechte nehmen – meine Frau machte mich darauf aufmerksam, dass die in der linken Hand zu halten sei.
     Der in eine golden scheinende Soutane gekleidete Priester begann die Messe. Etwa 15 Minuten dauerte sein relativ eintöniger Sprechgesang. Weil das Ukrainische für mich nur langsam gesprochen einigermaßen verständlich ist, habe ich außer dem recht häufigen „Herr sei uns gnädig!“ und hin und wieder den Namen der Verstorbenen nichts verstanden. Allerdings kann da manchmal auch die Jungfrau Maria gemeint gewesen sein. Mit der Zeit fiel mir auf, weshalb die Kerze links zu halten gebräuchlich ist. Die rechte Hand wird zum regelgerechten Bekreuzigen gebraucht.
      Irgendwie machte sich in der sehr gefassten Situation das moderne Leben bemerkbar. Ein nicht ausgeschaltetes Handy verlangte gebieterisch danach, ausgeschaltet zu werden. Die Besitzerin hatte Probleme, es rasch zu finden und zum Schweigen zu bringen…
     Ehrwürden sprach zum Abschluss mit allen gemeinsam das Vaterunser. Danach wendete er sich den nächsten Verwandten zu. Diese baten erst einmal zu Tisch.
      In dem Ablauf war zu Beginn etwas anders als vorgesehen passiert. Tochter Natascha bemerkte, dass vor das Bild der Verstorbenen weder das Gläschen Hochprozentiger noch der Teller mit einer Scheibe trockenes Brot platziert worden waren, was sie schleunigst nachholte. Der Priester bat seine Schwestern und Brüder anschließend, vor dem Mahl gemeinsam zu beten. Ich stand natürlich gemeinsam mit allen auf.
     Die Tafel war reichhaltig gedeckt – das Reis-Rosinen-Gericht „kolowo“, von dem drei Teelöffel voll zu Beginn des Schmauses gegessen wird, stand sichtbar bereit. Alle Trinksprüche galten der Verstorbenen. Ausgetrunken wurde, ohne vorher anzustoßen.

     Natürlich weiß ich, was sich gehört. Aber sowohl das „Ewiges Gedenken“ des Priesters – die Worte gehören zum kirchlichen Ritual – als ähnliches auch von Einzelnen der Gedenkgemeinde rufen bei mir eine gewisse Abneigung hervor. Natürlich ist es verlockend zu glauben, dass man dich „ewig“ im Gedächtnis behält. Nur frage ich mich, wie lange dann die Personen leben wollen, welche dieses Andenken bewahren könnten?
      Ja, Goethe und Einstein haben sich durch ihr Lebenswerk gesellschaftliche Anerkennung und Erinnerung geschaffen. In dieser modernen Welt bröckelt ihr Bild jedoch mit der Zeit auch in den gesellschaftlichen Schichten, welche von ihren Leistungen nicht berührt werden.
     So lächle ich in mich hinein. Über die so geäußerte  menschlichen Eitelkeit selbst im Angesicht der einmal alle erwartenden Vergangenheit. 

Bleiben Sie recht gesund!

Ihr

Siegfried Newiger