Reise Teil 3

                               Sie begann mit der Rückkehr aus Oberbayern nach Berlin – erneut über einige Brücken mit darunter deutlichem Überflusswasser. Unterwegs fielen plötzlich auch noch alle Anzeigeinstrumente aus, so dass die Fahrt nach dem Prinzip nach Sicht „so schnell wie der Nebenmann“ fortgesetzt wurde. In der Stadt wurden wir gut einquartiert und am nächsten Tag ging es zu einer Feier in den Spreewald. Zum 75. Geburtstag meiner Schwägerin.
                Dabei geschah ein Missgeschick. An einer Tankstelle, wo wir uns auch umgezogen haben, machte wegen einer nicht besonders taktvollen Bemerkung von mir Natascha die Heckklappe etwas impulsiver zu. Das darauf folgende Geräusch ließ uns erstarren. Unser Geschenk, der von einer lieben Freundin angefertigte Mohnblütenstrauß in Seidenstickerei, war hinüber. Rund 1700 km Transport hatte es überstanden. Die „liebevollen“ Bemerkungen meiner Angetrauten lasse ich aus. Eher berichtenswert halte ich die Idee von Pavel, an einem Sonntagmittag in Deutschland eine größere Menge Sekundenkleber zu beschaffen, um etwas zu retten. Nur war das erstens zwecklos – Woher nehmen? – und zum anderen sinnlos, wie die Besichtigung ergab. Die Jubilarin nahm es von der spaßigen Seite.

                Die Erledigung einiger erforderlicher Dinge am nächsten Dienstag in Berlin wurde durch den amerikanischen Präsidenten behindert. Einerseits brachte sein Besuch die Anlieferzeiten eines Unternehmens durcheinander, so dass ich eine bestellte Ware nicht bekommen konnte. Zum anderen standen wir deshalb am Abend nur etwa 30 Minuten vor einer Straßenkreuzung, welche seine Eskorte mit ihm passieren musste. Meine Ukrainer fanden den Zeitverlust sehr geringfügig im Vergleich mit den Behinderungen, welche Sicherungsmaßnahmen bei Staatsbesuchen in Kiew hervorbringen.

                Die Ware aus dem Bereich Gesundheit war bereits bezahlt – wir aber mussten zurück in die Ukraine. Das von  mir schon oft zitierte „Freundschaftsprinzip“ half wieder. Svetlana bat eine ihrer slawischen Freundinnen, wir brachten dieser die Quittung – die Elastikhose wurde nach deren Eintreffen abgeholt und aufbewahrt. Bis zum dem Tag, wo sie an den Empfänger würde übergeben werden.

                Als wir bei der Rückfahrt die polnische Grenze überfahren hatten und kurzzeitig über Kopfsteinpflaster rollten, wirkte das sowjetische Reparaturprinzip für Fernsehgeräte: bei Ausfall des Bildes wurde ehemals heftig mit der Faust auf das Gehäuse geschlagen – dann war meistens das Bild wieder da. Unsere Instrumente zeigten wieder an – bis nach Hause.

                An der polnisch-ukrainischen Grenze wollte meine Gute nicht warten – wir waren müde. Also ordnete sie unser Auto mit ukrainischem Kennzeichen dort ein, wo wenige Fahrzeuge aus der EU standen und zeigte bei der erstaunt-kritischen Kontrolle zuerst meinen deutschen Reisepass. Der Trick klappte. Wir gewannen etwa eineinhalb Stunden bei der Abfertigung.
                Die Übernachtung in Kovel, die Reise über Kiew nach B. Z. – nichts besonders Aufregendes. Das kam zwei Tage später.

Bleiben Sie recht gesund!

Ihr

Siegfried Newiger






Reise Teil 2

Hier schreibe ich über den besonderen Eindruck eines Morgenspaziergangs bei gutem Wetter in dem oberbayrischen Dorf, wohin es unsere Tochter verschlagen hat. 
Das erste: obwohl hier mehr als 6000 Menschen leben, ist es üblich, den Spaziergänger höflich zu grüßen. Das ist angenehm, heimelig. Für jeden, der die Unpersönlichkeit der Großstadt als eine Art psychologischer Leere empfindet.
Besonders angenehm waren für mich als etwas der Natur verhaftete Person die vielen großen Bäume, welche in und neben den meist aufgeräumten Höfen vorhanden sind. Darunter viele Nadelbäume, aber auch Laubbäume mit rotbraunen Blättern, sehr dekorativ in ihre Umgebung von unterschiedlich getönten grünen Bäumen und Sträuchern.
Wie wir manchmal eigenartig reagieren, wenn wir etwas Bestimmtes erwarten: unter einer Klingel neben der Haustür das Wort „Männer“. Sofort suchte ich die zweite Klingel für die Frauen, bis es bei mir dämmerte, dass die Familie sicher MÄNNER heißt.
Dann kam ich – etwa 150 m entfernt von allen Anwesen – auf einem Feldweg an etwas dort doch sehr Merkwürdiges: ein Hundeklo. Mit einem putzigen Spruch: „Damit die Umwelt schmuck und rein, tu den Hundekot hier rein.“ Im Oberteil – von Vögeln reich beschissen – der Behälter mit den Beuteln, darunter etwas weniger verunreinigt der eigentliche Kasten. Für mich war das alles wirtschaftlich nicht nachvollziehbar – lasst doch die Hunde sich dort ausmisten… oder geht das um den Gewöhnungseffekt bei Frauchen/Herrchen?
Bevor ich in den gut bewirtschafteten und doch recht alten Mischwald kam – wieder eine Besonderheit. Ein Gehege mit afrikanischen Schafen und einem Ziegenbock aus der Region. Ein junger braunroter Widder drängte sich regelrecht unter meine Hände, um gekrault zu werden – die anderen waren etwas zurückhaltender. Und drei Fotos – schon etwas älter. Mit Erläuterungen darunter zu Schafen und Ziegen – und dem Bild einer Schiege, dem Bastard von einer Schafdame und dem Ziegenbock. Alle drei offensichtlich nicht mehr in der Herde. Zumindest konnte ich sie nicht erkennen. Im Internet fand ich später die Bestätigung, dass eine solche Kreuzung möglich ist.

Es gibt sie in unserer Umgebung, die besonderen Erlebnisse im großen ERLEBNIS LEBEN.

Bleiben Sie recht gesund!

Ihr


Siegfried Newiger 





Reise Teil 1

          Wir hatten alles gepackt und waren, um Strecke zu sparen, trotz Warnung den gewohnten Weg gefahren – eine sonst recht brauchbare Abkürzung. Allerdings hatte auf ihr der vergangene Winter solche Spuren hinterlassen, dass wir uns nach etwa zwei Stunden Slalom darüber ärgerten, nicht den weiteren Umweg über Kiew nach Warschau gewählt zu haben. Dafür entschädigte die neue Trasse – von der Oberfläche fast wie eine gute deutsche Autobahnstrecke. 
          Der Grenzübergang geschah rasch – wer aus der Gegend um Kiew kommt, selten durchreist und immer diesen Weg wählt, kommt bei normaler Belastung der Kontrollierenden recht zügig auf die andere, in diesem Fall polnische Seite. Auch dort wird man ein wenig wie ein Bekannter behandelt. Angenehm, es erspart viele der sonst üblichen Prozeduren. Die erforderlich sind, um Schmuggel einzudämmen. 
          Weil wir dieses Mal zuerst nach Bayern wollten, entwickelte sich die Diskussion um die günstigste Streckenführung. Ich hatte vorgearbeitet – das Blatt mit den im Internet ermittelten Orten lag vor. Allerdings führten die fleißigen polnischen Straßenbauer und der überkritische Stiefsohn meine Vorüberlegungen etwas in die Irre. Wir fanden den Kompromiss und ein preiswertes Nachtlager, obwohl die Angebote am Weg für deutsche Begriffe sowohl gut als auch ihr Geld wert waren. Aber eine sparsame Ukrainerin hat immer die Hoffnung, noch etwas besser hinzukommen – was auch klappte. 
          Am darauffolgenden Morgen kamen wir rechtzeitig auf den Weg, an eine Tankstelle mit dem preiswertesten Autogas der Reise und an ein Cafe, in dem außer den Getränken auch noch die typische schmackhafte Kuttel- oder Kaldaunensuppe verkauft wurde – Flaki (aus dem zotteligen Wänden des Labmagens von Rindern, dem Pansen). Hier höre ich regelrecht den Aufschrei: „Wie kann man so etwas essen!?“ 
          Das erinnert mich an die Brüder Humboldt, nach denen die bekannte Berliner Universität benannt ist. Auf ihren Reisen durch Mexiko kamen sie auch einst zu einem Stamm im Urwald, welcher seinen Gästen geröstete Engerlinge (große weiße Maden) anbot. Die Humbolt´s aßen – ihre Begleitung hielt sich zurück. Auf die Frage nach dem Grund dieser Handlung soll einer der Brüder sinngemäß so geantwortet haben. „Die Leute leben unter anderem davon. Wenn sie das ihren Gästen anbieten, dann mit offenen Händen und Herzen. Wir nehmen das dankbar an. Dieses tierische Eiweiß schmeckt nach gerösteten Nüssen.“ 
          Auch deshalb genießen diese Forscher in Mexiko besondere Anerkennung. Beide verhielten sich wie echte Wissenschaftler, interessiert an allem Neuen – nach einem Wort von Aristoteles (vor etwa 2200 Jahren formuliert) – „Der Beginn aller Wissenschaften ist das Erstaunen, dass die Dinge sind, wie sie sind.“ Also ganz im Gegensatz zu vielen Deutschen und Ukrainern – für erstere ist die Bockwurst und für die anderen der Borscht der Inbegriff für etwas ohne Vorurteil Essbares. Jedoch: nur wer im positiven Sinne neugierig ist auf Neues, kann überall auf der Welt kulinarische Überraschungen erleben. Die Frage ist: will sie/er das? 

          Als wir auf der kostenpflichtigen Autobahn an einem Rastplatz von einer schmucken Polin in Uniform herausgewinkt wurden, um Pässe und Führerschein zu kontrollieren, war genügend Zeit vergangen, um sich einen weiteren Kaffee (Tee) zu gönnen und auch den vorherigen herauszulassen. Wir – Natascha und ich – bemerkten, dass offensichtlich die Stichpunktkontrollen auf polnisches Territorium vorgezogen worden waren. Vergangenes Mal hatte man uns in der Nähe von Bautzen „geschnappt“, mit an die Talsperre zum gefahrlosen Halt zu fahren veranlasst und sich gewundert, dass ich in dieser schon vor mehr als 30 Jahren meinen bisher größten Hecht gefischt hatte – etwas über 6 kg schwer. 

          Unter den von uns befahrenen Flussbrücken sahen wir dieses Mal die sehr dunklen, schmutzigen Wassermassen und bekamen eine bei uns aufkeimende Ahnung von dem, was als vorerst größtes Jahrhunderthochwasser eingeschätzt wurde. 
          Die Klinik am Ostrand Münchens fanden wir dank Navigationshilfe „Mascha“ (unser Kosename) rasch und kamen auch zeitlich zurecht, unsere Tochter Svetlana noch vor der Nachtruhe zu besuchen, weil sie wegen einer kleinen Operation dort lag. 
          Zwei nicht besonders aufregende Tagereisen. 

Bleiben Sie recht gesund! 

Ihr 

Siegfried Newiger





Du brauchst...

          Wieder einmal war ich als Dolmetscher für ein mittelständisches deutsches Unternehmen nach Lugansk gebeten worden. Weil aber die Arbeitsgruppe vorwiegend handwerklich tätig war, musste der Maulwerker Dolmetscher gleichzeitig als Protokollant, Koordinator und Kaffeekoch wirken. 
          Das Kaffeewasser bereiteten die ukrainischen Maschinenarbeiter aus der Werkhalle auf - mit den unterschiedlichsten Wasserkesseln. Aber alle waren bereit, uns für den Muntermacher die kochende Flüssigkeit zu spendieren. An einer Stelle war das besonders nett. Wenn ich mich vorher informiert hatte, dass Wasser aufgesetzt worden war, brachte man mir das im  Kocher zu unserem Arbeits-Kaffeetisch. 
          Einmal riß ein Kollege in seinem Eifer seinen Kaffeebecher mit einem speziellen Emblem (vielleicht Fußball-EM vom vorigen Jahr) herunter. Ich versprach ihm einen neuen und habe mein Wort gehalten - was mit Achtung honoriert wurde. Keine besondere Ausgabe - aber Wort halten gilt etwas unter rauhen Männern...

          Am Sonntagabend (02. Juni 2013) hatten mich meine neuen Lugansker Freunde zum Schaschlik in ihrem Garten eingeladen. Xenia erzählte mir nach der Begrüßung sofort, dass ihre schmucke Rassekatze auf der soeben beendeten internationalen Rassekatzenausstellung drei Preise gewonnen habe - ein Grund zum Feiern. Von den anderen Gästen, einem Tierarztehepaar, erfuhr ich einige interessante Sachen aus dem Leben der Haustiere und ihrer Heiler. Der Abend war schmackhaft und interessant.

          Am darauf folgenden Mittwoch gab gegen Mittag mein Laptop scheinbar seinen Geist auf. Sein Bildschirm wurde schwarz und blieb das trotz aller Bemühungen. 
          Von meinen armenischen Bekannten, welche mir schon einmal bei Winterkapriolen geholfen hatten, bekam nach Anruf eine Adresse, die Telefonnummer dazu. Allerdings war der Meister nicht da, sondern bei einem Kunden. 
          Also rief ich bei Xenia an - der Sohn der Familie hat eine mit PC-Einsatz verbundene Arbeit. Sie rief nicht zurück, sondern ihr Mann Wadim. Der hatte uns schon bei einem ihm bekannten PC-Spezialisten angemeldet. Er kam mit seinem Auto, holte mich am Werk ab. 
          Hier lasse ich einiges aus. Nur: lassen Sie ihren Laptop möglichst einmal im halben Jahr durchsehen - so wie regelmäßiger Ölwechsel am Auto. nach etwa 20 Minuten hatte ich mein Prachtstück funktionstüchtig wieder. Ohne einen Cent zu bezahlen.

          Wie heißt es bei den Slawen: "Du brauchst keine 100 Rubel, wenn du 100 Freunde hast!" Hat sich bei mir nicht das erste Mal bewahrheitet. Mit echten Freunden.

Bleiben Sie recht gesund!

Ihr

Siegfried Newiger





          

Alle Vögel...

          Die Überschrift geht im Volkslied ja weiter: "Alle Vögel sind schon da, ... Amsel, Drossel, Fink und Star ...". Heute habe ich den ersten Kuckucksruf in diesem Jahr gehört und die für den endgültig beginnenden Frühling charakteristischen kleinen Gruppen von Staren beim Würmersuchen auf der Wiese gesehen. Dazu die zunehmend lauter werdenden Rufe der sich gegenseitig in Hochzeitslaune bringenden Froschmänner, die Wellen der sich auf die Laichperiode zu bewegenden kleinen Fische an der Oberfläche des Flusses - hier werchowodki genannt - und die mit ihnen um die darüber flirrenden Insekten konkurrierenden tieffliegenden Schwalben. Dazu die in diesem Jahr nach dem anhaltenden Winter scheinbar besonders wärmende Sonne - ein Spaziergang fast ideal.
         
          Weg sind wieder unsere Gäste aus Rostock. Die Schüler aus beiden Schulen hatten sich am letzten Tag ohne die nicht selten störenden Erwachsenen am Flussufer zusammengefunden, um ihren Abschied zu begehen. Ich durfte wieder den Dolmetscher zwischen dem ukrainischen Gastgeber Alexander und dem deutschen Gast Jens abgeben. Wir spazierten gemeinsam durch den Park "Alexandria" in Belaja Zerkow, einer der bedeutendsten in Osteuropa. Es ist ein Park, der nicht künstlich angelegt wurde, sondern der nach dem Plan eines französischen Gartenarchitekten "aus der Landschaft herausgearbeitet" wurde. Das Terrain wurde maßgeblich vom deutschen Gartenarchitekten August Jens mit gestaltet, der im Dienst der Fürsten Branitzki hier volle 54 Jahre tätig war. Zu seinem 50. Dienstjubiläum wurde im Park ihm zu Ehren eine Bronzesäule errichtet. Sie ist hier als Bild eingefügt - auch mit einer Aufschrift im Sockel. Dass es sich um eine metallische Säule handelt, beweisen die aus dem 2. Weltkrieg übrig gebliebenen Einschusslöcher im Textbereich.



          Der Jens aus Rostock war etwas erstaunt - wegen des Familiennamens und der deutschen Inschrift. Aber auch Alexander kannte diese Säule in ihrer Bedeutung noch nicht. Er drückte seine Achtung vor meiner Beobachtungsgabe etwas originell aus: die deutsche Aufklärung hätte wieder einmal exakt gearbeitet - was ich zurückweisen musste.
          Wir beendete die drei Stunden Spaziergang durch den weiträumigen Park mit der Fahrt in eine nahe gelegene gute Pizzeria. Der Nacchmittag hatte Appetit und Durst gebracht. Dort am Tisch hatten wir Zeit, einige Worte zum Aufenthalt des erwachsenen Rostockers hier zu wechseln. Jens hatte viel Neues und Interessantes gesehen und gehört. Besonders ist ihm das ukrainische Straßennetz in Erinnerung geblieben und die Meisterschaft, mit welcher die ukrainischen Kraftfahrer den Weg durch fast unwegsames Gelände finden. Aber auch, wie sie sich gegenseitig vor Gefahrenstellen warnen. Wie im hierunter zu sehenden Bild.


          Das sind aber nicht die bestimmenden Eindrücke. Was sich nicht in Bildern, sondern nur in Worten ausdrücken lässt: die herzerwärmende Gastfreundlichkeit der Ukrainer, ihre Aufgeschlossenheit gegenüber den ausländisch motivierten Fragen und Ansichten. Alles in Allem - ein riesengroßer Dank an den Alexander und auch an seinen Dolmetscher.
          Was beide freute.
          Trotz des für mich unvermeidlichen Abschieds.

Bleiben Sie recht gesund!

Ihr

Siegfried Newiger






Maifeier nach Hochzeit


                Noch in Lugansk, bekam ich den Anruf eines unserer Freunde. Erfolgreich als Geschäftsmann, Witwer, wegen eigenwilliger Wahlkriterien für eine würdige Nachfolgerin schon lange alleinerziehender Vater. Er war in das Programm der Schule seiner Tochter „Schüleraustausch mit Partnerschulen“ einbezogen worden, hatte freiwillig sowohl Tochter als auch deren Vater aus Rostock bei sich aufgenommen. Ein wenig half der in Kiew wohnende Sohn bei seinen Besuchen daheim mit Englisch aus, der Rest wurde zeitweilig mehr schlecht denn recht über die Google-Übersetzerfunktion gemanagt. Ob ich bereit wäre, nach Rückkehr freiwillig zeitweilig mit in die Familie als eine Art Großvater mit Dolmetscherfunktion eingegliedert zu werden? Ich war es.

                Heimgekommen am 29. April, überraschte mich meine Frau abends mit der Bemerkung: „Wir gehen morgen zur Hochzeit!“ Ich überschlug die Liste möglicher Kandidaten, kam aber zu keinem Ergebnis. Der Grund war einfach: die zusammen in ihrem Häuschen im Nachbardorf lebenden Valentina und Vitalij wollten sich wieder offiziell „zusammenschreiben“ lassen. Sie hatten sich vor langer Zeit scheiden lassen, um beim geplanten Abriss eines Häuserviertels in einem anderen zwei Wohnungen zu bekommen. Da Mutter zielbewusst den Sohn zu sich nahm und Vater die Tochter, standen laut Gesetz jedem eine Zweizimmerwohnung zu – wegen der andersgeschlechtlichen Kinder bei ihnen. Das war unter den hiesigen Wohnungsproblemen die gesuchte Ausnahme. Sie bekamen das Angestrebte, hatten später für die erwachsenen Kinder mit deren Familien sofort Wohnraum und zogen in das geerbte Haus im Dorf.
                Sie waren damals nicht die einzigen, welche mit diesem Trick ihre Wohnraumsituation drastisch verbesserten. Wir wissen allerdings von anderen „Tricksern“ auch, dass sich deren Wege anschließend wirklich trennten. Nun reiften bei unseren Beiden Entscheidungen zu möglichen Erbfolgen heran – als offiziell verheiratetes Paar erledigt man die finanziell günstiger. Also der unerwartete Entschluss. Meine Natascha hatte von dem Wind bekommen. So waren wir die Überraschungszeugen und Gäste der „Jungvermählten“. Nachdem eine Schreibkraft die Ausweise mit den erforderlichen Vermerken und Stempeln versehen hatte, wurde in einem kleinen, recht geschmackvoll dekorierten Raum durch eine Standesbeamtin das juristische Zeremoniell vollzogen. Die offizielle Registrierung der Ehe, der gemeinsame – nie geänderte Familienname – und einige nette, passende Worte für den gemeinsamen Lebensweg.  
Die Überraschung beim bescheidenen, für die unerwarteten Gäste improvisierten Festmahl war mein Ruf nach dem ersten auf die Eheleute ausgetrunkenen Wodka „Der ist aber bitter!“. Mit diesen Worten werden bei den lärmenden Hochzeiten junger Leute jene aufgefordert, einander zu küssen. Meine diesmal verdutzte Frau begriff rascher als das Paar und sagte mit angewidertem Gesicht – obwohl sie als Chauffeur nur Saft trank: „Der ist ja auch bitter!“ Die beiden lachten und küssten einander.
                Abends fuhren wir noch zu Alexander, um uns mit seinen Gästen bekannt zu machen und das Programm der Folgetage abzustimmen. Bei ihnen war eine gewisse Erleichterung deutlich zu spüren – sich rascher und deutlicher verständigen zu können.

                Am Folgetag der 1. Mai. Die Option: den Gästen den Basar zu zeigen und einen Spaziergang in unserem Wohngebiet mit ihnen zu unternehmen. Um mit den unterschiedlichen Lebensbedingungen etwas näher bekannt zu machen. Auf dem Weg in unsere Wohnung, um dort ein wenig Kaffee oder Tee zu trinken, bis Alexander (Sascha) uns abholte, trafen wir eine Blumenverkäuferin vom Markt, die uns dort schon auf Deutsch begrüßt hatte. Sie reichte mir impulsiv einen Strauß roter Tulpen. Ich solle die meiner Frau zum Feiertag von ihr schenken. Unsere Gäste waren verwundert. Wie auch schon vorher auf dem Basar wegen meines deutlich freundschaftlichen Verhältnisses zu vielen der Verkäuferinnen und deren männlichen Gehilfen.
                Sascha war 24 km weit gefahren, um für das Grillen an frischer Luft seinen Gästen etwas Besonderes zu bieten: Flusskrebse, die allerdings gekocht wurden. Für beide eine echte Neuheit. Aber auch die gesamte Atmosphäre eines chaotischen Volksfestes am Flussufer. Weil der Bereich, in dem wir weniger Leute zu treffen hofften, nur nach Zahlung einer Maut für den PKW zu erreichen war (so versucht die Verwaltung des Parkgeländes die Einnahmen aufzubessern), waren wir guter Hoffnung. Die wurde zerstört. Weil viele andere ebenfalls auf diese Idee gekommen waren. Überall Jubel, Trubel, Heiterkeit. Ich hatte unseren Gästen viel zu erklären, wir aßen Krebse und tranken Bier dazu, später Schaschlik mit Wodkazugabe. Für die Dolmetscherleistung durfte ich mir Lob aller Seiten spenden lassen. Müde, mit heiserer Stimme und leichter Schlagseite wurde ich gegen 20 Uhr daheim abgeliefert.

Bleiben Sie recht gesund!

Ihr

Siegfried  Newiger
               
               
                 

Wieder Abenteuer


                Die Abenteuer kündigten sich am Freitagabend  an. Man hatte mir die Hotelrechnung präsentiert – ich musste Geld aus dem Automaten holen. Der im Hotel nur für Kreditkarten. Also zur nächsten Bank mit intaktem Geldspender. Dort eine neue Entdeckung. Die benötigten 4000 Hrywna konnte ich nicht in einem Gang bekommen. Nur 2000. Während ich überlegte, kam eine junge Frau, die mir vormachte, wie es geht. Eben noch einmal Karte einführen – und alles. So erarbeitet die Bank an den zwei Operationen!
              Allerdings bekam ich die Summe teilweise in 50-Hrywna-Noten, zum größten Teil auch noch in solchen zu 20 Hrywna. Damit eine große Rechnung bezahlen – eher Arbeit denn Vergnügen. Noch mit Geldkarte nicht möglich.

                Der  Sonnabend hatte es in sich. Ich konnte erneut sehen, wie meine Kollegen hervorragendes  Fachwissen, Intuition und Fantasie in die metallische Konstruktion einbrachten. Was nicht immer zu Verfügung stand, wurde mit Hilfsmitteln aus Vorzeiten erfolgreich ersetzt. Wir waren am Abend gegen 20.30 Uhr erschöpft, aber sehr zufrieden mit den Ergebnissen. Der Leiter des Unternehmens hatte selbst die Ergebnisse eingeschätzt und sich bei uns bedankt, dann das Taxi bestellt.
                Da fiel meinem älteren Kollegen plötzlich noch etwas ein. Also zurück an die Technik. Der technisch hoch gebildete Firmenchef und auch gut Deutsch sprechend erfasste die momentale Eingebung unseres Horst nach einigen Worten. Er wies sofort an, diese Variante gleich am Montag  auszuprobieren und bei Erfolg weiter in der Produktion anzuwenden.
                Wir verabschiedeten uns herzlich. Horst war rasch noch nach Zigaretten gegangen und klopfte anschließend bei mir an. In er Aufregung hatte er seine Tasche mit Werkzeug an eine andere Stelle gestellt und – vergessen. Weil alle körperlich auch hart gearbeitet hatten, also unter die Dusche mussten, ich mit vielem hier besser zurechtkomme, rief ich den Direktor an. Er gab dem Betriebsschutz Anweisungen. Ich fuhr per Taxi ins Werk, bekam nach einigen Minuten – die Schlüssel passten nicht zum nahen Hallentor – die Tasche und fuhr zurück. Der Fahrer war es zufrieden – auch über das Trinkgeld.

                Wir aßen zu Abend und verabschiedeten uns herzlich voneinander. Sie mussten ganz früh am Morgen nach Donezk zum Flughafen, von dort über Kiew nach Berlin fliegen. Ich ging nach dem Duschen sofort schlafen. Wollte etwas länger ruhen. Aber denkste! Um 04.20 Uhr lautes Klopfen an der Tür. „Wir brauchen deine Hilfe! Schon 20 Minuten warten wir – aber das versprochene Firmenfahrzeug ist nicht da!“
                Da war ich sofort hellwach und fast wie ein Blitz vor der Tür. Rief den Direktor an – er versprach Hilfe. „Der Fahrer hat verschlafen, kommt in 10 Minuten. Die Kollegen kommen zur Zeit nach Donezk!“ Das geschah auch. Aber meine Ruhe war hin.
                Meine Abreise um 17.22 Uhr per Eisenbahn, Ankunft gegen 8 Uhr in Kiew.
                Also noch ein wenig durch Lugansk spazieren.

Bleiben Sie recht gesund!

Ihr

Siegfried Newiger





Gewissen?


Wenn von einer genaueren Konstruktionszeichnung ein wesentlicher technologischer Prozess abhängt, beschafft man sich die heute über das Internet. Vor allem dann, wenn von der einwandfreien Funktion der einzurichtenden Maschine die Produktion eines ganzen Werkteils abhängig ist. Das Vertrauen auf das Internet hat – meist unbeachtet – zwei Folgeerscheinungen als Ergebnis.
Die erste: vor einem Einsatz von Auslandsmonteuren in fernen Ländern lässt nicht selten beim Entsender die Aufmerksamkeit in der Vorbereitung nach. Sollte von dem „Papierzeug“ etwas vergessen sein – Google wird das schon richten.
Die zweite: hat mich gestern vor Schreiben dieses Post`s erwischt. Mein Laptop meldete mir, dass ich nicht auf google.de zugreifen könne, weil laut Meldung ein Hacker versuchte, mich auf eine ähnliche Seite zu locken, um danach auf meinem Laptop etwas von ihm wichtiger Unordnung anzurichten.  Auch auf andere Webseiten konnte ich nicht zugreifen. Der Bursche saß fest vor meiner Tür.

Der Hacker ist gewissenlos. Auf meiner Website und in meinem Laptop sind nur harmlose Informationen zu erbeuten. An der Konstruktionszeichnung aber hing der Verdienst vieler Leute, welche die gewisse Summe Hrywna bei Ausfall der Technik nur schwer verschmerzen können. Hier ist das Sprichwort berechtigt: „Den Löffel braucht man besonders zum Mittagessen.“
Wir haben uns beholfen. Mit einer e-mail-Verbindung über einen fremden Computer. Haben die Zeichnung rechtzeitig bekommen, damit die Technik am Montag voll da ist. Nur: was geschieht, wenn eine solche gewissenlose Ratte die Verbindung in einem lebenswichtigen Prozess unterbricht – z. B. in einer fachärztlichen Konsultation bei einer Operation, von der ein Menschenleben, vielleicht gar ein Kinderschicksal abhängt?

Das ist für mich eine prinzipielle Frage.
Damit will ich keinem „Überwachungsstaat“ die Wege öffnen. Die jener sich selbst sucht und freiräumt, wenn das die Entscheidungsträger wollen. Sondern ich werfe die Frage ethischer Erziehung in einem besonderen Bereich auf. Die vielseitig ist – vom „Das macht man nicht!“ als Belehrung durch die Eltern über „Ich tue so etwas nicht!“ mit persönlichem Beispiel zum „Das sollte auf dich zurückschlagen!“ als Warnung.
Die Rolle der Massenmedien werde ich hier nicht diskutieren. Ich bin mir sicher, dass die Fantasie nicht weniger Drehbuch- und anderer Autoren den raffiniertesten Verbrechern und einigen gewitzten Anleitungen zum Handeln direkt zugeliefert hat. Beispiele großer Raubüberfälle nach Kinoscenarien sind bekannt, andere, kleinere auch.

Noch eine andere Variante staatlicher Kontrolle habe ich heute erlebt. Allerdings mit positivem Vordergrund. Um für die Rückreise nach Kiew eine Fahrkarte zu bekommen, ließ ich mich zum Bahnhof bringen. Dort fiel mir auf, dass die anderen potentiellen Reisenden ihre Ausweise durch das Schalterfenster reichten. Da erschrak ich ein wenig. Meine Frau hatte mir das von dem Kauf der Karte für mich schon berichtet. Wie sie nur durch Beziehungen davor bewahrt wurde, nach Hause kommen zu müssen. Ich hatte zwei Varianten offen: ins Hotel fahren, um den Pass zu holen – oder auf liebenswürdige Frechheit zu vertrauen. Entschied mich aus Zeit- und Kostengründen für die zweite Möglichkeit.
„Ich habe ein Problem und bitte sie um Hilfe. Weil ich Deutscher bin und ihre Gewohnheiten hier nicht kenne, habe ich nur meine EC-Karte mit meinem Namen bei mir. Würden sie mir dennoch eine Fahrkarte verkaufen?“ Die Dame lächelte und nahm die Geldkarte. Auf dem seitlich angebrachten Tableau tauchten langsam die ihr ungewohnten lateinischen Buchstabenfolgen meiner Vor- und Familiennamen auf. Nach deren Prüfung durch mich und der Bezahlung bekam ich Fahr- und Geldkarte ausgehändigt. Erneut mit freundlichem Lächeln – für das ich mich bedankte.

Meinen Kollegen konnte ich erneut ein Beispiel ukrainischer Gastfreundschaft in anderer Form erzählen.

BlleibenSie recht gesund!

Ihr

Siegfried Newiger





Investition in Freundlichkeit


             Am Vorabend hatte ich erfahren, dass die Eigentümerin des kleinen, aber feinen Hotels am gestrigen Tag Geburtstag hatte. Wir beschlossen, uns wie Kavaliere zu verhalten und ihr mit einem Blumenstrauß in den Händen zu gratulieren. Will ich den Erfolg dieser Investition beschreiben, nenne ich hier den Preis für die ganz in der Nähe erworbenen Blumen: etwa 10 € oder 100 Hrywna, die Landeswährung.
             Wir kamen – noch arbeitsmäßig gekleidet, die Kollegen im Blaumann, von ihrer energischen Tochter geleitet sofort vor die Jubilarin. Die versammelte Gesellschaft erstarrte regelrecht – wir waren ja unbekannt. Wegen meines leichten Akzents bei den Glückwünschen hielt man mich für einen Jugoslawen – wie ich später erfuhr. Der öffentliche Abschluss der Zeremonie – drei Küsschen des Geburtstagskindes auf jeden von uns und die Einladung zum Abendessen im nebenan gelegenen Restaurant mit allem, was die Tafel hergab. Zu deutsch: auf Kosten des Hauses.
                                                                                                                                                                                                                    
Weil unsere Kollegen den ganzen Tag körperlich angestrengt gearbeitet hatten, erbaten wir uns Zeit für das Duschen und Umziehen. Anschließend nahmen wir an den für uns gedeckten kleinen Tisch Platz. Sofort eilte ein Kellner herbei, unsere Gläschen mit Wodka zu füllen. Da wir im Sichtbereich der Hausherrin saßen, erhoben wir uns und tranken ihr zu sowie aus – noch ohne etwas gegessen zu haben. Der Effekt leichter sofortiger Benommenheit sollte dem Leser bekannt sein. Wenn sie/er nicht Antialkoholiker ist.
In der Mitte des Tisches prangten drei Weißbrotscheiben mit rotem Kaviar, ansonsten waren unterschiedliche Fleisch- und Wurstwaren auf einem großen Teller mit Garnierung angerichtet, ebenso einer dieser Größe mit Radieschen, Cherrytomaten, allerlei Kräutern nach ukrainischer Manier und bunter geschnittener Paprika. Dazu Teller mit Besteck und Gläschen sowie Gläser für Getränke. Dazu der Brotkorb mit leckerem Schwarz- und Weißbrot.
Während wir aßen, bekamen wir an unserem Tisch Besuch anderer Gäste, welche sich davon überzeugen wollten, ob wir wirklich Deutsche sind oder mit uns einfach nur auf die Gesundheit der Dame des Hauses anzustoßen.  
Der Abend verging wie im Fluge – für meine Kollegen besonders interessant, weil sie mit dem Brauchtum nicht so vertraut sind. Als gegen 23 Uhr unser Kollege Elektroniker ankam – er war nach Donezk geflogen und von dort geholt worden – fand sich für ihn auch nicht nur ein Platz an unserem Tisch, sondern auch noch genug nett Serviertes gegen seinen Hunger und Durst.

Wenn wir den Abend rein rechnerisch sehen – für die Investition von 100 Hrywna hatte wir zu viert mindestens für 1000 Hrywna gegessen und getrunken. Also betriebswirtschaftlich ungeheuer profitabel.
Aber meine Kollegen haben mit mir einen anderen Ansatz diskutiert. Nämlich die Merkmale und aus denen folgende Ergebnisse von nachbarlich-freundschaftlichem Umgang miteinander, Höflichkeit, Aufmerksamkeit und ungeahnter ukrainischer Gastlichkeit, besser als Gastfreundschaft zu bezeichnen. Sie sagten mir, dass dieser Abend für sie lange in Erinnerung bleiben würde.
Mir blieb nur hinzuzufügen, weshalb nach Auffassung eines Kenners der slawischen Gebräuche, meines Freundes Viktor Wassiljewitsch, die Gastfreundschaft bei ihnen so entwickelt ist. Seit Urzeiten waren die Slawen in erster Linie Hirtenvölker. Neuigkeiten für sie brachten die seltenen Gäste. Deshalb wurde alles unternommen, diese Ankömmlinge gesprächig zu machen und lange bei sich zu behalten. Genial einfach als Taktik und als Argument.

Bleiben Sie recht gesund!

Ihr

Siegfried Newiger




                                                                                                                                                                                                               

Sterbeexperte???


                Folgenden e-mail fand ich gestern in meinem Postkasten. Ich zitiere das Wesentlichste.

Liebe/r SNewiger,
Du hast schon über 10 Antworten zum Thema

·         Sterben

gegeben. Toll, anscheinend kennst Du Dich hier wirklich gut aus. Zeige der Community doch, dass Du Dich dafür interessierst, indem Du gleich dieses Expertenthema in dein Profil einträgst.
Du findest dann Fragen zu deinen Expertenthemen in deiner „Gute Fragen“-Box auf der Startseite, außerdem kannst Du die regelmäßige Expertenbenachrichtigung mit aktuellen Fragen und Tipps bestellen.
……

Wir freuen uns auf weitere Beiträge von Dir
Dein gutefrage.net-Team

                Da ich noch nicht ein einziges Mal gestorben bin, werde ich mich bei Lebzeiten mangels eigener praktischer Erfahrung mit einem solchen Expertenstatus nicht abfinden. Meine Antworten (es sind bisher rund 460 auf gutefrage.net) haben zum genannten Thema etwas anderes beigetragen.
Es ging mir immer darum, das Verständnis für einen unwiderruflichen Abschied als Teil menschlichen Lebens zu vertiefen, das damit verbundene seelische Leid zu lindern, die Bereitschaft zum bewussten und aktiven Weiterleben bei Hinterbliebenen zu stärken und vor allem jene psychologisch zu stützen, welche den Sinn eigenen Lebens noch nicht erkannt haben. Von dessen Einmaligkeit und Schönheit noch zu wenig verstehen, zu unerfahren sind.

Deshalb wäre ich bereit, einen Experten für Leben abzugeben. Zumal ich auf meiner Website reich-weil-gesund.com gesunde Lebensweise als solche propagiere.

Meine Beiträge schreibe ich immer dann, wenn ich aus der gestellten Frage annehmen kann, dass mein Rat aus meinen technischen Kenntnissen, meiner pädagogisch-psychologischen Ausbildung und meiner Lebenserfahrung wirklich von jemandem gebraucht wird. Also in erster Linie nicht, um jemanden zu erfreuen – wenn ich ein Kompliment oder die Auszeichnung mit „Hilfreichste Antwort“ bekomme, hat sich der Schreibaufwand natürlich besonders gelohnt.

                Vom gutefrage.net-Team erwarte ich im Weiteren, dass es die eigenen Fragen und auch Antworten auf der Plattform etwas sorgfältiger bedenkt und formuliert. Also auch darauf achtet, automatisch generierte Fragen/Antworten für Bereiche auszuschließen, in welchen diese nicht sehr sinnvoll sind.

Bleiben Sie recht gesund!

Ihr

Siegfried Newiger






Sonntagsvergnügen...


                Wir hatten am Sonntag 6 Stunden gearbeitet, weil wir auch etwas Sehnsucht nach daheim haben. Anschließend gab es die Möglichkeit, einige Gespräche zu führen. Mit Einheimischen, versteht sich. Die Informationen waren für beide Seiten von Interesse.
                In der Ukraine hält sich bei vielen Bürgern die Meinung, dass die Bundesrepublik ein Land ist, in welchem Milch und Honig den Leuten in den Mund fließen. Das hat natürlich einige Gründe. Zum einen die Selbstdarstellung unseres Vaterlandes in Medien und Broschüren – sie ist logischer Weise nicht darauf gerichtet, die Schmutzwäsche öffentlich vorzuzeigen. Dann gibt es nicht wenige Auswanderer aus der Ukraine, welche mittels geschickter Nutzung gesetzlicher Freiräume ins deutsche Land gekommen sind. Einige darunter haben Arbeit, verdienen so viel Geld, dass sie auch bescheiden davon leben können – andere führen mit der ihnen zugesprochenen Sozialhilfe ein in ihren Augen auskömmliches Leben. Mit etwas Fantasie haben beide Gruppen Zusatzeinkünfte, die nach einiger Zeit für ein preiswertes Auto aus zweiter Hand reichen. Das wegen der benutzten Straßen und der sorgsamen Pflege im zehnten Jahr noch fast fabrikneu aussieht. Wenn diese Personen in der Ukraine auftauchen, stellen sie ihre neue Heimat natürlich auch im günstigsten Licht und sich vor allem gegenüber Fremden als besonders erfolgreich dar. Anschließend gibt das „Radio Sarafan“ diese Story weiter – in Deutschland würde man etwa sagen, dass sie sich wie ein Lauffeuer verbreitet.  
               
                Wir hatten uns mit dem Gesprächspartner darauf geeinigt, dass wir alle so offen wie möglich die Fragen der anderen Seite beantworten.
                Als unserem Partner bewusst wurde, dass der Höhe der Einkünfte auch eine entsprechende Summe an Ausgaben gegenübersteht, war das eine Art „erster Schock“. Denn in den Haushalten meiner deutschen Kollegen werden mehr als 50 % der Einkünfte als Ausgaben für das Wohnen (Miete, Elektroenergie) aufgewendet. Der Preis für einen Herrenhaarschnitt in der Ukraine (1,80-2,20 €) fällt gegen den in Deutschland (12-16 €) deutlich ab – und das Geld für ein Weißbrot in Deutschland reicht  hier, um 9-10 davon zu kaufen. Andererseits sind die Preise für Rind- und Schweinefleisch vor Ort nur wenig geringer als in der Bundesrepublik.
                Wir kamen in dem Zusammenhang dann auf die sehr unterschiedliche Bezahlung in deutschen vergleichbaren Unternehmen der Metallbranche bzw. Autoindustrie zu sprechen, auch auf die miserable Entlohnung für Pflegekräfte und medizinisches Personal im Vergleich mit Schönheitschirurgen... Allerdings waren meine Kollegen doch erschrocken darüber, dass eine junge Ärztin in der Ukraine, genauer in der Region Lugansk im Monat umgerechnet etwa 120 € verdient – ein Maschinenarbeiter fast das Doppelte bis Dreifache, sein Meister etwa das Vierfache vom genannten Arztgehalt. Diese sozialen Gefälle sind noch typisch für die Ukraine. Nur stellt sich hier die Frage: wieviel ist der Erhalt eines einzelnen Menschenlebens, der gesamten nationalen Gesundheit den Entscheidungsträgern wert?

                In der Unterhaltung war ich nicht nur Dolmetscher, sondern mehr Moderator. Meine 18 Jahre hier im Lande halfen mir, Wogen zu glätten und die Diskussion wieder ins Sachliche überzuleiten. Mein Hinweis auf die bescheidenen Löhne der Kellnerinnen, die uns immer angenehm, nicht aufgesetzt lächelnd bedienten, löste an diesem Nachmittag eine besondere Großzügigkeit bei Trinkgeldgeben aus.

                Im Restaurant hatten wir noch ein besonderes Erlebnis. Ein etwa fünfjähriger, schlecht erzogener Junge kletterte in Nähe seines Vaters auf den Tresen und kroch auf allen Vieren diesen entlang. Weil ich grundsätzlich etwas gegen solche Auswüchse habe, stand ich auf, griff mir den Bengel und hob ihn hoch, stellte ihn anschließend auf den Fußboden – mit einigen Bemerkungen. Hätte ihn die etwa 15 Jahre alte Tochter nicht gebremst, wäre mir der stark angesäuselte Papa beinahe an die Gurgel gesprungen. Bis ihn seine energische Frau auf den Weg zum Taxi bugsiert hatte, wollte er immer wieder in Richtung auf unseren Tisch los – nur von Töchterlein gebremst. Das Söhnchen hatte sich hinter ihm versteckt. Ich befürchte, dass Vater und Sohn noch vom Schicksal ihre Prügel bekommen…
  
Bleiben Sie recht gesund!

Ihr

Siegfried Newiger





Sprachabenteuer


                Unter den Piloten werden die als die besten Liebhaber bezeichnet, welche Hubschrauber fliegen. Dafür gibt es eine für viele Leute erstaunliche Erklärung. Diese Flugmaschinen lassen sich bei Start und Landung viel schwieriger steuern als Flugzeuge. Der Grund: es stört die Erde. Denn die von der Tragschraube nach unten gedrückte Luft trifft auf die Erdoberfläche und wird zum Teil zurück gestaut. Es bildet sich eine Art Luftpolster. Wer schon einmal auf einem Luftkissen gesessen hat weiß, dass das unter dem Allerwertesten sehr leicht in beliebige Richtungen nachgibt. Ähnlich geht es einem mit einem schlecht aufgeblasenen Schwimmring im Wasser. Wer die Luftbewegung schlecht einschätzen kann, sitzt bald auf der Erde oder liegt im Wasser. Hubschrauberpiloten müssen mit dem Hintern regelrecht „erfühlen“, wohin ihr Fluggerät abwandern will und deshalb bei Start oder Landung fast jede Sekunde irgendwie eingreifen, nur um kaum zu ahnende Abweichungen zu verhindern. Diese Fähigkeit, sie betreffende Situationen voraus zu sehen, macht sie gegenüber unseren nicht immer berechenbar denkenden Damen eindeutig zu Favoriten.
                Nach meinen Beobachtungen hier an seelenloser Technik komme ich zu dem Schluss, dass die guten Werkzeugbauer den Piloten den Rang ablaufen könnten. Sie erfühlen regelrecht, dass nicht ein falsch geschnittenes Gewinde der einzudrehenden Schraube entgegenwirkt, sondern ein Span, der trotz Ausblasen mit Druckluft in der Bohrung sich verklemmt hatte. Was ich daheim mit etwas Krafteinsatz anbringe, lassen sie sein. An dessen Stelle tun sie alles, um den Span heraus zu bekommen. Begründung: bei erforderlicher Reparatur bekommt man das Teil nicht heraus, denn nach gewisser Zeit sitzt die Schraube bombenfest. Diese Erfahrung machte ich schon – jetzt werde ich das vermeiden können.   
                Oder – sie lösten eine große Schraube heraus, obwohl die gefasst hatte, aber zu lang überstand. Dabei äußerten sie sich wenig fein über den Monteur. Meine Frage wurde so beantwortet: „Die Schraube soll einerseits das Teil einfach halten, es andererseits mit dem Schraubenkopf an die Unterlage pressen. Diese zweite Aufgabe erfüllt sie nicht. Der Monteur war offensichtlich nicht einmal ein richtiger Klempner.“

                Der Ältere von beiden Kollegen war gestern mutig. Er hatte bei unserer Fahrt ins Hotel den Schriftzug „SPAR“ gesehen – gemeinsam mit Reklame für ein Lebensmittelgeschäft der Firmenkette in ukrainischer Sprache. Bemüht, den Dolmetscher nicht zu überlasten, nahm er seine Tragetasche und machte sich zu Fuß auf den Weg. Allerdings wunderte er sich, dass er nach längerer als geschätzter Zeit an einer großen Kreuzung ankam. Weil dort jedoch in einem Schaufenster Lebensmittel zu sehen waren, ging er in das Geschäft. Dort nahm er sich in Selbstbedienung alles, wie in einem deutschen Supermarkt. Ging an die Kasse, an der keine Leute zu sehen waren. Weil er kein Wort verstand, bekam er erst nach längerem mit, dass die Kassiererin Feierabend hatte, ihn an eine andere Kasse verwies. Dort wurde er etwas gefragt, das er mit Kopfnicken beantwortete. Dafür bekam er eine Plastiktüte, die er nicht gewollt hatte, aber nahm. Als er bezahlte, hatte er erst einen kleinen Schein vorgeholt, dann den größeren. Erneut redete die Verkäuferin auf ihn ein. Er antwortete „No Russisch!“ – sie gab ihm mit Gesten zu verstehen, dass sie den kleineren Schein möchte, um besser herausgeben zu können. Den größten Schock bekam er, als sie ihm verbat seine Waren zu nehmen – sie legte die selber fein säuberlich in seine Einkaufstüte und verabschiedete ihn mit einem Lächeln. Ich kommentierte seine Erlebnisse mit der Bemerkung, es hätte noch dicker kommen können. Wenn nämlich – für Deutsche absolut unverständlich – an der Kasse keine alkoholischen Getränke bezahlt werden konnten, er also mit seinem Bier stecken geblieben wäre. Vielleicht muss ich ihnen das dort vorführen, wo ich das auch hier schon erlebte.
               Als er nach seinen Abenteuern wieder zurück ins Hotel ging, sah er plötzlich rechts von sich den gesuchten Schriftzug "SPAR" - und ärgerte sich nur ein wenig über den unnötigen Weg.

Bleiben Sie recht gesund!

Ihr

Siegfried Newiger






                

Ehre der Arbeit


Erstmalig bin ich über längere Zeit in der Werkhalle  eines Unternehmens tätig, welches unter anderem Produkte für die Montanindustrie fertigt. Gelegen in der Ostukraine, in Lugansk. Weil meine Kollegen die sprachliche Unterstützung nur selten brauchen – sie sind mit monotonen Arbeiten beschäftigt wie Löcher in metallische Konstruktionen bohren und darein Gewinde schneiden – habe ich mir einen Arbeitsplatz für meine Schreibarbeit in Nähe elektrischer Anschlüsse gesucht. Diese sind in der Werkhalle selten – die Fertigungstechnik ist an 308-Volt-Netze angeschlossen. Etwa alle 20 Minuten läuft automatisch der von meinem Stuhl ca. 1,5 m entfernte Kompressor an, um den Druckbehälter für zwei Werkhallen aufzufüllen. Er macht viel Lärm. Dagegen habe ich mir meine Kopfhörer vom Laptop aufgesetzt. Im Hintergrund sind die Geräusche von zwei Karusseldrehbänken und einer Wasserstrahl-Schneidmaschine hörbar.
Soeben hat uns der junge Maschinenfahrer aus der ersten Schicht an der von uns zu vervollkommnenden Spezialmaschine freudestrahlend verkündet, dass der Schwangerschaftstest bei seiner Frau positiv ausgegangen ist und uns zur Taufe eingeladen.  Ein freudiges Vorereignis.
Heute früh habe ich erstmals im Becken der Wasserstrahl-Schneidmaschine eine Metallplatte von 8 cm Stärke gesehen und den mit Einstellarbeiten beschäftigten Bediener gefragt, welche Metalldicken geschnitten werden können und mit welchem Druck.  Erfahren, dass Teile mit hoher Genauigkeit und unbeschädigten Schnittflächen aus Stahl oder anderem Metall bis 200 mm Dicke (20 cm!) herausgearbeitet werden. Die numerisch gesteuerte Maschine liefert dabei die erstaunlichsten Formen nach Vorgabe. Anschließend habe ich ein fertiges Werkstück beschaut und betastet. Recht glatt, ohne Grat, exakte Form. Deutlich dem bekannteren Brennschneiden überlegen oder dort, wo möglich, dem vorzuziehen.  Natürlich wird die Anwendung auch hart kalkuliert.
Der Arbeitsdruck: 3500 bar – für ungeübte – 3500 Atmosphären. Welche Anforderungen an Sicherheitsstandards! Und an die Disziplin im Umgang mit solcher Technik! Habe hier in diesem Zusammenhang auch eine andere Information richtig einzuordnen gelernt: die Demontage von Titan-Auskleidungen in Startschächten von Raketen (Abrüstung in USA und Russland) wird mit solchen Schneidwerkzeugen vorgenommen, um mögliche Reste von Treibstoffen nicht zu entflammen. Dem an und für sich nicht kompressiblen Wasser werden noch feinste Sande oder andere Stoffe beigegeben, die Schneidmöglichkeiten zu verbessern.

In der nebenan liegenden Werkhalle bekam ich auch den Operator zu fassen, welcher gerade erst ein 60 mm dickes  und etwa 2,20 m langes gerades Metallstück (Stahl) zwischen die Walzen seiner Maschine eingelegt hatte. Durch Kaltwalzen sollte daraus ein Halbkreis geformt werden – von etwa 1,3 m Durchmesser. Der anschließend an einem anderen Platz mit einem zweiten Halbring zu einem Kreis verschweißt werden würde. Eine Weile sah ich diesem Vorgang zu – in der Abfolge der Arbeitsgänge sehr eintönig, jedoch volle Aufmerksamkeit und disziplinierte Einhaltung technologischer Vorgaben erfordernd. Denn ein hier verpfuschtes Werkstück kann nicht wie ein verbranntes Brötchen an Hühner oder Schweine verfüttert werden… Wie mein deutscher Kollege treffend sagte: „Von den langen Maschinenschrauben habe ich einige mehr mitgebracht. Die kann man einkürzen. Kurze zu verlängern ist komplizierter.“

Da ich trotz Ausbildung als Ingenieur und dadurch erworbenen Grundkenntnissen in allen Bereichen nie mit Konstruktion oder Produktion von Maschinen zu tun hatte, sondern nur mit deren Nutzung, sind mir viele Vorgänge in der Fertigung neu und deshalb interessant. Vor allem auch deswegen, weil meine Ausbildung und mit ihr verbundene Praktika in Industriebetrieben mehr als vierzig Jahre zurückliegen. Die Notwendigkeit von Spezialisten in allen produzierenden Bereichen erfasste ich hier erstmals so deutlich – auch, weil ich sie mit den mir inzwischen schon unangenehmen aufdringlichen Lockungen im Internet verglich. Nur ist dieses ihr Wissen und Können im Internet sicher nicht verwertbar. Es ist folglich etwas überheblich zu behaupten, jeder könne dort erfolgreich und reich werden. Weil nur das vermarkungsfähig ist, was auch allgemein interessiert. Wer aber interessiert sich dafür, wie ein 6 cm dicker gerader Metallstab von 2,20 m Länge (Abmessungen austauschbar) und 10 cm Breite in einen Halbkreis umgearbeitet wird? Aus hunderttausend Lesern vielleicht einer. Damit ist ein auf diese Spezialität ausgerichteter Blog einfach nicht profitabel. Nur ist häufig der Maschinenarbeiter-Spezialist nach der „Schicht für andere“ nur körperlich und geistig fertig, an seinem Ende. Er hat alles gegeben, damit wir die Segnungen moderner Technik nutzen können.

Ihn zu achten – das sollte unsere Einstellung sein. Denn genau das, was Ferdinand Freiligrath in seinem Gedicht "Ehre der Arbeit" so ausdrückt, ist wahr:

„Wer den wucht'gen Hammer schwingt, wer im Felde mäht die Ähren, 
wer ins Mark der Erde dringt, Weib und Kinder zu ernähren, 
wer stroman den Nachen zieht, wer bei Woll` und Werg und Flachse
hinterm Webestuhl sich müht, dass sein blonder Junge wachse:
Jedem Ehre, jedem Preis! Ehre jeder Hand voll Schwielen!
Ehre jedem Tropfen Schweiss, der in Hütten fällt und Mühlen!
Ehre jeder nassen Stirn hinterm Pfluge!- doch auch dessen,
der mit Schädel und mit Hirn hungernd pflügt, sei nicht vergessen!“

      Nicht der umtriebige „Manager für Vertrieb“, der anscheinend das Geld hereinbringt,  ist die Hauptperson – sondern derjenige, der ohne jede Herrschaftsansprüche täglich seiner wirklich unentbehrlichen Arbeit nachgeht, die Waren für den Vertrieb zu schaffen.

Bleiben Sie recht gesund!

Ihr

Siegfried Newiger





Alle Millionäre?


                Keinem von jenen, die im Internet mit guten Ideen und Produkten schon viel Geld verdient haben, neide ich auch nur einen Cent. Allerdings angesichts dessen, was ich eben erst erlebt habe, erlaube ich mir einige Bemerkungen. Zum Überdenken. Zuerst zu den Erlebnissen.

                Zurzeit bin ich in Lugansk, einer ostukrainischen Stadt. Sie hat industriellen Hintergrund seit ihrer Gründung – im Prinzip um eine Stahlgießerei herum. Während die Eisenvorkommen erschöpft sind, gibt es in der Nähe noch Steinkohleabbau. Wir sind mit zwei anderen Kollegen dabei – ich als Dolmetscher – eine aus Deutschland eingeführte Spezialmaschine in einem hiesigen Industriebetrieb mit erforderlichen Konstruktionselementen zur ergänzen. Die Arbeit ist sehr aufwändig – bei Konstruktion nach anderen Vorgaben und Vorüberlegungen wäre sie vielleicht unnötig gewesen.
                Eines der Elemente war extrem lang – es einzukürzen wäre möglich gewesen, hätte die Effektivität der geplanten Änderung aber verringern können. Deshalb eine Beratung mit dem Kranführer und der Gruppe ukrainischer Arbeiter, welche die Einsenkung des Bauteils mit zu begleiten hatten.
                Aus den vielen Vorschlägen kristallisierten sich alle jene heraus, die sinnvoll und machbar erschienen. Auch da gab es Korrekturen durch die Praxis – aber der Kranführer des Autokrans brachte mit gefühlvoller Millimeterarbeit das 2,85 m lange und etwa 800 kg schwere Kreuzstück über die Öffnung, in welche es versenkt wurde. Dabei hätte er leicht das Hallendach von innen abdecken oder schon existierende, wesentliche Aufbauten der Spezialmaschine beschädigen können… Auf den Gesichtern aller Beteiligten erschien das Lächeln der Erleichterung und des Stolzes auf das „Wir haben es doch geschafft!“ Wir drei bedankten uns vor allem beim Kranführer.

                Alle ukrainischen und deutschen Mitarbeiter könnten sich bessere Arbeitsbedingungen und Löhne vorstellen. Viele gehen auch mit, wenn der Ruf erklingt, sich selbständig und auch finanziell unabhängig zu machen. Also lange durchschlafen, arbeiten nach Lust und Laune sowie ohne Chef, mehr verdienen, mehr Zeit für die Familie oder Hobbys, Urlaub mehr und öfter und was alles sonst im Internet noch angepriesen und versprochen wird.
Nur steht dann die Frage Bertold Brechts im Raum: „Wer baute das siebentorige Theben?“

Auch im eigenen Traumhaus auf Mallorca gibt es keine Croissants mehr zum späten Frühstück nach dem ausgiebigen Schlaf, wenn der Bäcker auch länger schläft und an Stelle von frischen Backwaren  im Internet das Coaching zum Brötchen-Selbstbacken verkauft. Kein Luxuswagen wird mehr repariert – die Mechaniker werden reich durch Videokurse über Selbst-ist-der-Mann bei der Porsche-Reparatur… Wenn wir alle zu Internet-Dienstleistern mit extrem hohen Bezügen werden, müssen die Gelddruckmaschinen in drei Schichten laufen – 7 Tage in der Woche. Manche Dinge werden dann klarer, wenn man sie ins Extreme steigert.

Wer sich auf einen Internet-Geschäftsversuch einlässt, muss sich im Klaren darüber sein: es ist ein Vorgang wie an der Börse – du riskierst allerdings mit wesentlich geringerem Einsatz als bei einer Unternehmensgründung auf übliche Weise, kannst bei genauerer Einsicht, erworben durch eigenen Fleiß und gute Berater wirklich großen Gewinn machen. In anderem Falle machst du jene zu Millionären, welche deine Verluste als Teil ihres Gewinns mit einfahren.

                Einer meiner Brüder ist ein begnadeter Handwerker. Er findet die Welt im Wesentlichen in Ordnung so, wie sie ist. Geld im Internet zu verdienen fiele ihm im Traum nicht ein. Er hat da den Stolz jener, von denen man sagt: „Sie haben es mit ihrer Hände Arbeit geschaffen.“ Und wenn es die Laube im Schrebergarten ist. Er hat bei einer Gelegenheit einmal gesagt: „Komm du Maulwerker mal an meine Drehbank. Da sehen wir, wer wen!“ Von seiner Art waren heute und sind in Zukunft alle jene, die uns bei unserer Aufgabe hier geholfen haben. Das sind auch alle, welche weiter Haare schneiden, Kartoffeln oder Reis anbauen, iPhones montieren oder Lokomotiven durch die Nacht fahren. Die nicht laut rufen: „Werte Millionäre, kommt zu uns an die Werkbank.“ Denn dann werden die geschäftstüchtig durch Automatisierung verringerten Arbeitsplätze noch weniger – selbst wenn mancher der Genannten bei Test auf berufliche Brauchbarkeit ausgesondert würde…

                Es gibt unter allen, welche gute Geschäftsideen zugkräftig im Internet vermarkten auch jene, die ehrlich formulieren, dass sie die Dienste dritter gegen Bezahlung einsetzen. Das können auch im eigenen Internet-Unternehmen beschäftigte Mitarbeiter sein. Sie überzeugen mich mit einer sachlich stimmigen Kosten-Nutzen-Rechnung. Dabei wird von ihnen auch erwähnt, dass Dienstleistungen aller Art sehr preiswert zu bekommen sind. Die Dienstleister also kaum Millionäre werden.
Es bleibt zu wünschen, dass die genannten abhängig beschäftigten Personen ebenso wie ihr Arbeitgeber leben – wovon ich nicht überzeugt bin… Sie werden rechtzeitig aufstehen, pünktlich auf der Arbeit sein müssen, den Weisungen eines – vielleicht auch guten – Chefs nachkommen dürfen, Freizeit und Urlaub  nicht nach eigenem Wunsch organisieren können…

Es im Internet nicht zu versuchen ist auch kein Ausweg. Eine beliebige Chance kann zu „der Chance“ werden. Für Selbstverwirklichung und ein bescheidenes Zusatzeinkommen.

Bleiben Sie recht gesund!

Ihr

Siegfried Newiger







                

Nach dem Sonntagsspaziergang


Eigentlich hatten wir, um Zeit zu gewinnen, am Sonntag wenigstens sechs Stunden arbeiten wollen. Die zusätzliche Montage einer Baugruppe an eine bereits in Betrieb gegangene Maschine ist extrem zeitaufwendig. Allerdings konnte der Auftraggeber aus innerbetrieblichen Gründen unserem Wunsch nicht nachkommen. Also baten wir seine unverheiratete Sekretärin, welche einige Zeit offiziell in Deutschland gearbeitet hatte, uns die Besonderheiten ihrer Heimatstadt zu zeigen. Etwas verschämt meinte Julia, sie habe einen Haushalt – sie lebe mit einem Lebensgefährten zusammen. Bei ihnen wäre das Wochenende schon verplant. Also war der Ball wieder bei mir.
                Deshalb gingen wir drei am Sonntag nach dem relativ spät eingenommenen Frühstück zum Zentralmarkt. Auf einer Parkallee in seiner unmittelbaren Nähe war „Vogelmarkt“ – die Bezeichnung für privat eingerichtete zeitweilige „Verkaufsstände“, an denen allerlei junge Haustiere – vorwiegend Hunde und Katzen – verkauft werden. Ab und an auch Jungvögel.
            Dort saß zu meinem Erstaunen Xenia, ihre kleinen Kätzchen anbietend. Wir begrüßten uns freundschaftlich – von meinen Kollegen erst einmal etwas befremdet registriert. Als sie ihnen auch die Hand reichte – hier ein Vorrecht der Frauen, das ich meinen Mitstreitern schon erläutert hatte – waren sie angenehm überrascht.
                An einem Obststand wurde ich von den beiden Verkäuferinnen – Schwestern – wie ein lieber Freund begrüßt, da ich bei ihnen zu jedem Besuch in Lugansk immer meine täglich zu verzehrenden Äpfel kaufte. Erneut eine erstaunte Reaktion der beiden Herren.
               Endgültig kamen die Männer zu der Auffassung, dass ich ein unverbesserlicher „Weiberheld“ sei, als im Fischpavillon eine Verkäuferin mit mir ein freundschaftliches Gespräch begann mit dem Hinweis darauf, dass sie wieder so schmackhaften Räucherfisch im Angebot hätte, von dem ich beim vorigen Besuch ein Stück gekauft hätte.
                Die an orientalische Basare erinnernde unangenehme Enge zwischen den Verkaufsständen, die eintönige Vielfältigkeit des Angebots, das intensive Aushandeln von Preisen – alles in Deutschland nicht so zu beobachten. Aber auch die offensichtlich damit verbundenen Probleme jener, die häufig apathisch in ihren Ständen standen oder saßen, ließ bei meinen Kollegen Fragen aufkommen.

                Auf dem Rückweg sahen wir am „Lugansker Handelshaus“ sehr gut aufgemacht Bilder zur Lugansker Geschichte, dazu die Vergrößerung aus einer Anordnung von Zarin Katharina II. von 1795 zur Gründung einer Eisengießerei am Fluss Lugan mit Schaffung einer Siedlung daselbst. Die Begründung: in der Nähe waren Steinkohlevorkommen und Lagerstätten von Roteisenerz entdeckt und Gruben in Betrieb genommen worden.

                Nach einem bescheidenen, wohlschmeckenden und für meine Kollegen erstaunlich preiswerten Mittagessen in einem äußerlich unscheinbaren Restaurant ging es ins Hotel zurück. Am Nachmittag baten sie mich, mit ihnen doch einen Spaziergang durch die nähere Umgebung zu machen, welche geprägt ist durch mehr oder weniger erhaltene Einfamilienhäuser (so genannter „Privatsektor“). Mein Einwand, dass dort nichts architektonisch Bemerkenswertes zu erwarten wäre, wurde abgeblockt: wir wollen einen Eindruck davon bekommen, wie die Menschen hier in ihrem Alltag leben. Diese Eindrücke waren vielschichtig – darunter die von den Mauern des hiesigen Untersuchungsgefängnisses. Fazit: es sind neben den Abrissobjekten solche zu sehen, die davon zeugen, dass die Bewohner in sinnvolle Reparatur und auch äußeres Aussehen investiert haben – der Schritt voraus ist zu erkennen.

                Am Montag die Arbeit am Vorhaben und der Beweis für die Findigkeit unserer ukrainischen Partner. Montierte Maschinen sind in ihren äußeren Konturen nicht unbedingt genormt. Also ist das Anheften von Blechschablonen für maßgerechte Bohrungen nicht einfach. Herkömmliche Zwingen waren zu klein. Aber man hatte von den ukrainischen Mitarbeitern den Sinn erfasst und auf eine verblüffend einfache Art „Hilfszwingen“ gebastelt, welche ihren Zweck ordentlich erfüllten. Für mich war erneut deutlich, wie helle Köpfe und geschickte, an Arbeit erfolgreich trainierte Hände die technischen Wunder vollbringen, auf denen moderne Produktion beruht. Durch welche Produkte entstehen, die von deren Verbrauchern nicht selten ohne Achtung vor der darin steckenden fachlichen, also intellektuellen und körperlichen Leistung genutzt werden.

Bleiben Sie recht gesund!

Ihr

Siegfried Newiger